Abgehängt

Wenn ein Foto zwei Menschen zeigt, die sich mit den Armen untergehängt, eingehakt haben, ist es ein altes Foto.
Ich schaue es an und überlege mal wieder, ob ein Kulturverlust vorliegt oder eine Emanzipation.
Weiß man ja nie so genau.
Das Einhängen oder Unterhängen war vor allem beim Spazierengehenn eine beliebte, wie wir Heimwerker sagen: formschlüssige Verbindung. Meist hängte sich die Dame beim Herrn unter. Aber ich sah es früher auch unter sowjetischen Soldaten im Ausgang. Ich las es von Franz Kafka und Max Brod.
Heute laufen die meisten Menschen entkoppelt.
Klar, das Weltall dehnt sich aus. Seelische Zentrifugalkräfte bringen die Menschen auf entferntere, eigene Umlaufbahnen.
Mit der Disco hatte es irgendwie in den Siebzigern angefangen. Wir nannten das „Auseinander tanzen“. Die Musik schleuderte uns in den Orbit des Partners.
Mittlerweile kann man auseinandertanzen sogar zusammenschreiben, nur dass diese Schreibweise, was die Alleinerziehenden der Rechtschreibreform übersehen haben, den Vorgang verändert. Es ist jetzt ein fortschreitendes Sichentfernen  statt eine chronische Distanziertheit.
Aber zurück zum Eingehängtsein, denn ich drohe, thematisch auseinanderzutanzen..
Das Verschwinden des Sicheinhängens kann viele Ursachen haben, etwa dass heute die Fußwege ebener sind und niemand mehr ein mitlaufendes menschliches Geländer benötigt.
Das Einhängen war für die Dame oft kein zusätzlicher Aufwand, weil die Handtasche sowieso irgendwie gesichert werden musste. Da hatte der Mann mal einen Verwendungszweck und übernahm statisch sogar noch etwas Taschenlast. Wenn der Mann sich umschaute, um etwas Schönem (Frau, Auto) nachzuschauen, genügte auch ein diskreter Ruck im Ellenbogenbereich. Eingehängt war auch angeleint.
Das Loslassen lässt mich nicht los. Warum wirkt das Einhängen altmodisch? Warum verspürte ich selbst nie ein Bedürfnis nach dieser Art von Nähe in der Öffentlichkeit? Genauer gesagt: nach dem Zeigen von Nähe. Man behält das Zuzweitsein für sich, sogar unter Heterosexuellen. Nur nicht Hängenlassen.
Mal wieder die Frage: werden wir freier oder einsamer?
Sollte man sich auch wieder mit den Armen verlinken? Organische Netzwerke bilden?

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