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Hookokratie oder Die letzte Strophe

Schon, dass es mit “ph” geschrieben wird, war von Anfang an verhängnisvoll für das Wort “Strophe”.
Aber den Todesstoß gibt ihr das zunehmend wichtige Online-Marketing für Popmusik.
Beim gar nicht für meine Altersgruppe gedachten “Deutschlandfunk nova” erfahre ich aus Erkenntnissen der Uni Kopenhagen, dass man heute einen Hit nur noch ohne Strophe landen kann. Selbst der (orthographisch ebenso anspruchsvolle) “Refrain” wird überflüssig.
Eigentlich wird alles überflüssig, aber so steht es nicht da.
Entscheidend für den Erfolg, und wer will schließlich nicht lieber Erfolg haben als großartige Musik zu erschaffen, ist der (sie behandeln “the” dort weiblich, was das aber nur wie eine böse Hexe klingen lässt) “Hook”: “ein kurzer Ausschnitt des Songs, der so eingängig ist, dass er die Hörerinnen und Hörer direkt packt.”
Greif dir den Hörer, bevor er bis Drei gezählt hat!
Denn das ist die Zukunft: die “große Entwicklung” in Songs bleibe zunehmend aus. Der “Hook” ersetze quasi den “Refrain”, der ja auch meist viel zu lang ist für das Kurzzeitgedächtnis des homo sapiens 2.0. Erst “Hook” auf “Hook” auf “Hook” brenne sich genügend in den Schädel ein, um sich an die Spitze der Charts klicken zu lassen. Denn nur das zähle.
Soweit, so apokalyptisch.
Seltsam aber ist die Schlussfolgerung, zu welcher der Beitrag gelangt: “Popsongs, die der immer gleichen Struktur folgen, scheinen also nicht mehr zum Social-Media-Zeitalter zu passen. Für die Popwelt bedeutet das auch, sie hat mehr Freiheit.”
In dieser conclusio stecken zwei Widersprüche, die aber unbekümmert nicht wahrgenommen werden.
Erstens: “Die immer gleiche Struktur” bezieht sich offenbar nicht auf die neuartige immer gleiche Struktur.
Und Zweitens, ganz wichtig: je mehr abgeschafft wird, vor allem anstrengende “große Entwicklung”, umso größer wird paradoxer Weise die Freiheit. Die größte Freiheit hat man in der Zwangsjacke?
“Tik tok” macht da meine Uhr im Kopf.
Sie sieht immer schon den nächsten heißen Scheiß auf uns herabfallen.
In höchstens fünf Jahren ist der “Hook” viel zu lang. Da könne man ja gleich eine Wagner-Oper schreiben, wird man höhnen. Wer habe denn heute noch fünf Sekunden Muße? Der “Bums” reicht doch. Oder der “Klapps”.
Die Mühlen der Musikindustrie mahlen immer schneller.

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