Die sich durchsetzende Gala-Mutante

Wie in einer Nussschale zeigt sich der Kulturwandel der Welt angesichts der Metamorphose des Grand Prix Eurovision de la Chanson zum European Song Contest.
Aus einer beinahe andächtig zelebrierten Gala war 2001, als die Bezeichnung geändert wurde, schon in Grundzügen die entfesselte Poolparty sichtbar, die aus der Gala kroch.
Für die wie überall in der Kultur panikartig penetrierte Anbiederung an jugendliches Publikum reichte es nicht, einfach die immer platteren Pattern der Popmusik zu übernehmen. Das Zeug war ja nicht mehr vordergründig zum Anhören gedacht, sondern zum Grundieren von Partylaune, als Katalysator von Stimulanzien und Ekstase-Generator. Sich am nächsten Morgen nicht mehr an den Siegertitel erinnern zu können, wurde zur Kürvoraussetzung.
Den Song brauchte man nur noch als Sounddesign eines Rummelplatzkarussells.
Zuletzt wurde der Dirigent, der vormals, mit Kopfhörern besattelt, sinfonische Klangfüllen ergoss, aus dem Bild gekickt.
Den Takt geben schließlich die Drumsamples.
Auch das sinfonische Gedöns, wenn benötigt.
Überhaupt sind Musiker jetzt nur noch auf der Bühne zugelassen, wenn der Solist aus dekorativen Gründen Geige spielt oder die Geräte zum Gymnastik-Equipment der schweißtreibenden Choreografien gehören.
Pyrotechniker wurden definitiv wichtiger als Komponisten.
Das dazugekommene Osteuropa erwies sich als verhängnisvoller Voten-Tank: man wählte dort gnadenlos mechanisch patriotisch oder ergeben statt mit musikalischem Urteil. Man hatte dort den Wandel schon begriffen.
Das Wiedereingliedern einer Jury hat nichts geholfen, denn die Jury kommt zu spät: der ESC ist längst vor allem eine Leistungsschau der Bühnenbeleuchtung. Die aufgekratzte Stimmung im Saal lässt auch immer wieder darüber erschrecken, wie gehorsam sich junge Menschen heutzutage in Gefolgschaft einspannen lassen. Jubel kann so einfach bestellt werden.
Für medidative Stille sorgt am Ende nur noch das altvertraute, nicht enden wollende europaweite Stimmenzusammenkratzen.
Damals, zu Opas Zeiten, klappte das mitunter nicht, weil selbst das nur telefonische Zuschalten der Metropolen ein hohes technisches Wagnis war. Aber die Pannen hoben eher die Würde, weil jeder, der mal ein Ferngespräch an der Wählscheibe erfolglos zusammenfingerte, über die Hybris staunte, alle europäischen Hauptstädte auf einmal erreichen zu wollen.
Heute schaue ich in den ESC wie ein Nussliebhaber eine Sahnetorte isst, auf deren Packung der Hinweis “Kann Spuren von Nüssen enthalten” vermerkt ist. Bei den meisten Törtchen ist der Hinweis überflüssig.

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