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Das angeblich gehörte Wort

Es gibt Wörter, die wie Gespenster sind.
Nicht gesagt, aber gehört.
“Nachhaltig” ist gerade so eins.
„Es muss anerkannt werden, dass der fossile Gas- und der Kernenergiesektor zur Dekarbonisierung der Wirtschaft der Union beitragen können“, heißt es nur im gerade aufgeregt diskutierten EU-Papier.
Ziemlich jeder Kommentar behauptet, gleich welcher Stoßrichtung, Kernkraftnutzung sei als “nachhaltig” eingestuft worden. Aber ich finde das nirgendwo wörtlich ausgedrückt?
(Und finde ohnehin zu wenig Dokumente im Wortlaut publiziert. Verbreitet wird immer nur das Echo, aber nicht der Ruf.)
Es geht, wenn ich das neujahrs-nüchtern sehe, der EU darum, klimaschädliches CO2 schneller zu senken, bis bessere Technologien als oben erwähnt zur Verfügung stehen. Gas und Atomkraft können helfen, Kohlekraftwerke schneller stillzulegen.
Es geht ganz eindeutig um eine Übergangsfunktion, um den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur zu bremsen. “Sich auf längere Zeit stark auswirkend” wird mir aber als Definition von “nachhaltig” angeboten. (So definiert wäre übrigens auch Verschmutzung nachhaltig. Ich sag’s ja, das Wort taugt nichts.)
Kampfbegriffe erfreuen sich umso größerer Beliebtheit, je verworrener sie sind.
Notfalls müssen sie, wie das aktuelle Beispiel lehrt, nicht einmal gefallen sein, um sie aufzugreifen.
Ein großer Schritt in Richtung nachhaltiger Verwirrung.
*
Nachtrag: Festgestellt, dass mehrere Medien noch am selben, heutigen Abend den Begriff „nachhaltig“ durch „klimafreundlich“ ersetzt haben. Das nächste Mal muss ich das dokumentieren für eine lustige Vorher-Nachher-Show.

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