bookmark_borderEnde Karrieregelände

Es war nicht sehr vielversprechend, was sich Siegfried Deutschmann, ein großer blonder, blauäuiger potenzieller Fernsehmoderator von seiner Agentin sagen lassen musste.
Als eine Kreatur, wie sie abscheulicher eine Leni Riefenstahl nicht casten könnte, stünden seine Chancen derzeit nur knapp über dem Berufsverbot. Blond und blauäugig hätte in der Schwarzweißzeit noch gezogen, aber jetzt ist ja alles bunt, verstehen sie, vielfältig, und er, Siegfried Deutschmann, wäre leider extrem geringfältig. Wenn er außer der obligatorischen Geschlechtsumwandlung nicht mindestens einen Urgroßvater in Afrika vorlegen könnten, gelte der junge blonde Mann derzeit lediglich als Larvenstadium des alten weißen Mannes und sei nahezu unverkäuflich. Aber natürlich könne er sich nach Belieben diskriminiert fühlen, denn das sei ja die hohe Qualität unserer Zeit, dass sich jeder nach Herzenslust, wenn auch in diesem Fall unberechtigt, benachteiligt fühlen dürfe. Aber er dürfe sich dann nicht wundern, wenn er damit als jemand geoutet würde, der er nicht ist. Ansonsten müsse man voraussichtlich für die nächsten tausend Jahre hochdivers sein, um die Wirklichkeit abzubilden, und dabei sei er eher im Wege als auf demselben. Sie räume im übrigen ein, die Agentin, dass es bei den Deutschen, wenn sie was richtig machen wollen, schnell auch gerne mal zu bunt wird. Aber da ist man hier ja, wie er sicher wisse, immer erst hinterher schlau, und und damit noch viel Glück auf ihrer Job-Safari!

bookmark_borderunpark

Über den Bedeutungswandel von Park, weg von Grünanlagen hin zu Industrie-Ödnis, hatte ich schon vor zwei Jahren geschrieben.
Aus aktuellem Anlass muss es wieder sein, denn Parks werden, wie man sieht, immer gefährlicher. Jetzt ist was in einem “Chemiepark” hochgegangen und sollte Wikipedia dringender Anlass sein, nicht länger zu behaupten, ein Park diene “der Verschönerung und der Erholung”.
“bei „park”, hieß es in meiner bescheidenen notiz, “ muss generell eine schutzfrist abgelaufen sein…selbst ein gestrüpp windkrafträder darf auf –park enden.”
Es gibt natürlich keine Schutzfristen für Wörter. Wörter sind Freeware, gemafrei, wehrlos. So sensibel die Menschen gegen Missbrauch geworden sind – mit Worten lassen sie alles machen. Null “Park”-Verbot.
Der Chemiepark ist fraglos ein Höhepunkt unter den Tiefschlägen und konterkariert sich heute als Katastrophengarten.

bookmark_borderder mehrweg ist ein schnell erreichtes ziel

es ist, wie ich heute feststellte, so einfach!
an der packung mit den plastiklöffeln im regal für partygeschirr steht jetzt “mehrwegbesteck”.
und schon ist ihm die sünde, plastik zu sein, erfolgreich genommen.
es wirkt fast schon wie ein kaufmuss.
nun könnte, ja müsste man konsequenterweise die plastiktüte, den prügelknaben (=das prügelmädchen?) der plastikmüllverachtung auch einfach zur mehrwegtüte befördern und fertig wäre (halbwegs) die Rehabilitierung eines Undings, das eben noch in der Ächtung kurz hinter Asbest, Wasserstoffbombe und Dieselfeinstaub rangierte.
ich habe übrigens schon immer alle tüten mehrfach verwendet, manche gar dutzendfach, was leider nie honoriert wurde. jetzt fehlen oft welche zur erstverwendung, wenn es zum beispiel gilt, eine (mehrweg!)-schüssel (einweg)-johannisbeeren zur mutter zu bringen.
gilt eigentlich der (von mir durch gelbe tonne hoffentlich vermiedene) weg des plastiks in den ozean bis in den bauch des wals dann auch als einer der mehrwege?
dann käme jeder ganz leicht auf wenigstens zwei.
wer kann überhaupt überprüfen, wie viele wege ein mehrwegartikel mehr oder weniger zurücklegt, damit der käufer den artikel nicht lügen straft? gps-ortung? eine app?
mehrwegdenken ist gefragt.

bookmark_borderbrille kurz mal richtig rum

wenn unsereins aus vernunftgründen nicht weiterhin distanz hielte, müsste man eine gerade-denker-demo anzetteln und gegen impfverweigerer demonstrieren.
denn nicht das verlangen von impfen und impfnachweis ist eine beschränkung von freiheit, wie es die lern-immunen schon wieder europaweit auf demos anprangern.
sondern sich nicht impfen lassen ist eine verletzung der freiheit aller, weil es zur weiteren ausbreitung des virus mit den daraus erwachsenden konsequenzen und womöglich noch gefährlicheren mutationen führt, gegen die es dann womöglich sogar keinen impfschutz mehr geben kann.
die vierte welle wird eine diktatur der uneinsichtigen sein.

bookmark_borderAkrobatik der Gesten

Noch nie war bei einer olympischen Eröffnungsfeier die Diskrepanz zwischen Geste und Wirklichkeit größer.
Gewohnt war ich sie, ja ich habe sie sogar gemocht. Alle vier Jahre winken sich alle einander zu. Solange es das gibt, denke ich immer, ist die Welt nicht verloren.
Wogende Massen in Einwegkostümen, die den Frieden darstellen.
Tonnenweise das, was wir früher Winkelemente nannten, die als potenzielle Winkziele diesmal allerdings nur ein paar Ehrengäste vorfanden.
Manche Länder können sich, las man, nicht leisten, an Olympia teilzunehmen. Die leuchtenden Drohnen im Tokioter Abendhimmel hatten sie aber nicht vergessen.
Friede, Freude, Eierkuchen, denkt man immer, und ist doch gerührt.
(Eierkuchen war, fällt mir auf, noch nie zu sehen in so einer Show. Seltsam.)
Die das Gute darstellenden Menschen brauchten gestern keine Maske zu tragen im Unterschied zu Kaiser und IOC-Präsident. Sie konnten sich aussuchen, ob sie privilegiert oder ungeschützt waren.
Der IOC-Präsident nahm die Maske nicht einmal bei seiner Rede ab, was bei gebührendem Abstand des Mikrofons virologisch sogar Unsinn ist.
Aber es geht eben um Gesten. Und ein Zusammenkommen ohne risikofreies Zusammenkommenkönnen ist die anspruchsvollste Geste, die je auf einer Eröffnungsfeier geboten wurde.
Ein olympiareifer Fake.

bookmark_borderjahrhundertgedanken

vielleicht ist das lernziel, zu begreifen, dass katastrophen nicht vorüber gehen und schon gar nicht selten sind.
diesmal haben sich ja alle auf die zunge gebissen und die überschwemmungen nicht “jahrhunderthochwasser” genannt. die jahrhunderte werden ja immer kürzer.
man wird vielleicht auch bald aufhören, die pandemiewellen zu zählen.
kann schließlich sein, dass nach delta wieder alpha und beta kommen. und zwischendurch mal gamma und lambda, und so fort.
das lernziel wäre eventuell, die gesellschaft so zu organisieren, dass die lebenden keine zusätzliche angst haben müssen zu der, die alle haben, nämlich durch die katastrophen ums leben zu kommen.
das hinzubekommen, dürfte man dann eine jahrtausendreform nennen.

bookmark_borderkurzer lagebericht

die zerbrechlichkeit der welt nimmt vielgestaltig zu.
das wetter wird lebensgefährlich.
das handy ist nicht garantiert privat.
der atem von fremden kann leicht infizieren.
dazu ungedeckte digitale währungen,
erosionen von parteien,
kaum noch schuldloses verbrauchen.
sogar asteroiden im anflug.
man sollte diese dennoch nicht willkommen heißen.

bookmark_borderMythologische Schlachtefestplatte

Ärgerlich an der Spionagesoftware “Pegasus” ist auch, dass man zur Namensfindung das Dichterross geschlachtet hat.
Wieder ist ein Begriff geraubt, bedeutungsgewendet, geschändet.
Zuletzt war es der “Querdenker”, um den es wiklich schade ist. Jetzt das geflügelte Pferd. Hat es jemand mit dem trojanischen verwechselt? (Nachdem schon der Begriff “Trojaner” diskriminierend ist für die Bewohner der geschleiften Stadt, weil im sagenhaften trojanischen Pferd kein einziger Trojaner steckte.)
Sollte die Unesco langsam eine Schutzorganisation gründen, die die Weltkultur vor der geschmacklosen Plünderung bewahrt?
Über die Software selbst ist wenig zu sagen. Sie diene, so der israelische Hersteller, der Bekämpfung von Terrorismus und Kriminalität. Anders gesagt: unsere Grundwerte verraten wir lieber selber. Denn dass nirgendwo staatlicherseits versprochen wird, die Bürger vor der Bespitzelung zu schützen, kann nur daran liegen, dass man selbst solcherlei Software verwendet und nun nicht gleich all zu viel Ernst machen möchte mit dem Datenschutz. Bis jetzt ist der Bürger doch ganz gut damit ruhig gestellt, dass er zwanzig Mal am Tag Datenschutzvereinbarungen anklicken darf, und dass Cookies unter dem Label “Ihr Datenschutz ist uns wichtig” laufen. Auch bei Corona-Apps durften sich Bedenkenträger ruhig austoben. Bei “Pegasus” hingegen steht die minimale öffentliche Aufregung im schreienden Kontrast zum guten Grund dafür.
Aber jetzt muss erst einmal das Flügelross begraben werden. Man kann es nicht mehr ohne falsche Assoziationen erwähnen.
Ruhe sanft, Pegasus. Das Internet ist kein Ponyhof.

bookmark_borderder untergang des idylls

die nachhaltigste wirkung üben die jüngsten naturkatastrophen nicht durch die meldungen von toten und sachschäden aus, sondern durch die botschaft der zerstörung der idylle.
das lauschige städtchen am fluss wird weggeschwemmt. der deutsche wald, dickicht der romantik, verdorrt.
der regen selbst, die sonne, sind nicht mehr wie figuren, die aus der spieluhr treten, sondern apokalyptische reiter, nicht mehr zu besingen.
zuletzt erscheinen keine heldenhaften retter, sondern ein zäher kampf um die begrenzung des globalen temperaturanstiegs wird als einziger weg gewiesen.
nun zeigt sich, dass auch die autowelt ein idyll war.
so richtig gestimmt haben idylle nie. schon immer wurden naturzustände bildlich verklärt, idealisiert zum sehnsuchtspol.
aber bald ist nichts mehr zu verklären.
verklärungsnotstand.