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Interview mit einem Virus

Blogger: Danke, dass Sie sich endlich einmal die Zeit genommen haben, uns Rede und Antwort zu stehen!

Virus: Oh, da war ich immer bereit, aber es will keiner so richtig zuhören.

Blogger: Wie darf ich Sie ansprechen? Corona, Sars 2….

Virus: Sagen Sie einfach Covid-19. Das erinnert immer so schön daran, dass ich schon 2019 da war, naja, eigentlich viel länger. Wissen Sie, mein Motto war ja für viele, viele Jahre: “Ich bleibe zuhause”. Bei den Fledermäusen. Aber der Homo Sapiens erobert sich die ganze Welt. Und da ist unsereins quasi der Beifang.

Blogger: Sie wollten also gar nicht auf den Menschen überspringen?

Virus: “Überspringen” ist gut! Wir Viren können ja gar nicht mehr ausweichen! Als die Tierhaltung begann, vor Tausenden von Jahren, schenkte man uns großzügige Mutationsanlagen. (Wir lieben es ja, uns zu verändern. Auch das unterscheidet uns.) Wir fragten uns damals schon, warum sie uns unbedingt gefährlicher haben wollen. Dann holzten sie den Regenwald ab, drangen immer tiefer in die Natur – wohin sollen wir denn zurückspringen?

Blogger: In den Urwäldern hausten auch Eingeborene. Die waren der Ausbreitung der Zivilisation keine so große Bedrohung wie Sie.

Virus: Aber das waren Menschen, hilflose Menschen! Die Eroberer konnten sich nicht vorstellen, dass es etwas Gefährlicheres geben könnte als Menschen. Da fing schon diese Fantasiearmut an, von der wir ja bis heute zehren.

Blogger: Ja, lassen Sie uns über heute sprechen. Warum töten Sie nicht jeden, den sie besiedeln?

Virus: Sie töten ja auch nicht jeden, den sie ausbeuten, nicht wahr? Wir töten ja nicht im Sinne von Morden. Menschen und Viren passen einfach nicht zusammen. Viele Junge denken auch, dass sie uns leicht aushalten, weil sie erst mal am Leben bleiben. Aber einige Jahre Lebenserwartung gehen womöglich drauf mit einer Corona-Infektion. Wir hinterlassen nämlich Dauerschäden, genau übrigens wie Menschen.

Blogger: Aber geben Sie zu: mit bislang beispiellosen Shutdowns haben wir Sie ziemlich in die Enge getrieben, oder?

Virus: Für einen kurzen Moment dachte ich auch, das wars mit meiner Humankarriere. Aber Sie haben ja ein interessantes, wenn auch hirnrissiges Lebenskonzept, das sie, verbessern Sie mich, Wirtschaft nennen.

Blogger: Was ist daran hirnrissig? Die Wirtschaft sichert unsere Arbeitsplätze…

Virus: Oh, Ihre Wirtschaft ist durch die von ihr verursachten Klima- und Umweltschäden zunächst einmal seit Jahren sehr gut darin, Ihre Arbeitsplätze zu gefährden. Aber hirnrissig ist noch etwas anderes: sehen Sie, man müsste doch meinen, dass die Menschen beispielsweise ein halbes Jahr ohne neue Tattoos auskommen können, um mich, das ach so böse, Virus, einzudämmen. Aber sie können nicht! Denn der Tattoostecher macht seine Tattoos ja nicht zu Verschönerung von Leibern, sondern, um seine Familie zu ernähren. Vermeintliche Absicht und eigentlicher Zweck sind bei Ihnen zwei ganz verschiedene Dinge. Sehr sonderbar.

Blogger: Mit Verlaub,Covid-19, das sind olle Kamellen. Bei Marx heißt das Grundwiderspruch des Kapitalismus. Aber glauben Sie mir, alle Alternativen dazu gehen schief.

Virus: Womit wir wieder bei der menschlichen Fantasiearmut wären. Sie beginnt übrigens schon damit, dass mich das menschliche Auge nicht sehen kann. Das macht es leicht, anzunehmen, ich wäre nicht mehr da und auch nicht mehr gefährlich.

Blogger: Also, Fantasiearmut müssen wir Menschen uns da doch nicht vorwerfen lassen! Was die Fantasie in den letzten Wochen alles hervorgebracht hat! Jede Menge Theorien! Die Regierung wolle durch Sie die Macht völlig an sich reißen und die Freiheit zerstören, Fallzahlen würden gefälscht, Labore bringen Sie in Umlauf…

Virus: Sie lassen auch darin mächtig nach. Im “Ödipus” des Sophokles kann eine Seuche erst beendet werden, wenn ein Mord aufgeklärt wird. Die Pest wurde als Gottes Strafe für das sündige Leben interpretiert – DAS waren noch Geschichten! Aber wir sind ja nicht zur Märchenstunde da.

Blogger: Sondern?

Virus: Wir sitzen ein bisschen fest bei Ihnen. Wie Ihre Urlauber in der Karibik. Ich persönlich wäre gern bei meinen Fledermäuschen geblieben. Aber nun sind wir einmal hier und haben uns provisorisch in Ihren Lungen eingerichtet.

Blogger: Nicht mehr lange! Spätestens nächstes Jahr ist ein Impfstoff da.

Virus: Interessant die Vorstellung, mit einem Antikörper als ewige Erinnerung im Menschen zu verbleiben. Aber bis jetzt ist das leider auch nicht mehr als eine hübsche Legende. Noch haben Sie nicht viel in der Hand gegen uns. Ich kann mich nur wiederholen: Sie müssen Ihre Fantasie mehr anstrengen. Zur Zeit hält sie sie mit ihren Öffnungsfantasien davon ab, mir gegenüber kreativ zu werden.

Blogger: Warten wir ab, wie es weitergeht.

Virus: Auch so ein Menschenspruch. Aber damit kann ich leben.

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