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stirnlicht Beiträge

Der Besinnlichkeits-Motor stottert

Noch nie kämpften Kerzenschein und Glitzerklang so verzweifelt um jenen Zustand, den man Besinnlichkeit nennt.
Obwohl dieser Zustand das Besinnen in Wahrheit lieber abschalten möchte für ein weggetretenes leckmich-Feeling.
Ein Zustand, der sich so sehr darin gefällt, ansteckend zu sein.
Nicht zum ersten Mal sinkt die Weihnachtsinzidenz rapide.
Es gab zum Beispiel Jahre, da war der Dezember so mild, dass einem der Glühweinstand wie blanker Hohn vorkam.
Noch früher gab es Krieg, wo man der Überlieferung zufolge, vor der Besinnlichkeit kapitulierend, über Schützengräben hinweg mit dem Feind gemeinsam gesungen hatte.
Das gibt es diesmal nicht.
Das Virus singt nicht mit.
Wer heuer nach 2-G-Check den letzten vor Bundesnotbremsen geretteten Weihnachtsmarkt betritt, wertet ein alkoholisches Heißgetränk höchstens als zusätzliche Desinfektion.
Die Engelein scheinen vom Tannenbaum herab zu drohen, dass man sie bald persönlich treffen könnte.
Die Kugeln am Baum gemahnen an die Form des Erregers. Bis auf die mutierenden Puschel.
Knabenchöre wirken gefährlich aerosol-belastend.
Die Werbung für das große Jahresendkaufen kokettiert mit dem Lockdown. Eilet herbei, bevor ihr wieder besorgt Klopapierrollen abzählt!
Sicher gibt es einzelne Querfühlende.
Manche empfänden Kontaktbeschränkungen als willkommene Ausrede, anstrengende Besuche absagen zu dürfen und dadurch die Geschenke-Munitionierung abzurüsten.
Andere aber, vielleicht sogar die meisten, würden sich so gern der gewohnten süßen Sedierung zum Jahresausklang hingeben wie ein Verzweifelter an die Opiumhöhle.
Das Fernsehen boostert, so gut es kann, mit weihnachtlichen Estraden.
Der Supermarkt stellt tapfer Süßwarenregale in den Weg.
Der Nachbar beleuchtet sein Haus so heftig, dass es selbst Greta die Tränen in die Augen treiben würde.
Mehr könne man doch nicht tun.
Heißt es auch diesmal.
*
P.S.: für den Stimmungslevel kommt dieses Jahr wenigstens das hier aus meiner Hörspiel-Manufaktur:

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Die Zuspitzung spitzt sich zu

Täglich wird derzeit die Zuspitzung der Lage vermeldet.
Leider habe ich in meinem Leben bereits eine beachtliche Immunität gegen diese Floskel entwickelt.
In meinem übrigens an Zuspitzung zugrunde gegangenen früheren Land wurde unentwegt darauf verwiesen, dass sich im benachbarten Kapitalismus die Widersprüche zuspitzen würden.
Dies stärkte allerdings nur unbeabsichtigt die Bewunderung für den Kapitalismus, dem es trotz dieser Entwicklung immer noch erstaunlich gut ging. Die Zuspitzung schien außerdem endlos zu sein, als würde die Spitze der Widersprüche sich immer mehr verjüngen, bis sicher kein Floh mehr auf ihr würde sitzen können.
Manche Agitatoren verließen sich daher nicht mehr auf das Bild und sprachen einfach davon, dass die Lage ständig zunähme. Wie ein Topf, der irgendwann überläuft. Aber selbst das Überlaufen nahm damals eine andere Richtung.
Psychologisch führt eine zu lange Zuspitzung irgendwann zur Abstumpfung.
Die Abstumpfung kann sich sogar zur Ignoranz zuspitzen.
Und geradezu verhängnisvoll ist, dass die Floskel reflexiv ist: die Lage spitzt SICH zu, wie ein Bleistift, ohne angespitzt zu werden. Bei genauer Betrachtung aber gibt es immer Menschen, die durch ihr Tun, besonders aber durch ihr Lassen für alles verantwortlich sind.
Heute haben wir es leider nicht mit einem gemütlichen ideologischen Systemvergleich zu tun, den man endlos eifernd bemühen kann, sondern mit einem verbal gar nicht argumentierenden Virus. Es begegnet allem Alarm-Mimimi einfach mal mit einer neuen Mutation, und ich warte stündlich auf die Schlagzeile, dass sich damit die Lage zuspitzt.
Das Boostern der Besorgnis.
Dass sich hingegen Denken und Handeln zuspitzen, wird, wohl im Bewusstsein der Übertreibung, nie gemeldet.

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krisen-körner 5

Die freiheitliche Aufklärung beschwor einst die Vernunft.
Heute beruft sich die Unvernunft auf die freiheitliche Aufklärung.
*
Immer noch begegnet man der Auffassung, dass mit einem Virus Freiheitsrechte diskutiert oder verhandelt werden können.
Was soll es noch anstellen, dass man ihm die Verweigerung glaubt?
*
Virenmutationen erzwingen Parteimutationen.
*
Die Impfpflicht wird als Zumutung empfunden. Warum nicht die Straßenverkehrsordnung? Weil sie nicht in den Körper eingreift? Ihr Fehlen täte es.

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Ein Drahtherz für Vögel

Das Drahtherz mit den Meisenknödeln (mindestens sechs auf einmal) ist, seit es sich in Vogelkreisen herumgepiepst hat, zu einem unansehnlichen Schauplatz der Wahrheit geworden.
Wenn zuerst gelegentlich einer einzelnen, possierlichen Meise beim Tafeln zugeschaut werden durfte, balgt sich dort jetzt erbarmungslos ein gutes Dutzend Vögel und jagt jede Beschaulichkeit der Naturbetrachtung zum Teufel.
Es wird verjagt, gehackt, geschrien – einer ist des anderen Deibel, und auf dem Boden lauert die spielsüchtige Katze.
Die Natur, die ich bewahren will, ist kein Idyll, sondern eine hässliche Kampfarena voller Brutalität und Egoismus.
Ich fülle das Drahtherz weiter, als putzte ich einen Spiegel.

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Vom Untertan zum Trotzkopf

Wenn die Erwachsenen im Festsaal der Gaststätte meines Geburtsdorfes feierten und nach den steifen Rhythmen der Dreimannkapelle tanzten, kamen manchmal Nummern, bei denen man es fast mit der Angst bekam.
“Wir lassen uns das Singen nicht verbieten, Das Singen nicht und auch die Fröhlichkeit.”
Es klang vom Text wie eine Drohung und von der Musik wie ein Militärmarsch.
Die mitgrölten, hätten uns Jungen damals gern verboten, die Haare lang wachsen zu lassen, aber das nur am Rande.
Immerhin wirkte dieses so genannte Stimmungslied kontrastierend zum Untertanengeist, den man gern im Deutschen feststellt.
Er scheint, beschaut man nun das Karnevalstreiben, davon geheilt zu sein, so bald er Geselligkeit und Umtrunk wünscht.
Man lässt sich das Ignorieren nicht verbieten.
Ein bisschen Kontrollbudenzauber, und alles ist schick.
Untertan bleibt man am Rhein freilich dem Kalender, auf dem nun mal Fröhlichkeit eingetragen ist zum 11.11.
Da wird gehorcht.
Verweigert wird hingegen die Realität.
Das Ergebnis: am deutschen Wesen ist bei Corona kein Genesen.

*
Irgendwie auch prophetisch,der DEFA-Film von 1948 “1-2-3 Corona”:

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Erneutes Interview mit einem Virus

Blogger: Wir haben uns lange nicht gesprochen. Es ist auch gar nicht so leicht, mit Ihnen ins Gespräch zu kommen.

Virus: Mit einem Virus kann man ja eigentlich überhaupt nicht reden. Aber bei Ihnen mache ich eine Ausnahme.
Ich muss auch gleich weiter, mein Comeback ist ja triumphaler als das von ABBA!
Eine Zeitlang dachte ich, dass sie mich jetzt am Kragen haben mit den Impfstoffen, aber…

Blogger: Die Impfdurchbrüche!

Virus: Oh, ich zehre mehr von den Vernunftdurchbrüchen!
Danke an all jene, die meinen, eine durchbrochene Wand sei keine Wand!
Schon sind die Intensivstationen besser gebucht als Malle im August! Niemand hat die Absicht, gegen mich eine Mauer zu errichten! Die Freiheit siegt!

Blogger: Sind Sie nicht beleidigt, wenn manche immer noch Ihre Existenz oder Gefährlichkeit leugnen?

Virus: Alle, die meinen, mich gibt es nicht, sollen wissen, dass ich ihnen danke!
Aber auch all jene, die die Maske nicht über die Nase kriegen und die einen Meter fünfzig für eine Modellbahnspurweite halten! Danke an jene Gastronomen, die nicht einmal nach Impfung oder Test fragen! Nichts ist so niedlich wie ein dort aufgestelltes, einsames Desinfektionsfläschchen auf dem Beistelltischchen!
Es lebe 3G: geleugnet, genervt, gelassen!

Blogger: Nun ist genug gedankt. Sie sind ja schlimmer als ein Politiker in der Wahlnacht.

Virus: Meines Wissens bin ich derzeit die einzige Regierung in Deutschland. Quasi Merkels Nachfolge.
Kein Politiker sonst traut sich, etwas gegen mich zu unternehmen, was den Unmut der Anzusteckenden weckt.

Blogger: Einen erneuten Lockdown?

Virus: Absolut nicht weihnachtskompatibel. Außerdem dürfte die Kurzarbeit-Kasse leer sein. Und das Schlimmste ist…

Blogger: Die Todeszahlen steigen?

Virus: Viel schlimmer: die Zulieferer liefern nicht mehr zu! Der Kapitalismus hat Atemnot! Da muss diesmal das Sofa im Homeoffice leer bleiben. Jajaja, jetzt wird wieder in die Hände gespuckt!

Blogger: Das ist unhygienisch!

Virus: Würde ich es sonst vorschlagen?
*

Dieses Viren-Interview-Hörspielchen aus dem januar hatte ich mal aus der Homepage herausgenommen, als die Impfstoffe kamen.
Jetzt ist es, für anhaltend aktuell befunden, wieder drin.

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Quoten und Fälschung

Das gut Gemeinte tut nicht immer Gutes.
Mit ernsthaftem Bemühen wird in großen Serien-und Filmproduktionen immer stärker ein Besetzungsproporz gewahrt: paritätisch sind Frauen, Schwarze, Asiaten und, wenn der Cast groß genug ist, auch Abkömmlinge indigener Völker in tragenden Rollen vertreten.
(Mörder übrigens ausgenommen, diese Rolle ist die letzte unangefochtene Domäne des weißen Mannes.)
Dass durch den Proporz keine gesellschaftliche Wirklichkeit abgebildet wird, scheint nicht zu stören. Oder giftig gesagt: die Besetzungsgerechtigkeit leugnet die tatsächlich bestehende Ungleichheit. Statt Rassismus zu begegnen, blendet sie ihn weg.
Besonders absurd, aber auch vertrackter, wird das Ganze in historischen Milieus, die bevorzugt für Fantasy-Serien herangezogen werden.
Fantasy ist freilich pure Spinnerei,  aber wenn im viktorianischen England ein Schwarzer gehobener Polizeibeamter ist (“The Frankenstein Chronicles”), ist dies doch auch eine hinterhältige Leugnung von kolonialer Unterdrückung.
In Kürze startet mit “Das Rad der Zeit” eine weitere Proporz-Fantasy-Serie. Wir sind in einem an “Der Herr der Ringe” erinnernden Mittelalter, in welchem nun aber auch das eingangs erwähnte einträchtige ethnische Durcheinander zelebriert wird (wie im ziemlich gewittrigen Trailer zu erkennen). Dabei müssen farbige Vertreterinnen des Hochadels freilich die Klamotten der weißen Tradition tragen beziehungsweise das nuttige Outfit, das mittlerweile für Spielhandlungen in diesen pseudohistorischen Sets verbindlich wird.
Wird junges Publikum noch den Erzählungen von Sklavenhandel und Apartheid glauben, wenn es davon ausreichend  gesehen hat?
Zum Ausgleich, mag man einwenden, gibt es Serien wie ”Them” über die rassistische Wirklichkeit in den USA der 50iger.
Vielleicht wird aber schon bald der Proporz verlangen, dass da auch Weiße als Opfer vorkommen müssen.
Wenigstens bei Fantasy.

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