Magie der Bude

Schon bald werden die Menschen wieder Aufatmen unter dem Schaubeton.
Das Loslassen von hunderten Jahren Architekturgeschichte versprechen immer zum Advent trauliche altdeutsche Favelas, Budenbezirke mit einer sklerotischen Wirkung auf Fußgängerzonen, Weihnachtsmarkt genannt. Zwangs-Entschleunigung und Massenflucht aus der Moderne.
Der Deutsche liebt den zivilisatorischen Rückfall. Er gart sein Fleisch, allem neumodischen Thermomix-Blendwerk zum Trotze, gern auf offenem Feuer. Und so zieht er sich turnusmäßig aus den Glaspalästen der Shopping-Malls zurück in die bargeldgestützte Verkaufskultur des Mittelalters.
Nicht zuletzt sind allein unbehandeltem Kieferholz die Dünste seiner vorfestlichen Gaumenfetische zuzumuten: Grünkohlschwaden, Zuckernebel und Altfett-Aerosol teeren die Bretterwände. Glühwein und Grog sedieren zusätzlich das Stilempfinden.
Zur Vermeidung einer allzu stromlosen Stille sind kreischbunte Fahrgeschäfte und ebenso gleisnerisch luminiszierende Tombolas zwischengeschaltet, die den örtlich Betäubten wieder in die Zeit des Kraftstroms und Angebrülltwerdens zurückbeamen.
Oft hütet ein Desperado die Bude und starrt aus dem Verschlag heraus, als müsse er ganzjährig darin wohnen, ohne Dusche und Fernseher. Immerhin ist er neuerdings immer öfter erlöst von einer wohl selbst in Guantanamo umstrittenen Dauer-Beschallung. Es ist nämlich deutlich stiller geworden, seit die Racheengel der GEMA, die Abmahnung im Gewande, die Gegend unsicher machen.
Was bleibt in Wiederkehr, ist die Bude.
Jahr für Jahr neu errichtet und doch unzerstörbar.
Die kleinste Zelle der vorweihnachtlichen Gesellschaft.
Die deutsche Herzkammer.
Städteplanerischer Hautausschlag. Der Kunstschnee scheint wie Puder.

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