Aus dem Tagebuch der unterliegenden natürlichen Intelligenz (3)

Liebes Tagebuch,

das geheimnisvolle Phänomen beeinträchtigte wieder den berliner S-Bahn-Verkehr.
Die Signalstörung.
Das will sagen: eigentlich funzt alles tadellos bei uns. Bis auf ein paar Lämpchen.
Die Züge, heißt es in regelmäßiger, Transparenz suggerierender Durchsage, verkehren unregelmäßig.
Das will sagen: alles rollt, nur ein bisschen durcheinander.
Warum, frage ich mich oft, war die DDR-Mangelwirtschaft nicht auf diese genialen Ausreden gekommen? Die Versorgung mit Bananen ist unregelmäßig.
Der magische Moment tritt am Bahnhof Rummelsburg ein. Man werde jetzt zehn Minuten stehen bleiben, da das System neu gestartet werde.
Ein Neustart, das wissen Viele aus Erfahrung, das ist eine Verzweiflungstat.
Leidgeprüfte Windows-Nutzer lassen nun schon mal viel Hoffnung fahren. Beim Neustart regieren Ohnmacht und Stillstand. Alle Räder stehen still, wenn ein kleiner Chip das will. Es ist wie eine Andacht. Beten zum neuen Gott.
Starren irgendwo auf Bildschirme. Würde das Kreisen der kleinen Geduldspule von Windows aufhören, den gewohnten Bildschirm der Funktionalität preisgeben? Es gibt ja mittlerweile einen Blauton, der Verzweiflung auslöst. Glücklicherweise wird der Himmel nicht mehr so blau. Er würde uns andeuten, dass ganz oben der liebe Gott wegen blue screen einen Reset machen muss.
Zehn Minuten Stille und Reglosigkeit. Zum Weiterkommen braucht es nicht, wie früher, etwas Dampf im Kessel und freie Schienen. Fahrzeuge und Schienen sind das Nebensächlichste. Wenn es nicht wieder hochfährt, das System, das die vielen Stellwerker längst für immer nach Hause geschickt hat, weil es klüger ist und fehlerfrei arbeitet, ist keine Fortbewegung möglich. Menschen ist nicht mehr zuzutrauen, ohne Aufsicht durch eine Software Züge zu bewegen.
Als der Zug endlich langsam anfährt, geht es nur eine einzige Station weiter. Man fahre vorerst nur bis Ostkreuz, lautet die Ansage.
Innere Panik, die aber niemand zeigt. Das System ist, o wir kennen das, offenkundig nicht richtig gestartet. Eine Welle des Mitgefühls wogt durch den Zug. Der Moment ist eingetreten, wo man zuhause einen Kumpel anruft, der sich bisschen auskennt. Oft werden das Abende Dutzender Systemneustarts.
Es kann in unserem Fall auch nur sein, dass die nun entstandene fahrplanverquere Situation dem System nicht erlaubt, wieder Tritt zu fassen. Denn die Züge sind ja jetzt nicht dort, wo sie algorithmisch sein müssten. Risse in der Wirklichkeit müssen gekittet werden. Wie weit haben die Entwickler der Software Wirklichkeit vorgesehen? Die Anwender können das nicht wissen.
Ich steige Ostkreuz aus und wechsele in einen verspäteten Regionalexpress, in dem die Leute gequetscht stehen. Hätte ich doch das Auto nehmen sollen heute? Verkehrspolitische Signalstörung?