Der unbekannte Designer des Horrors

Wo werden eigentlich diese bunten Corona-Fotomodelle gebastelt, die bunten Kugeln mit den vielen roten Einstecktüchlein?
Die wenigen Fotos, die es von Coronaviren aus Elektronenmikroskopen gibt, lassen zwar kranzartige Stulpen auf einer Kugelform erahnen. Aber so dekorativ rot stechen die nicht heraus.
Rot ist die Alarmfarbe, sagte sich bestimmt der Virenmodellgestalter. Dann schnippelte er kleine rote Stoffetzen zurecht, die aus der Stuhllehne eines stillgelegten Opernhauses stammen könnten und steckte sie in einen Grießkloß aus dem jüngsten Hamsterkauf.
Wie auch immer er heißt, der Schöpfer unseres Bildes vom Virus – er hat eine Bildikone des 21. Jahrhunderts erschaffen. Ganz gleich, wie das Biest tatsächlich aussieht.

Mein erster Tag als Prepper

Nein, ich würde nie mit dem Laserschwert um die letzte Rolle Klopapier kämpfen .
Aber es war doch eben nun unaufschiebbar die Zeit gekommen, Vorräte anzulegen. Die Regierung wird von Tag zu Tag vernünftiger, da muss man mit allem rechnen. Und ich muss schlussendlich gestehen: ich habe noch nie zuvor in meinem Leben so viel Lebensmittel auf einmal gekauft.
Aber ich gelobe, dass alles gegessen wird, auch das eingeschweißte Schwarzbrot, mögen die Freudenfeste des Impfstoffes auch dazwischenfahren!
Wahrscheinlich habe ich eher Wichtiges vergessen. Fantasie ist ja die erste Pflicht des Preppers, und eigentlich habe ich Fantasie, die sich nur leider immer auf unpraktischen und erwerbskargen Feldern vergeudet.
Es gibt eine Szene in Polanskis “Tanz der Vampire”, in welcher Dracula junior versucht, seine unbändige Gier zu zügeln, nett und unverbindlich dreinzuschauen, während ihm der Eckzahn tropft. So in etwa gucken die Leute. Ich auch? Keine Spiegel bei Edeka. Vampire bleiben unerkannt. Es geht auf jeden Fall viel, viel sanfter zu als etwa vor Weihnachten. Das Fest der Liebe entfesselt deutlich mehr Aggressivität im Supermarkt als eine drohende Ausgangssperre. Aber bei Weihnachten fällt mir ein, dass ich eigentlich noch Kerzen kaufen wollte. Zu spät. Na gut. Irgendwas fehlt immer. Manches hatten sie auch gar nicht mehr da. Aber das soll im Krieg auch so gewesen sein. Und sie wussten damals nicht, dass ein Impfstoff kommt.
Jetzt ist zuhause alles in Kühlschrank und Regalen verstaut.
Und der Appetit fürs erste damit gestillt.

Die magische Bedeutung des Klopapiers

Bilder von nennen wir’s Vorratskäufen zeigen im Fernsehen stets die großzügige Bevorratung mit Toilettenpapier, was auch immer sonst an Nahrungsmitteln bevorzugt wird. Dahinter steckt sicher mehr als die Sorge, nach dem großen Geschäft ins Leere zu greifen. Das Klopapier ist das Symbol für die Aufrechterhaltung von Würde und Zivilisation. Der verklemmt dargebotene Respekt vor einer ansonsten nur zu Beschimpfungszwecken erwähnten Körperöffnung.
Ich hatte in Indien einmal für ein paar Tage lernen müssen, im Angesicht eines Erregers, der keinen Menschen interessiert hatte, unterwegs die auf dem platten Lande  präferierte Reinigungsmethode zu beherrschen, so weit mir das gelingen wollte: geworfenes Wasser, bestenfalls sekundiert von einem Lappen, der ein Robert-Koch-Institut monatelang beschäftigen könnte. Es war der Moment, als ich den Unterschied zur Dritten Welt begriff. In Delhi durfte ich zurückkehren zur abendländischen Leitkultur, zu welcher das Toilettenpapier unbedingt zu zählen ist. Da hatte sich der Keim auch schon allmählich wieder zurückgezogen.
Die Corona-Epidemie verstärkt die Angst, Kultur und Zivilisation zu verlieren. Solange die Rolle bestückt ist, ist nicht alles am A…

Aus dem Tagebuch der unterliegenden natürlichen Intelligenz (3)

Liebes Tagebuch,

das geheimnisvolle Phänomen beeinträchtigte wieder den berliner S-Bahn-Verkehr.
Die Signalstörung.
Das will sagen: eigentlich funzt alles tadellos bei uns. Bis auf ein paar Lämpchen.
Die Züge, heißt es in regelmäßiger, Transparenz suggerierender Durchsage, verkehren unregelmäßig.
Das will sagen: alles rollt, nur ein bisschen durcheinander.
Warum, frage ich mich oft, war die DDR-Mangelwirtschaft nicht auf diese genialen Ausreden gekommen? Die Versorgung mit Bananen ist unregelmäßig.
Der magische Moment tritt am Bahnhof Rummelsburg ein. Man werde jetzt zehn Minuten stehen bleiben, da das System neu gestartet werde.
Ein Neustart, das wissen Viele aus Erfahrung, das ist eine Verzweiflungstat.
Leidgeprüfte Windows-Nutzer lassen nun schon mal viel Hoffnung fahren. Beim Neustart regieren Ohnmacht und Stillstand. Alle Räder stehen still, wenn ein kleiner Chip das will. Es ist wie eine Andacht. Beten zum neuen Gott.
Starren irgendwo auf Bildschirme. Würde das Kreisen der kleinen Geduldspule von Windows aufhören, den gewohnten Bildschirm der Funktionalität preisgeben? Es gibt ja mittlerweile einen Blauton, der Verzweiflung auslöst. Glücklicherweise wird der Himmel nicht mehr so blau. Er würde uns andeuten, dass ganz oben der liebe Gott wegen blue screen einen Reset machen muss.
Zehn Minuten Stille und Reglosigkeit. Zum Weiterkommen braucht es nicht, wie früher, etwas Dampf im Kessel und freie Schienen. Fahrzeuge und Schienen sind das Nebensächlichste. Wenn es nicht wieder hochfährt, das System, das die vielen Stellwerker längst für immer nach Hause geschickt hat, weil es klüger ist und fehlerfrei arbeitet, ist keine Fortbewegung möglich. Menschen ist nicht mehr zuzutrauen, ohne Aufsicht durch eine Software Züge zu bewegen.
Als der Zug endlich langsam anfährt, geht es nur eine einzige Station weiter. Man fahre vorerst nur bis Ostkreuz, lautet die Ansage.
Innere Panik, die aber niemand zeigt. Das System ist, o wir kennen das, offenkundig nicht richtig gestartet. Eine Welle des Mitgefühls wogt durch den Zug. Der Moment ist eingetreten, wo man zuhause einen Kumpel anruft, der sich bisschen auskennt. Oft werden das Abende Dutzender Systemneustarts.
Es kann in unserem Fall auch nur sein, dass die nun entstandene fahrplanverquere Situation dem System nicht erlaubt, wieder Tritt zu fassen. Denn die Züge sind ja jetzt nicht dort, wo sie algorithmisch sein müssten. Risse in der Wirklichkeit müssen gekittet werden. Wie weit haben die Entwickler der Software Wirklichkeit vorgesehen? Die Anwender können das nicht wissen.
Ich steige Ostkreuz aus und wechsele in einen verspäteten Regionalexpress, in dem die Leute gequetscht stehen. Hätte ich doch das Auto nehmen sollen heute? Verkehrspolitische Signalstörung?

Handspiel

Es ist aufschlussreich (oder auch nicht, das muss ich noch herausfinden), mit welcher Geste Politiker ihre mannigfaltigen Äußerungen zu diesem oder jenem oder zu gar nichts illustrieren.
Angela Merkel, die nicht nur die Raute im gestischen Repertoire hat, tut auch mal gern so, als ob sie ein mittelgroßes Paket hält. (Erinnerung an Westpakete?).
Wenn Wolfgang Schäuble was erklärt, sieht es oft so aus, als wolle er gerade von unten eine Energiesparlampe einschrauben. Meistens in eine Tischlampe.
Bei Claudia Roth sind es Deckenlampen.
Ursula von der Leyen teilt die Luft gern hintereinander in Scheiben, meist vertikal, aber, wenn es um soziale Schichtungen geht, auch mal horizontal. Ständig wird Luft zersägt. Warum nur?
Es gibt auch einen allseits gern verwendeten Grundbestand an Gestik. Das Festhalten eines Insekts in spitzen Fingern zum Beispiel.
Es sind alles Gesten, die niemand im politikfernen Alltag benutzen kann, ohne sich lächerlich zu machen. Aber im Bundestag oder in der Fernseh-Talkshow wirken sie normal. Es ist offenbar ein anderer Bewegungsraum.
Früher forderte Robert Lembke bei seinem heiteren Beruferaten immer eine typische Handbewegung ab. Es waren immer praktische Handgriffe aus dem Arbeitsalltag. Nur selten aber folgerte daraus jemand auf den Beruf. Die oben angeführten Gesten hingegen sind, obwohl praktisch nicht notwendig, umso eindeutiger dem Berufsstand des Politikers zuzuordnen.
Er braucht die Handbewegungen, weil sonst nicht sichtbar ist, was bewegt wird. Nur, wenn es schief geht.

Sportliche Winterträume

Er ist zu spüren, der Sand im Schnee des Wintersport-Circus.
Woche für Woche wälzen sich die diversen Weltcup-Karawanen verzweifelt durch fönlaue Berge auf der Suche nach etwas benutzbarem Winter.
Das große Zittern ist da, nur nicht wegen Kälte.
Der Weltcup der Snowboardcrosser am Feldberg, lese ich, fällt aus.
Oberhof plant ein neues Schnee-Depot, ein idyllisches Beton-Silo, um künftig “Schneesicherheit” zu haben. Sonst geht es womöglich noch zu Fuß zum Schießen. 
Skispringer haben ja schon Matten und Eisläufer längst Hallen. Die alten holländischen Gemälde mit den Schlittschuhläufern auf den Stadtkanälen steigern noch einmal ihren Wert wegen meterorologischer Seltenheit.
In hundert Jahren werden die Kinder fragen, wie die kuriosen Sportarten mal entstanden sind, bei denen man von Bergen herunterrutscht, obwohl die doch niemals glatt werden.
Die Schneekanone ist auch keine Wunderwaffe. Sie ist den Marathonläufern im Wege, die demnächst aus den Tälern in die Höhe flüchten, um nicht zu kollabieren.
Um die Sessellifte nach oben drängeln sich auch Beach-Volleyballer und alle möglichen Leichtathleten, denen die Überlebenschancen im Brutkasten des Stadions zu rasch sinken.
Auffallend viele Kampfsportler setzen sich an der Seilbahn durch.
Die Olympischen Spiele finden endlich auf dem Olymp statt.
Das olympische Feuer brennt im Hain von selbst.
Winterspiele kann Katar bald genauso schneereich oder -arm ausführen wie Garmisch.
Aber egal, was kommt: sportliche Spiele muss es immer geben. Wettrennen, Kampf darum, ganz vorn zu sein. Wäre es anders, hätten wir die Probleme vielleicht gar nicht erst bekommen.

Die Unbeschenkbaren

Es ist nicht mehr möglich, einem ökologisch halbwegs bewussten Mitmenschen eine Schachtel Pralinen zu schenken.
Sicher essen auch umweltbewusste Menschen gern einmal Süßes und haben auch ein Dankeschön verdient, nur: bis sie durch Zellophan-Umhüllung, Außenschachtel und innere plastikverschweißte Schutzhülle zur Plastikpackung mit den womöglich zusätzlich einzeln eingewickelten Pralinen vorgedrungen sind (,deren Kakao eine lange Schiffsreise hinter sich hat), ist ihre Verzweiflung über die Menschheit in exponentiell wachsendem Maße zurückgekehrt und wischt jegliche Freude über das gut gemeinte Geschenk restlos beiseite.
Ja, es kann sogar passieren, dass die Pralinenschachtel irrtümlich als Beleidigung aufgefasst wird, als tiefe Demütigung, Verhöhnung und Provokation. Freundschaften zerbrechen oder fangen gar nicht erst an.
Oder es wird als Anschlag auf den Planeten gesehen. In einer 25 Zentimeter breiten Schachtel kann der ganze Verschwendungswahn der sogenannten Zivilisation gebündelt sein. 
Und noch mehr: dass man Menschen dadurch eine Freude zu machen vorgaukelt, indem man ihnen Genussartikel undurchdringlich einpackt, lässt auch ökologisch Naturbelassene verzweifeln. Mir als Verpackungs-Legastheniker genügt es schon, die Lasche abzureißen, mit der sich irgendwas angeblich ganz leicht aufmachen lässt. Wie viele Pralinenschachteln sind schlussendlich mit Teppichmessern oder gar Bajonetten notgeöffnet worden! Sie sind per se ein hinterhältiger Streich, mildest ausgedrückt eine Challenge, wie man heute sagt, ein Industrie-Prank.
“Ja, dann schenk halt Blumen!”, wird geraten. Um Himmels Willen! Die werden aus Ostafrika herangekarrt! Und pieksen!
Die Wahrheit ist: man kann umweltbewussten Menschen überhaupt nichts schenken.
Höchstens was wegnehmen.