Die Krise der Belästigungsliteratur

Es muss festgestellt werden, dass die literarische Qualität von Spam-Mails in letzter Zeit deutlich nachgelassen hat.
Während mich einstmals noch nigerianische Prinzen blumenreich aus der ISS anflehten, ihr irdisches Milliardenvermögen gegen fürstlichen Lohn zu verwalten, kommen heute nur noch lieblos hingeworfene Zeilen: “Überprüfen Sie Ihr Konto!”, “Payout Verification”.
Oder ist nur die Internetverbindung zur Raumstation schlecht?
“Finden Sie heraus, warum Gunter Jauch Bitcoin liebt!” appelliert eine Mail. Als ob ich jemals etwas herausfände. Ich erinnere mich an einen Playboy namens Gunter Sachs und frage mich erstens, ob es keine reichen Günter mit “ü” geben darf. Und wo Jauchens “h” in Günter hin ist. Eingetauscht gegen Bitcoin?
Spam-Mail-Verfasser sind mittlerweile so einfallslos wie die Drehbuchautoren des Kinos. Glauben sie der Botschaft aus Hollywood, dass alle Geschichten auserzählt sind und nur noch recycelt werden können?
Früher, in der Hochblüte der Spam-Literatur, wurde ich eingeladen, mein Geld für meine Rückkehr im nächsten Leben passwortsicher zu parken. Heute heißt es nur: “Rechnungsalarm”.
Vielleicht haben die Verfasser einfach nur festgestellt, dass keine langen Texte mehr gelesen werden. Message muss heute zack-zack.
Oder es liegt eine Schreibblockade vor, writers block, ausgelöst von der Geringschätzung durch das Publikum. Es hat spam fiction nie richtig ernst genommen. Es gab auch keine Förderwettbewerbe wie etwa “Jugend spamt”. Die Jungen wollen heute lieber plappermäulige Influencer sein als mühsam durch das geschliffene Wort in den Sparbüchsen der Leichtgläubigen schürfen. Dass es Letztere nicht mehr gibt, kann ich nicht glauben. Die Leichtgläubigen sind die Glaubensfestesten.
Es ist ganz sicher eine Schaffenskrise.
Vielleicht sollte man Schreib-Workshops anbieten. In allen Sparten versprechen heute Anbieter, über ein 300-Euro-Wochenende zum Könner zu reifen. Schnelle Geniebrüter.
“Hast du es noch nicht versucht?” steht heute morgen in der Betreffzeile einer Spammail. Ja was? Was habe ich noch nicht versucht? In der Mail ist wieder nur ein trüber Link.
Ich bin sicher, dass es etwas gibt, dass ich noch nicht versucht habe und versuchen könnte. Aber es muss schon noch gut erfunden werden.

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