Aus dem Tagebuch der unterliegenden natürlichen Intelligenz (4)

Liebes Tagebuch,
es ist eine Änderung eingetreten. In Werbemails werde ich seit einigen Wochen immer häufiger nicht mehr wie sonst mit meinem eigenen Namen angesprochen, sondern plötzlich Holger genannt. Dennoch sind die Mails an meine richtignamentliche Adresse gesandt.
Lieber Holger, nur noch wenige Tage Vorkaufsrecht…Lieber Holger, hole dir die neue Freiheit…Lieber Holger, wenn du auf den unten stehenden Link klickst…
So etwas tut man, ob Holger oder nicht, wie ich weiß, nicht ungestraft.
Was ist nur mit dem immer ausgefeilteren Algorithmus geschehen? Wie sind sie auf diesen Namen gekommen? Etymologisch soll er laut Wikipedia “der Kämpfer von der Insel” bedeuten.
Aber ich kämpfe kaum noch. Und Inseln sind wir alle. 
Manchmal lege ich einen kleinen Unsubscribe-Tag ein und versuche, mich von den Newslettern und “Informationen über neue Produkte” abzumelden, die ich wissentlich nicht abonniert habe. Aber man braucht ja heute nichts mehr wissentlich zu tun, und es geschieht dennoch. Das Abmelden funktioniert oft tadellos, auch wenn es oft nicht abmeldet. Aber man bekommt auf dem Bildschirm eine Bestätigung, dass abgemeldet wurde. Das ist ja schon viel. 
Manchmal wollen sie den Grund für die Abmeldung wissen. Ich habe jetzt einmal hineingeschrieben, dass die Mail falsch adressiert ist, weil ich nicht Holger bin. Das tut uns Leid, lieber Holger, schrieben sie sinngemäß. 
Mehrmals habe ich mir jetzt den kleinen folgenlosen Scherz erlaubt, auf die Holgermails, wie ich sie mittlerweile nenne, nur kurz mit dem Satz “Ich heiße nicht Holger” zu antworten. Aber natürlich werde ich oft darauf hingewiesen, dass man auf ihre Mail, die eine Kommunikation zu bezwecken nur den Anschein erweckt, nicht antworten kann. No reply. 
Ich stelle mir aber vor, wie ich doch ein Stöckchen in die Maschine geworfen habe. Hitzig glühen die Prozessoren, um den Widerspruch zu lösen, die Anrede zu optimieren. Tausende Namen werden in Bruchteilen von Sekunden verworfen. Aber erst, wenn “Die Anwendung reagiert nicht” auf dem Display des übermüdeten IT-Wächters aufleuchtet, wäre ich zufrieden. Ich hätte mich bemerkbar gemacht, wenn auch nur anonym und nicht als der, der ich bin, was, wie es aussieht, immer häufiger nicht mehr vorgesehen ist.
Tief im Inneren spüre ich, dass ich mich weiterhin wehren muss. Ich darf nicht Holger werden.
Dann hätten sie es geschafft.
Dann kann ich jeder sein, den sie nur wollen.
Das ist vielleicht das Ziel.
Aber ohne mich.
Mein wirklicher Name soll mein Bunker sein, und wenn sie mich nicht bei diesem Namen nennen, verbanne ich sie bei genügend Aufdringlichkeit in den Spamordner. Das ist schon lange der letzte Deich vor der Flut auf der Insel, auf der ich kämpfe.

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