Wahlberechtigt?

Etwas unbefugt fühle ich mich jetzt schon.
Nicht ein einziges Triell habe ich angeguckt, keine Wahlarena oder sonstige Gladiatorenveranstaltung, nix.
Ich glaube nicht an den Triumph der Wahrheit im Krawall.
Bin ich Triell-Schwänzer andererseits nun fähig, eine fundierte Wählerstimme abzugeben?
Fehlt mir nicht der Horizont, hinter welchem es wie genau weitergehen soll?
Ich bin sogar, wenn ein Wahlwerbespot kam, gleich weggezappt, weil ich fremden Suggestionen gern ausweiche. Deswegen hat es Reklame schon schwer, meine Bluthirnschranke zu überwinden. Alles sträubt sich gegen Willensimplantate.
Der Preis für mein mediales Emeritendasein müsste nun großflächige Unbelecktheit sein. Theoretisch dürfte ich gar nicht durchsehen, fühle mich aber nicht so.
Was mache ich falsch oder sogar richtig?
Nicht einmal versuche ich, das herauszufinden. Es scheint mir schade um die Lebenszeit.
Ich wüsste ja manches, was besser in der Polis organisiert sein sollte, andererseits wäre ich in vielen anderen Ländern garantiert unzufriedener.
Ich wähle sehr, sehr wahrscheinlich wieder wie letztes Mal, weil ich mich im Einklang mit den programmatischen Grundsätzen der betreffenden Partei wähne. Und ich setze voraus, dass sie ihr Programm beim letzten Wahlparteitag nicht gecancelt hat.
Auch diese Partei besteht natürlich aus Menschen, die Fehler machen, bisweilen Eigennutz dem Gemeinnutz vorziehen oder Eitelkeiten haben. Es gibt nichts anderes.
Und doch ist mir flau wegen meiner Wahlkampf-Abstinenz.
Ich fühle mich beinahe unerlaubt nüchtern.
Fast ein wenig asozial, wenn ich mich keiner Wählerwandergruppe anschließe.
Am Sonntagabend aber wird es nicht anders gehen als eine aufgeregte Wahlsendung zu verfolgen. Dann dürfen die Gewinner endlich versuchen, mich zu überzeugen. Dafür schließlich sind sie ja gewählt.

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