Cookies und Ethik(rat)

Die Verwirrung, aus der sich bei mir immer Neugier speist, begann mit dem seltsamen Verweis des Ethikrates in der Frage nach den Rechten der Geimpften.
Es gab, wie vielfach bestaunt, keine ethische, sondern eine epidemologische Antwort. Wozu, dachte ich, dann jetzt schon das Einberufen des Hohen Rates?
Könnte es sein, flüsterte mir ein Dämon ein, dass der Ethikrat nicht recht weiß, was eine ethische Frage ist?
Ein Besuch auf der Homepage entkräftet diesen Verdacht leider nicht so recht.
Denn auch dort, im Tempel der sittlichen Reinheit, will man erst einmal Cookies auf meinem Rechner hinterlassen.
Mein Blog, gestehe ich sofort, tut dies auch, aber nur, weil ich es nicht abstellen kann. Das ist ein Unterschied.
Wenn ich wüsste, wie’s geht – ich täte es sofort, umgehend, freudig, auf der Stelle! Aber ich darf nicht, weil diese Möglichkeit hier, meine Meinung frei zu äußern, Google gehört.
Mein Wort ist frei, aber nicht das Unsichtbare.
Dumm gelaufen.
Für mich und leider auch das Publikum. (Trost mag nur spenden, dass sich die Datensammelwut auf jeder Zeitungs-Homepage noch weit heftiger austobt als auf diesem bescheidenen Acker eines elenden Freizeit-Skribenten.)  

Ich bin also, zugegeben, ethisch fragwürdig. 
Erzwungen bedenklich.
Der Deutsche Ethikrat aber ist in einer viel komfortableren Situation. Er hat eine bezahlte Homepage und kann damit tun und lassen, was er will.
Und doch will er in meinen Rechner und sagt auch gern, was er da drin so treibt, der liebe Ethikrat.
Nur kann mir irgendjemand erklären, wozu eine Einrichtung, die per definitionem “das sittliche Verhalten des Menschen zum Gegenstand hat”, wissen muss, welchen Browser und welches Betriebssystem ich wann und von wo kommend (!) verwende? Das geht doch niemanden etwas an! Nicht einmal mich!
(Ich hätte mich vielleicht nur halb so echauffiert, wenn ich nicht zuvor auf der Homepage vorgeheizt worden wäre, durch einen Button mit der Beschriftung “Warenkorb”, in welchen man die ethische Empfehlung dort tun kann. Darauf käme ich nicht mal als Satiriker: Ethik als Ware!)
Freilich, man kann sich auch bei den Ethikhütern durchklicken zu einer Cookie-Deaktivierung, weil man ja an chronischem Zeitüberfluss leidet.
Sie verwenden, heißt es weiter, auch Matomo. Wikipedia: “Gibt dem einzelnen Besuch (Session) eine ID, um den Klickpfad aufzeichnen zu können.”
Jetzt bin ich richtig auf ethischem Kriegspfad. Obwohl, denke ich, eher bloß auf dem Laufsteg.

Das Tool biete “genaue Analysen…des Nutzerverhaltens”. Und als Google-Sklave staune ich einmal mehr: “Während Google Analytics auf maximal zehn Millionen Aktionen pro Monat limitiert ist, werden bei Matomo für die Auswertung alle Daten herangezogen.” Wenn schon, denn schon.
Ich gebe gern meine Daten für eine Corona-App, für eine Gesundheits-Card, die bei einem Unfall schnelles Handeln ermöglicht. Wenn man mir erklärt, welche Daten man will und wofür man sie verwendet, und ich das einsehe, ist alles gut. Ich habe auch beispielsweise überhaupt nichts gegen Videoüberwachung auf Bahnhöfen, weil ich mich damit sicherer fühle. 
Aber mir fällt kein einziger Grund ein, wozu ein Ethikrat die Daten meines Homepage-Besuches benötigt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.