Folgen des Phantasiemangels

Ein immer größeres Risiko für das Überleben der Menschen ist deren verbreitete Phantasie-Armut.
Sich nicht vorstellen können, was passieren kann.
Oft verwechselt mit bodenständiger Lebensnähe, während Phantasten nur als Träumer belacht werden und Verschreckte. Eine Methode, das eigene Defizit offensiv zur Tugend zu verklären.
Nur lässt sich ohne die Fähigkeit der phantasiebegabten Vorstellung dem unsichtbaren Verhängnis eines Virus nicht wirksam begegnen.
Mir im Abstellbau der Einkaufswagen dicht und nicht bereit zum Ausweichen entgegenzutreten, weil die magere Vorstellungskraft fehlt, dass wir einander anstecken könnten, kann Folgen haben, die dem mich Bedrängenden offenbar so märchenhaft entfernt sind wie der Hogward-Express. Sonst würde er sich so nicht verhalten.
Die ganz wenigen Menschen, die Phantasie besitzen, machen Filme oder schreiben Bücher, welche einzig und allein Zuschauer und Leser einen Lupf weit über den Tellerrand ihres Vorstellungsvermögens zu schleppen vermögen. Oft ist aber auch da nicht mehr viel Originalität am Werk, kommen mechanisch industriell die immer gleichen Stanzen zum Einsatz, weil Phantasie-Profis irgendwann leer-fantasiert sind. Vielleicht wollen sie auch nur bequem an ihrem Publikum andocken, das nicht viel Phantasie verträgt oder will.
Dabei bin ich sicher, dass die Gabe, zu denken, was nicht unmittelbar erfahren wird, schon immer eine entscheidende Evolutionsvoraussetzung des Menschen war. Verbunden oft mit Ängsten, die zum Anlegen von Vorräten verleitet haben oder zum Bau von Stadtmauern.
Die Welt von heute hingegen suggeriert keinen Bedarf an ins Unbekannte vorausschauenden Selbstschutz. Immer gibt es alles zu bekommen, notfalls online. Städte sind offen, man kommt überall hin. Mögen sich ein paar Verrückte, die in Wirklichkeit nur übermäßig von Phantasie geplagt sind, Schutzbunker bauen. Wir brauchen, so geht der Dünkel, uns nichts weiter vorzustellen als unsere Sattheit. Auch dass sich beispielsweise das Klima bedrohlich ändert, muss erst mit eigenen weit aufgerissenen Augen bestaunt werden können.
Phantasie, so denken die Phantasiearmen, ist Märchen.
Nur wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch morgen.

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