Wortwechsel

Liebes Astra-Zeneca-Team,
ich verstehe Ihr Image-Problem.
Eigentlich müssten dieses beispielsweise auch Airlines haben, wenn man die Thrombosefälle bei Langstreckenflügen gegenrechnet. Aber für das Vergnügen nehmen die Menschen weit unbekümmerter Risiken auf sich.
Eine Namensänderung ist natürlich schon mal gut.
Allerdings setzen Sie mit “Vaxzevria” nicht unbedingt auf Akzeptanz in der Zielgruppe der Legastheniker. Wer war eigentlich die Heilige Vaxzevria? Der Name klingt ja eher nach den Damen, die mich andauernd bei Facebook kennenlernen wollen. Aufklärung!
Oder spekulieren Sie, dass Ihre Kritiker das Wortungetüm nicht über die Lippen bekommen und Sie deshalb aus der Schusslinie der Kritik kommen? Das Synonym “dieser Impfstoff mit dem komischen Namen” läuft ja auf Dauer sicher nicht. Oder aber setzen Sie auf den Prince-Effekt mit Kultstatus: “The vaccine former known as Astra Zenica”?
Sprachregelungen folgen Medien gern penibel, weil sie die Aura der Sorgfalt und Achtsamkeit wahren wollen. Aber Zungen scheitern immer öfter an den Zahnspangen der Korrektheit.
Noch belastender für das Firmen-Image ist es sicher, mit dem Impfstoff fortan als Rentner-Elixier abgestempelt zu sein. Kein Produkt will nur 60+ als Kundschaft. In der Werbung kann man die 60+-Modelle freilich wie 50+ aussehen und wie 10+ sprechen lassen.
Aber mit der Karriere als “heißer Scheiß”, der international verschoben wird wie Kokain, ist es aus.
Und neue Namen können wir von 60+ uns sowieso noch schwerer merken als die Jüngeren.
Im hiesigen Ballungsraum Berlin/Brandenburg prophezeie ich deshalb eine Karriere als “det Korona-Zeuch für die Ollen”.
Immer noch besser als “Vaxzevria”.

Altersungerecht

Nichtaltwerden klappt nicht.
Biden hatten sie gerade noch dazu bekommen (Doping?), im Laufschritt auf die Wahlkampfbühnen zu hüpfen, als wollte er einen Boxtitel verteidigen.
Lange hat der Endsiebziger diese Gangart nicht ausgehalten.
Anwalt Giuliani hingegen läuft die Haartönung über die Wangen.
Beide tauchen in die Fake-Jungbrunnen sicher nicht, weil sie selbst ein Problem mit dem Altern haben. Sie sorgen sich um die Geringschätzung durch die Jüngeren.
Sie fürchten, mit 78 bzw. 76 für berufsungeeignet gehalten zu werden.
Die Bereitschaft zur Illusion einzig ist es dann, die sie jünger wirken lässt als sie sind.

Das Altsein ist eingetreten, wenn…

…man findet, dass die Freunde alt aussehen.
(Sie sehen sogar noch älter aus als sonst, weil sie in dem Moment gerade in bisschen erschrocken darüber sind, wie wir, ihre alten Freunde, alt aussehen.)
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…man Dankbarkeit dafür empfindet, heute nicht jung sein zu müssen.
(Das beginnt mit der seeligen Erinnerung, Innenstädte, Bahnhöfe etc. noch ohne Überwachungskamera erlebt zu haben und endet in der offensichtlichen Tristesse, wie die Jungen heute über soziale Netzwerke tagesfüllend Bindungen simulieren oder mühsam Sexualpartner organisieren müssen.)
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….man sich zunehmend darum sorgt, sich in Sicherheit bringen zu müssen bei gleichzeitg zunehmender Einsicht, dass es keine Sicherheit gibt, nirgendwo.
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…man immer öfter googeln will, um nachzugucken, ob Menschen noch leben, die man, etwa als Musiker oder Schauspieler, mal sehr geschätzt hat.
Immer seltener leben sie noch.
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…man fortschreitend ertaubt gegenüber jeglicher Begeisterung, ob revolutionärer oder kommerzieller.
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…man immer öfter für seine angeblich diskriminierende Wortwahl diskriminiert wird, meist als “alter, weißer Mann”. Immerhin darf man sich noch auf die Parkbänke setzen.
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…man hofft, dass die Oberfläche des Computerprogramms jetzt mal so bleibt, statt sich immer undurchsichtiger zu verbessern.
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…einen junge, attraktive Menschen statt respektvoll vor der Lebensleistung eher angucken, als wollten wir sie begrapschen.
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(Es gibt noch viel mehr Merkmale des Alterns. Aber man vergisst jetzt ja auch so viel. Und wenn es einem wieder einfällt, stellt sich auch sofort das Gefühl ein, dass das Vergessene eigentlich gar nicht wert war, behalten zu werden.)