Irgendwas mit Medien -6- Aufräumjournalismus

Immer stärker sind Journalisten, statt Neuigkeiten zu verbreiten, damit beschäftigt, Falschmeldungen und erfundene Verschwörungen zurückzuweisen. Meist nennt sich das “Faktencheck”, aber es ist nur ein Aufräumen einer immer blütenreicheren Spielwiese.
Nein, es sei keine zweite Pandemie geplant, muss klargestellt werden. Nein, es liegen vor allem Ungeimpfte auf den Corona-Stationen und ‘das Internet’ hat den falschen Bogenschützen verdächtigt.
Zusammen kommen bei den meisten faktencheckbedürftigen Meldungen Wirklichkeitsverweigerung und Selbsterhöhung zu unglückseliger Paarung, was dazu führt, jeden Käse aus undurchschaubaren Quellen zu glauben.
Die These “Wir werden ständig belogen” wird zu einer Kuschelecke, in welcher sich die Medienflüchtlinge einander gesunden Menschenverstand versichern, was immer als angenehm, weil überlegen empfunden wird.
Überlegenheitsgefühle gehören allerdings zu den gefährlichsten des Menschen, weil sie verwendbar sind.
Dazu kommt oben drauf noch der latente Wunsch, alles möge doch ganz anders sein, denn, wie es ist, ist es nicht schön.
Sicher werden, wenn wohl demnächst neben dem Alkohol weitere Drogen legalisiert werden, noch bizarrere Nachrichten erfunden werden. Die Headline “Kiffen verstärkt Fakenews” hau ich schon mal raus. Faktencheck muss aber noch warten.

Unterwegs Richtung Zukunft übernachten

Das coole Hotel unterwegs bietet eine eindrucksvolle Begegnung mit der Jugend, denn es müssen junge Menschen gewesen sein, welche die sehr stylische Herberge designt haben.
Ein erster Hinweis ist, dass man zum Infahrtsetzen des Fahrstuhls beide Hände benötigt: eine für die Zimmerkarte am Sensor, eine für die Etagentaste. Unbedingt gleichzeitig.
Ein zweites, viel stärkeres Indiz aber ist, als auf dem Klo nach zwei Minuten das Licht ausgeht.
Länger braucht doch keiner, dachten sie sich.
Wohl dem, der in höherem Alter noch mit den Armen gelenk genug fuchteln kann, denn nur dieses alberne Tun erregt den Lichtsensor. Lichtschalter gibt es nicht mehr.
Zähneputzen findet vor einem wirklich sehr schönen Natursteinbecken im gleichen Raum statt, in welchem Bett und Fernseher und alles andere sind. Auch der Partner. Nicht schlimm, dachten sich die Jungen, sich vor den Augen des Anderen die Zähne zu putzen. Mittlerweile handelt es sich allerdings auch schon mal um das Aus- und Einsetzen von Zahnersatz. Da würde man sich gern zurückziehen, aber davon ahnen die Raumgestalter sicher nichts.
Auch wird der Besitz eines Smartphones zwingend vorausgesetzt, möchte man erfahren, was die Dinge aus der Minibar kosten. Selbst mit Handy wird es aber knifflig, denn die wahrscheinlich A4-Preisliste lässt sich nicht vergrößern. Mir muss genügen, dass ich erkenne, dass das Bier einstellig kostet.
Die Welt wird immer komfortabler für Junge und versperrter für Alte.
Ich vermeide es, beim Auschecken etwas davon zu erzählen, weil ich weiß, dass ich für einen kuriosen Meckerkopp gehalten werde. Ich lobe nur die Schönheit.
Irgendwann wird es einem vielleicht sogar noch technisch unmöglich gemacht, den Jungen was zu vererben. Schade, dass man die Gesichter dann nicht mehr sieht.

Abhängigkeit als Menschenrecht

Bei Facebook-Besitzer Zuckerberg klingt es wie Mitgefühl und niemand käme auf den Gedanken, dass es Hohn sein könnte: “Menschen und Unternehmen auf der ganzen Welt sind von uns abhängig…” heißt es in der Erklärung zum jüngsten Blackout.
Und man entschuldige sich höflich für die Unterbrechung der Abhängigkeit.
Sie besteht wieder, und alle sind zufrieden
Während der Facebook-GAU Zuckerberg, wie es heißt, “Milliarden gekostet” hat, verdienen die Mitglieder seiner Netzwerke nach Wiederherstellung weiterhin keinen Cent daran.
Sechs Stunden lang durften sie die Plattform nicht füttern, aber jetzt sind die Absaugungen wieder gesetzt.
In den frühen Neunzigern, als man sich noch über Newsgroups oder Compuserve-Foren vernetzte, belächelte man eine mehrstündige Nutzung des Internets (nach Stunden wurde teuer abgerechnet) als Abhängigkeit.
Heute ist sie ein schützenswerter Zustand.
Kritiker verlangen zwar, dass es mehr Konkurrenz der Abhängigmacher geben sollte. Man sollte seine Unterwerfung verteilen können an verschiedene Gewinnerzielende. Aber das könnte unübersichtlich werden, und nichts fürchtet der Leibeigene mehr als das Chaos der Freiheit.
Dass Menschen und Unternehmen auf der ganzen Welt abhängig geworden sind von einer Anwendung, die ihnen weder gehört noch von ihnen kontrolliert werden kann, bemerkt man auch daran, dass niemand entsetzt ist über die obige Feststellung.
So sehr ist Abhängigkeit zu einem Lebensbedürfnis geworden.
Unterwerfung ist in.
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(Dieser Artikel wird nicht über Facebook gepostet noch kann er dort geliket werden. Nach einem zweiten Versuch der Vernetzung habe ich mich aus diesem seltsamen Zaumzeug wieder und endgültig befreit.
Eine Vernetzung kam nie wirklich zustande, sondern meist nur ein Beobachten des Strampelns um Aufmerksamkeit und die Versuchung, daran teilzunehmen. Letztlich ein würdeloser Zustand.)

Ein Selfie, ein Selfie!

Als aussagestarker Beweis für Verständigung von Grünen und Liberalen gilt der heutigen “Tagesschau” ein gemeinsames Selfie der Parteispitzen.
Überzeugender als mit einem auf keinen Fall professionell gemachten Gruppenfoto kann man nicht Vertrauen kommunizieren.
Ein Gruppenbild in Galatracht hätte nur das Misstrauen gesät, dass es sich um gestelltes Protokoll handelt.
Aber ein Selfie gilt als ehrlich.
Man rückt zusammen vor der kleinen Handylinse, wie man es nie vor der Profi-TV-Kamera täte.
Selfies sind ab heute nicht mehr nur Narzissmus-Symptome, sondern Kronzeugen politischer Verständigung.
Überschneidungen sind möglich.
Ein Ritterschlag jedenfalls für das Unbeholfene.

Wahl Watching

Das Begriffspaar “Bürgerlich – Links” ist hinterhältig gegensätzlich, aber effizient in der Herabwürdigung.
“Links” und “Bürgerlich” werden zu unvereinbar abgegrenzt erklärt, ja, im ‘Idealfall’ wird Linken der Status als Bürger abgesprochen.
Wenn Hinterhalt eine bürgerliche Tugend ist, passt es.
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Es kommt in den nächsten Tagen die Zeit des Verrats und des Umfallens.
Aber auch das ist Demokratie: Verrat und Umfallen.
Besonders die Grünen werden vielen Enttäuschten deutlich machen müssen, dass sie nicht links sind, was ja immer noch viele Gläubige glauben.
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Mich ängstigt das Eifertum der Greta-Followers.
Ist es die Gewöhnung (aus der Konsumwelt) daran, dass es alles sofort gibt, wenn man keine Geduld mehr aufbringt, für ein Ziel zu streiten?
Und radikal wird gegen alle, die nicht eifern?
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Laschet liebt offenbar Verbalchimären: “Zukunftskoalition” klingt wie “Brückenlockdown”.
Wenn er das Wort hat, meint er auch, den Inhalt zu haben.
Ein Wortglauber.
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Frau Weidel von der AfD spricht von “Corona-Kritischen”, wenn sie Corona-Unkritische meint.
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…und muss es nicht “ElefantInnenrunde” heißen?
Vielleicht gibt es jetzt einfach auch mehr Biodiversität, und es ist (mindestens) eine Elefanten-, Antilopen- und Giraffenrunde.

Selbst-Labeln

Das gute Gewissen kann man sich mittlerweile billig kaufen.
Selbst Aldi hat all zu feile Bio-Produkte. Im Fernsehen, bei Geldanlagen, überall, selbst beim Mineralwasser – immer gern das Siegel ‘nachhaltig’, als wäre nicht jeder von uns zu viel für diese kleine Kugel im Universum.
Über Überbevölkerung redet niemand, wohl weil sie der einzige Rettungsanker der Rentenversicherung ist.
Und man will nicht den Überbevölkerungen anderer Ethnien das Gelände räumen.
Volk mit (noch) Raum.
Die Klima-Hungerstreikenden kommen mir vor wie die Mitziehenden der Kinderkreuzzüge, die eiferten, das heilige Grab zu befreien, aber dann am Mittelmeer einfach nur kein Schiff hatten. Worauf sie mehr als ernüchtert zurück marodierten. Heil-los.

Wahlberechtigt?

Etwas unbefugt fühle ich mich jetzt schon.
Nicht ein einziges Triell habe ich angeguckt, keine Wahlarena oder sonstige Gladiatorenveranstaltung, nix.
Ich glaube nicht an den Triumph der Wahrheit im Krawall.
Bin ich Triell-Schwänzer andererseits nun fähig, eine fundierte Wählerstimme abzugeben?
Fehlt mir nicht der Horizont, hinter welchem es wie genau weitergehen soll?
Ich bin sogar, wenn ein Wahlwerbespot kam, gleich weggezappt, weil ich fremden Suggestionen gern ausweiche. Deswegen hat es Reklame schon schwer, meine Bluthirnschranke zu überwinden. Alles sträubt sich gegen Willensimplantate.
Der Preis für mein mediales Emeritendasein müsste nun großflächige Unbelecktheit sein. Theoretisch dürfte ich gar nicht durchsehen, fühle mich aber nicht so.
Was mache ich falsch oder sogar richtig?
Nicht einmal versuche ich, das herauszufinden. Es scheint mir schade um die Lebenszeit.
Ich wüsste ja manches, was besser in der Polis organisiert sein sollte, andererseits wäre ich in vielen anderen Ländern garantiert unzufriedener.
Ich wähle sehr, sehr wahrscheinlich wieder wie letztes Mal, weil ich mich im Einklang mit den programmatischen Grundsätzen der betreffenden Partei wähne. Und ich setze voraus, dass sie ihr Programm beim letzten Wahlparteitag nicht gecancelt hat.
Auch diese Partei besteht natürlich aus Menschen, die Fehler machen, bisweilen Eigennutz dem Gemeinnutz vorziehen oder Eitelkeiten haben. Es gibt nichts anderes.
Und doch ist mir flau wegen meiner Wahlkampf-Abstinenz.
Ich fühle mich beinahe unerlaubt nüchtern.
Fast ein wenig asozial, wenn ich mich keiner Wählerwandergruppe anschließe.
Am Sonntagabend aber wird es nicht anders gehen als eine aufgeregte Wahlsendung zu verfolgen. Dann dürfen die Gewinner endlich versuchen, mich zu überzeugen. Dafür schließlich sind sie ja gewählt.

Schüttsturm

Wenn alle Produkte, die derzeit in Internetanzeigen mit dem Slogan “erobert die Welt im Sturm” beworben werden, tatsächlich die Welt eroberten, wären alle Regierungen mttlerweile von Dingen abgesetzt.
Und sicher hätte so ein globaler Sturm auch Millionen unschuldiger Opfer verlangt.
Wie schön, sagt man sich einmal mehr, dass Werbung lügt.
Diese Erkenntnis hat ja längst die Welt im Sturm erobert.