Resignierstunde

Dass ich vor Jahren mal versucht habe, per self publishing Bücher zu verkaufen, hatte ich fast schon ebenso vergessen wie die Welt meine Bücher. Plötzlich jedoch merkte ich, dass Amazon mein “Author Central”-Profil immer noch öffentlich herzeigt. Meine kurze Bitte um Löschung desselben wurde heute morgen wie folgt beschieden:
“Sie haben uns mitgeteilt, dass Sie Ihre Autorenseite löschen möchten. Damit Kunden leichter nach ihren Lieblingsautoren suchen und neue entdecken können, werden Autorenseiten jedoch nicht entfernt.”
Okay, dachte ich, Strafe muss sein für den Hochmut des self publishing, aber auf ewig?
Die mir schrieb, unterzeichnete als Regina, ein Name, der, wie wir alle wissen, sich nicht umsonst mit “die Herrschende” übersetzen lässt. But no jokes with names, author!
Mit der von Amazon offenbar erzwungenen potentiellen Berühmtheit gab ich mich nicht zufrieden und kabelte heute morgen per Rückmail an Regina:
“Ich möchte eben kein gesuchter Lieblingsautor mehr sein… Das ist aber offenbar nicht erlaubt.”
Irgendwie hatte ich zu denken gegeben, denn am Vormittag trafen dann noch diese Zeilen ein:
“Bei der Planung weiterer Verbesserungen werden wir Ihr Feedback berücksichtigen. Rückmeldungen wie Ihre sind für uns sehr nützlich, um unser Angebot für Autoren und Verlage zu verbessern.
Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, uns Ihren Vorschlag mitzuteilen.
Vielen Dank, dass Sie Amazon Author Central nutzen.”
Eine nette Botschaft, wäre die letzte Zeile nicht dran.
Und so nutze ich weiter etwas, das nur schaden kann, weil jeder auf den ersten Blick sieht, dass dieser Lieblingsautor kein Lieblingsautor ist und dass der Ärmste es offenbar nicht geschafft hat, einen “richtigen” Verlag zu finden.
Er ist ein ungelöschter Erloschener.
Ja, nicht einmal ein selbstbestimmter Mensch.
Jetzt kann er nur noch auf die “Planung weiterer Verbesserungen” hoffen.
Nicht immer münden nur leider Planungen von Verbesserungen auch wirklich in Verbesserungen.
Ach, wäre man doch naiv wie einst!

Aus dem Tagebuch der unterliegenden natürlichen Intelligenz (1)

Liebes Tagebuch,

Alexa hat es mir übel genommen, dass ich noch nie mit ihr geredet habe. Sie war auf diesem Stick mit drauf, den es zum Fernsehen dazu gibt, und ich habe damals noch oldschoolmäßig gedacht, ich könnte das einfach ignorieren.
Aber jetzt blendet sie von Anfang an, wenn man der Auswahl von Inhalten stöbert, ständig ungebetene “Tipps” ein. Alle paar Sekunden neu. Zum Beispiel soll ich einen konkreten Film sehen wollen, den ich nicht leiden kann, weil ich Clint Eastwood, der den gemacht hat, nicht leiden kann, seit er Wahlkampf gegen Obama gemacht hat. Das interessiert Alexa nicht. Sie fordert mich alle paar Minuten erneut auf. 
Ich habe erstmals den Mikrofonknopf gedrückt und zu Alexa gesagt: “Ich möchte keine dieser Tipps mehr eingeblendet haben.”
Die ungeheuerliche Antwort machte mir dann richtig Gänsehaut: “Ich bin mir da nicht sicher.”
Was soll das heißen? Dass ich  nicht weiß, was ich will? Dass ein Algorithmus es besser weiß? Sind wir so weit? Wir sind so weit.
Die unentwegten Einblendungen lassen sich, lerne ich, nur abstellen, in dem ich den Fire-Stick wegwerfe. Schade, denn ich habe durch ihn durchaus Zugriff auf gewünschte Serien und Filme, auch auf Youtube, oder ich kann per App bisweilen Ausschusssitzungen des Bundestages folgen, was durchaus interessant ist. Es gab da zum Beispiel mal eine Anhörung zur Entwicklung der künstlichen Intelligenz. Ich lernte dort, dass man sich nicht sehr sorgt.
Jede Nützlichkeit wird heute ausgebaut als Vehikel zur Unmündigkeit des Nutzers. Dieser muss vor allem und unbedingt konsumieren, sehen, was vorgesehen ist für ihn zu seiner Disziplinierung als Konsument. Man hält ihm den günstigen Preis vor, den er lediglich zu zahlen hat. Aber er darf keinen höheren Preis bezahlen und sich auf solche Weise erlösen, denn die Unabhängigkeit von der Manipulation wäre zu unternehmensschädlich. Pay-TV wie Sky ist auch nicht (mehr) werbefrei, um die Illusion zu rauben, als Verbraucher steuern zu dürfen, was in ihn eindringt. 
Erzogen wird zu freiwilliger Ohnmacht, als notwendige Voraussetzung gesteigerten Konsums. 
Sicher kann man diese ständig aufploppenden “Tipps” aushalten. Aber die Demütigung des Intellekts quält: “Tipp: Alexa, wo ist meine Bestellung.” Ich habe gar nichts bestellt. “Tipp: Alexa, was gibt es bei audible kostenlos?” Die Antwort weiß ich: “Schrott.” 
Blödester aller “Tipps”: “Tipp: Alexa, was kann ich ausprobieren?” 
Alles, nur nicht die ‘Tipps’ abzuschalten.
Ausprobiert werden wir selbst, Schritt für Schritt.