Mein 1. Mai, als die Welt noch nicht in Ordnung war

(aus einem glücklosen Buchentwurf)

Ich will mal so anfangen: es gibt das seltsame Phänomen, dass Menschen von einem Schiff sehr gern den Menschen am Flussufer zuwinken, während sie gruß-und winklos an den gleichen Menschen direkt am Ufer vorbeispazieren würden.
Die Distanz, die Unerreichbarkeit, das tiefe Wasser erzeugt einen Impuls, sich verbunden zu zeigen.
Auch ein „Guckt mal, wie schön wir fahren, während ihr laufen müsst!“ spielt womöglich eine Rolle.
Dies mag durchaus ein kleiner Einstieg sein in das seltsame Ritual, das sich in meinem untergegangenen Land zu jedem 1. Mai vollzog.
In aller Nichthergottsfrühe versammelten wir uns an vorher festgelegten Stellplätzen, um uns, als Schule, Sportverein oder Betrieb, in einen äußerst zähflüssigen Kundgebungsstrom einzuordnen, der irgendwann gegen Mittag bis vor die Ehrentribüne gesickert war, wo wir in einem vergleichsweise extrem kurzen und bisweilen kaum messbaren Begeisterungsanschwellen der Führung zuwinkten, welche sich mit der Ehrentribüne quasi ein Schiff hatte zimmern lassen, das nun so monströs geworden war, dass es sich nicht bewegen konnte, während wir, die Vorbeidefilierenden, den Tribünenbewohnern die Illusion boten, unterwegs zu sein. 
Wir winkten nun also zu wie eingangs erklärt, aber nicht mit der bloßen Hand, denn da konnten leicht fehldeutbare Winkbewegungen entstehen, welche aber durch die Handreichung unserer legendären Winkelemente vermieden wurden.
Meistens waren es kleine Fähnchen, schwarz-rot-gold mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz, oder Rot pur für die Arbeiterbewegung. Manchmal gab es auch Tücher, die mich aber immer an Taschentücher erinnerten, die oft zu Abschieden geschwenkt wurden. Dass das der Führung nicht verdächtig wurde, begriff ich nicht. Einmal sah ich sogar, wie mit einem Baby gewunken wurde, als Dank für die sozialpolitische Förderung des Kinderkriegens. Man konnte auch mit Fototafeln winken, kleinen Windmühlen, mit Sportgeräten, wie wir im Ruderverein zum Ersten Mai auch mit birkengeschmückten Ruderblättern winkten, ja sogar lebensgefährlich winkten, denn um ein Haar wurde ich dabei von einem Sportskameraden erschlagen. Wenigstens weit vor dem Tribünenschiff, das festgefahren auch meiner harrte. Andererseits war mein Ruderblatt lang genug, dass sich durchaus die Möglichkeit geboten hätte, den führenden Genossen damit eins auf die Mütze zu geben. Eine der Tausendundeinen unterlassenen Gelegenheiten des Widerstands.
Man konnte mit ziemlich allem, Ausreiseanträge vielleicht ausgenommen, winken. Die Oberen freute es jedenfalls, dass sie noch nicht ganz vergessen waren.
Auf den Mai-Tribünen saßen auch uralte ArbeiterveteranInnen, Menschen, die in der Nazizeit Schweres durchlitten hatten, und machten sich mit mehrstündigem Dauerwinken nun völlig fertig.
Nach dem Defilee an der Tribüne zerstob übrigens der Maimarsch innerhalb weniger Meter in völlige Anarchie. Es war ein plötzliches rasches Erschlaffen, wie man es aus dem Bett kennt. Wiederverwendbare Fahnen und Transparente wurden von Obleuten fürs nächste Jahr eingesammelt, und ein jeder eilte nach Hause, um noch etwas vom Tag zu haben.
Genug gewunken, dachte ich irrtümlich zur Wende.
Wie schockiert war ich, als ich einen Gebrauchtwagenmarkt aufsuchte. Das Geviert war von Winkelementen geradezu übersättigt. Wimpelketten baumelten kreuz und quer und Fahnen knatterten reihenweise im Wind. Wimpel und Fahnen, sonst nur an staatstragenden Feiertagen geflaggt und ausgeteilt, schmückten nun ganzjährig noch den trostlosesten Restemarkt! Vor jedem Möbeldiscounter  flatterten nun mehr bunte Fetzen als vor einem SED-Parteitag! Offenbar wusste man nicht um meine Fahnenverdrossenheit. Ich kriegte anfangs von Fahnen richtige Kaufhemmungen. Meine Funktionalität war in Gefahr!
Bis heute geht mir nicht aus dem Sinn, warum sich im untergegangenen Land die Führenden, die doch alles bestimmen können, dieses Dauerwinken engetan hatten. ‚Was nur haben die an uns?‘, fragte ich mich. Was für eine seltsame Liebe? Nicht geklärt bis heute ist, ob es bei unseren Oberen auch so etwas wie eine krankhafte Winksucht gab.
Eine Paradenabhängigkeit.
Eine Zeremonophilie.
Wenn es so etwas gab, so war es nichts Neues, sondern etwas durch die Jahrhunderte Geschlepptes. Von Häuptling zu Fürst zu Generalsekretär. Durchgewunken durch die Epochen.
Wem gewinkt wird, der ist noch da, sagten sie sich wahrscheinlich.
Abschließend muss auch noch etwas über Winkkünste gesagt werden. Denn man bilde sich nicht ein, dass die Handhabung der Gerätschaft simpel ist! Der Spagat besteht darin, dass man zwar winken soll, aber auch zeigen möchte, dass man nur unter Zwang winkt, wobei es natürlich so aussehen muss, als winke man nicht unter Zwang. Außerdem verweigert sich ein Papierfähnchen geradezu störrisch dem Winken. Es weht nicht, flattert nicht. Es ist eine Akte am Stiel, nichts weiter.
Nun, ich will das nicht vertiefen, denn Niemand möchte und muss das heute so genau lernen.
Heute sieht es dürftig aus mit nichtkommerziellen Winkelementen.
Auf Konzerten der Jugend soll bisweilen Unterwäsche geschwenkt werden, und die Gewerkschaften verteilen Trillerpfeifen, um die Zuhörfähigkeit der Tarifparteien zu zerstören.
Viel mehr ist nicht los.
Schon gar nicht am 1. Mai.

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