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Kategorie: Essen

Neuestes Küchenlatein

Eines Tages, das wusste ich immer, wird man genau das als Ernährungs-Heilslehre verkündigen, was anfangs verdammt wurde.
Und genau so ist es jetzt gekommen.
Der letzte Hunger-Schrei ist nämlich “intuitives Essen”.
Kurz gesagt: man isst, wonach es einem verlangt. Wahnsinn.
Die Parole “Jedes Lebensmittel ist zu jeder Zeit erlaubt” klingt wie ein Freibeißen aus dem Maulkorb.
Als entließe die Revolution des Ernährungsbewusstseins nun ihre Kinder.
(Ein Lebensmittel heißt übrigens Lebensmittel, weil es ein Mittel ist, um zu leben. Warum sollte daher ein solches eigentlich nicht erlaubt sein?)
Früher hatten die Menschen Angst vor dem Hunger, dann vor dem Essen.
Verbaut von Diät-Systemen und Ratgeberfibeln aller Coleur müssen sie für das innovative, nein intuitive Essen ihren Appetit sicher erst neu freilegen.
Viele essen nur noch, was dem Gewissen schmeichelt.
Gut schmecken ist in der Moderne verdächtig, die Tarnung des Schädlichen zu sein. Gewiss immer einen Beifall in der Kochshow wert, aber medizinisch ruinös.
Und natürlich lauert nun in der Absolution des Genießbaren das gefräßige Raubtier unter der Kulturdecke des so genannten Ernährungsbewusstseins und muss angesichts von Überangebot und Kaufkraft gebändigt werden.
“Die Augen wollen mehr als der Bauch”, sagte da immer schon Oma, ohne dass sie gleich trendige Broschüren verfasst hätte.
Natürlich stellt unser Leben immer noch Barrieren auf: gegessen werden muss in vielen Haushalten, was nun mal im Kühlschrank ist oder weg muss. Verfallsdaten prügeln zum nicht-intuitiven Verzehr.
Und doch kann der Spruch “Jedes Lebensmittel ist zu jeder Zeit erlaubt” ein Goldenes Zeitalter der Beißfreiheit einläuten.
Wenigstens einen der vielen vermissten Frieden stiften.
Und einige Broschürenautoren bereichern.
Allerdings leben wir in einer Zeit, die nach immer neuen Hypes giert.
Reformationen von Glaubenssystemen braucht es heute im Jahrestakt.
Auf Dauer wird es nicht genügen, das Vernünftige und Einfache zum Kult zu erheben.
Es könnte – höchste Todsünde- langweilig werden.
Was nur aber kommt als nächstes?
Intervallschlemmen?
Scheinfasten?
Intuitives Trinken?
Essen ist nie fertig.

Käfighaltungsfragen

Nach diesem ewigen „Landschwein aus bäuerlicher Aufzucht“ auf den Speisekarten hätte ich auch mal wieder Bock auf eine „Citysau aus der Fabriketage“.
Oder Eier von melancholischen Hühnern, Milch von depressiven Kühen.
Die Umschmeichelung des Tieres hat ja auf Speisekarten nichts mit dem Tierwohl zu tun, sondern soll das Essen appetitlicher erscheinen lassen.
Gut, ein wenig isst auch das Gewissen heutzutage mit. Man möchte beim Essen die Schuldgefühle minimieren, die bereits von der Versuchung der Völlerei hinreichend erregt sind.
Aber das gestorbene Naturleben des Tieres ist auch ein Ersatzleben für das in der Stadt. Wer selber aus der Mietskaserne nicht hinaus gelangt in die immer weiter auswärts liegende Natur, hat sie ersatzweise gern auf dem Teller. Was auf weiter Wiese frei herumhopst, muss besser schmecken, sagt sich der hoch urbanisierte Stadtmensch, im Unterbewusstsein damit eingestehend, dass er selber ungenießbar zu werden droht.