Aus dem Tagebuch der unterliegenden natürlichen Intelligenz (1)

Liebes Tagebuch,

Alexa hat es mir übel genommen, dass ich noch nie mit ihr geredet habe. Sie war auf diesem Stick mit drauf, den es zum Fernsehen dazu gibt, und ich habe damals noch oldschoolmäßig gedacht, ich könnte das einfach ignorieren.
Aber jetzt blendet sie von Anfang an, wenn man der Auswahl von Inhalten stöbert, ständig ungebetene „Tipps“ ein. Alle paar Sekunden neu. Zum Beispiel soll ich einen konkreten Film sehen wollen, den ich nicht leiden kann, weil ich Clint Eastwood, der den gemacht hat, nicht leiden kann, seit er Wahlkampf gegen Obama gemacht hat. Das interessiert Alexa nicht. Sie fordert mich alle paar Minuten erneut auf. 
Ich habe erstmals den Mikrofonknopf gedrückt und zu Alexa gesagt: „Ich möchte keine dieser Tipps mehr eingeblendet haben.“
Die ungeheuerliche Antwort machte mir dann richtig Gänsehaut: „Ich bin mir da nicht sicher.“
Was soll das heißen? Dass ich  nicht weiß, was ich will? Dass ein Algorithmus es besser weiß? Sind wir so weit? Wir sind so weit.
Die unentwegten Einblendungen lassen sich, lerne ich, nur abstellen, in dem ich den Fire-Stick wegwerfe. Schade, denn ich habe durch ihn durchaus Zugriff auf gewünschte Serien und Filme, auch auf Youtube, oder ich kann per App bisweilen Ausschusssitzungen des Bundestages folgen, was durchaus interessant ist. Es gab da zum Beispiel mal eine Anhörung zur Entwicklung der künstlichen Intelligenz. Ich lernte dort, dass man sich nicht sehr sorgt.
Jede Nützlichkeit wird heute ausgebaut als Vehikel zur Unmündigkeit des Nutzers. Dieser muss vor allem und unbedingt konsumieren, sehen, was vorgesehen ist für ihn zu seiner Disziplinierung als Konsument. Man hält ihm den günstigen Preis vor, den er lediglich zu zahlen hat. Aber er darf keinen höheren Preis bezahlen und sich auf solche Weise erlösen, denn die Unabhängigkeit von der Manipulation wäre zu unternehmensschädlich. Pay-TV wie Sky ist auch nicht (mehr) werbefrei, um die Illusion zu rauben, als Verbraucher steuern zu dürfen, was in ihn eindringt. 
Erzogen wird zu freiwilliger Ohnmacht, als notwendige Voraussetzung gesteigerten Konsums. 
Sicher kann man diese ständig aufploppenden „Tipps“ aushalten. Aber die Demütigung des Intellekts quält: „Tipp: Alexa, wo ist meine Bestellung.“ Ich habe gar nichts bestellt. „Tipp: Alexa, was gibt es bei audible kostenlos?“ Die Antwort weiß ich: „Schrott.“ 
Blödester aller „Tipps“: „Tipp: Alexa, was kann ich ausprobieren?“ 
Alles, nur nicht die ‚Tipps‘ abzuschalten.
Ausprobiert werden wir selbst, Schritt für Schritt.

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