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Kategorie: Film

Maskierte Bilder

Als wir das (optimistisch gerechnet) erste Achtel der Pandemie für das letzte Drittel gehalten hatten, fiel es mir schon auf. Jetzt wird es mir langsam zum Rätsel:
Mit größtem Hygieneaufwand bei den Dreharbeiten wird anhaltend vermieden, dass Corona in Filmen vorkommt.
Natürlich steigert eine Atemschutzmaske nicht die Ausdrucksstärke von Darstellern, aber ihr Fehlen macht Gegenwartsfilme zu Fantasy, zu Gegenwart ohne Gegenwart.
Es gibt Ausnahmen wie die Serie „The Morning Show“, die sogar neu nachgedreht hat, um die Pandemie zu thematisieren. Aber wenn Ausnahmen als Ausnahmen wahrgenommen werden, bestätigen sie die Regel.
Corona kommt so wenig in Gegenwartsfilmen vor wie die Pocken in Mittelalter-Epen.
Doch warum nur?
Selbst in Krimis wird weiterhin an ganz Anderem gestorben als an Covid, und in Krankenhausserien werden brav Knochenbrüche und Nierenkoliken behandelt. Ein Bett ist immer frei. Das Personal hat Kraft und Muße für Seitensprünge und Intrigen. Man möchte sie alle aus der Narkose wecken.
Muss man sich schlussendlich darüber wundern, dass Menschen immer schwerer mit der Situation klarkommen, wenn ihre Befindlichkeiten im Gegenwartsfilm nicht vorkommen?
Die Filme ohne alle Masken sind wie maskiert. Coronaleugner 2.0.
Anfangs nahm ich an, es ginge nur darum, die Filme auch nach einem Jahr, wenn halt alles vorbei wäre, bestehen zu lassen. Aber sie können nicht bestehen, wenn sie nicht gültig sind. Und nichts geht vorbei.
Mittlerweile sieht es aus wie die uralte Wirklichkeitsflucht des Kinos in heile Welten. (Auch die scheinbar unwirtlichen Welten in Krimi und Horror zählen dazu, weil ihr Horror für die Zuschauer wohltuend fern bleibt.)
Vielleicht aber ist alles auch nur einfach Feigheit und Bequemlichkeit. War schon immer ansteckend.

Quoten und Fälschung

Das gut Gemeinte tut nicht immer Gutes.
Mit ernsthaftem Bemühen wird in großen Serien-und Filmproduktionen immer stärker ein Besetzungsproporz gewahrt: paritätisch sind Frauen, Schwarze, Asiaten und, wenn der Cast groß genug ist, auch Abkömmlinge indigener Völker in tragenden Rollen vertreten.
(Mörder übrigens ausgenommen, diese Rolle ist die letzte unangefochtene Domäne des weißen Mannes.)
Dass durch den Proporz keine gesellschaftliche Wirklichkeit abgebildet wird, scheint nicht zu stören. Oder giftig gesagt: die Besetzungsgerechtigkeit leugnet die tatsächlich bestehende Ungleichheit. Statt Rassismus zu begegnen, blendet sie ihn weg.
Besonders absurd, aber auch vertrackter, wird das Ganze in historischen Milieus, die bevorzugt für Fantasy-Serien herangezogen werden.
Fantasy ist freilich pure Spinnerei,  aber wenn im viktorianischen England ein Schwarzer gehobener Polizeibeamter ist (“The Frankenstein Chronicles”), ist dies doch auch eine hinterhältige Leugnung von kolonialer Unterdrückung.
In Kürze startet mit “Das Rad der Zeit” eine weitere Proporz-Fantasy-Serie. Wir sind in einem an “Der Herr der Ringe” erinnernden Mittelalter, in welchem nun aber auch das eingangs erwähnte einträchtige ethnische Durcheinander zelebriert wird (wie im ziemlich gewittrigen Trailer zu erkennen). Dabei müssen farbige Vertreterinnen des Hochadels freilich die Klamotten der weißen Tradition tragen beziehungsweise das nuttige Outfit, das mittlerweile für Spielhandlungen in diesen pseudohistorischen Sets verbindlich wird.
Wird junges Publikum noch den Erzählungen von Sklavenhandel und Apartheid glauben, wenn es davon ausreichend  gesehen hat?
Zum Ausgleich, mag man einwenden, gibt es Serien wie ”Them” über die rassistische Wirklichkeit in den USA der 50iger.
Vielleicht wird aber schon bald der Proporz verlangen, dass da auch Weiße als Opfer vorkommen müssen.
Wenigstens bei Fantasy.

Emanzipationskitsch

Kitsch erschafft ein falsches Idyll. Zum Wohlfühlen taugt es, zur Erkenntnisgewinnung nicht.
Letzteres ist harmlos, wenn es sich um einen Elfenreigen in Öl handelt. Denn diese Elfen pfuschen der Weltsicht nicht ins Handwerk. Sie dürfen in dieser Besetzung gern auch so stehen bzw. tanzen bleiben – höchstens bei der ethnischen Mischung wären noch Defizite.
Das viktorianische England ist dem Elfenreigen voraus. Gehobene Positionen in dieser Epoche werden in Filmen neuerdings gern mit Schwarzen oder Indern besetzt. Als ob eine Gleichberechtigung nachgeholt werden könnte, an die damals nicht im Traum zu denken war. Oder als ob einem dieser Widerspruch gleichgültig wäre.
Da gibt es zum Beispiel einen indischstämmigen David Copperfield (launiger Filmuntertitel “Einmal Reichtum und zurück”). Drollig, aber wie ist der überhaupt dahin gekommen? Und wieso wird seine offensichtliche ethnische Herkunft nicht thematisiert? Die Filmkritik hat sich mehrheitlich an der postmodernen Poppigkeit ergötzt. Selbst Kinderarbeit in Fabriken ist nur noch ein pittoresker Farbtupfer.
Bei Netflix hat man in “Bridgerton” gleich eine ganze viktorianische Adelsgesellschaft schwarz besetzt, inklusive schwarzer Queen. Gleichzeitig ist auch hier alles quietschbunt und romantisch.
Glaubt man wirklich, sich zu emanzipieren, wenn man sich zum Spielzeug des Pop machen lässt? Ich wage nicht zu ahnen, wie jüngere deutsche Geschichte demnächst verfilmt wird. “Babylon” setzte die Endzwanziger schon in einige schiefe Bilder. Nur war der Polizeichef noch kein Schwarzer oder eine Frau. Wäre er es, wäre es, meine ich, eher eine Beleidigung für die Opfer rassistischer und patriarchalischer Unterdrückung jener Jahre als eine löbliche Quotierung.
Oder schlicht Geschichtsfälschung.
Ja, wenn’s weiter nichts ist, sagt die Unterhaltung.
Wir zeigen die Vergangenheit jetzt lieber, was man sie sehen will, und nicht, wie sie war.
Wie immer zu Herrschaftszwecken, nur ist es diesmal die Quotenhoheit.
Blinde Buntheit.
Nein, ich will keinen Elfenreigen an der Wand.

Albtraumfreie Fabrik

Wie lange sie das wohl durchhalten?
Neue Filme und TV-Serien erzählen weiter unverdrossen ihre Geschichten ohne Atemschutzmasken.
Es ist, als ob man für die Ewigkeit drehen will, und in der hat die Pandemie nur episodischen Charakter.
Denkt man.
Die Dreharbeiten, liest man, sind kompliziert geworden. Abstände, Tests. Aber das nimmt man alles auf sich, um die Geschichten in, wie ich das nenne, erinnerter Normalität zu zeigen.
Es gibt Produktionen, die Corona thematisieren, aber die, die es nicht zum Thema haben, blenden es ganz weg.
Sogar so Sachen wie “Bares für Rares” erwähnen Corona mit keiner Silbe. Halten Abstände, aber reden so angestrengt nicht darüber, dass es auffällt.
Es ist, als wolle man diesmal mit dem Verdrängen der Erinnerung schon in der Gegenwart anfangen.

Seenot

Natürlich gibt es noch die Bücher. Sie waren immer da, und ich habe immer gelesen, aber irgendwann will man über den Buchdeckel hinaussehen.
Und da wird es ernst.
Nach einem verzweifelten Durchkämmen bei prime, Sky, appleTV und Anderen reift die erschreckende Erkenntnis: wir haben seit dem ersten Lockdown jetzt alles gesehen.
Wir kennen jedes morbide Serienkaff, in welchem jeder ein düsteres Geheimnis hat.
Unsere Lieblingsfilme, die wir gerne mal wieder angeguckt haben, kennen wir langsam so auswendig, dass sie drohen, nicht mehr unsere Lieblingsfilme zu sein.
Beim Probieren von Neuem haben wir Perlen entdeckt, haldenweise Mittelmaß und erschreckenden Stumpfsinn pandemischen Ausmaßes, von dem ich nie geahnt hätte, dass psychisch gesunde Menschen dessen Herstellung finanzieren.
Es sind ganz furchtbar schlichte Muster erkennbar geworden, nach welchem Filme und Serien gefertigt werden, als wären es Pizzen, die man sich immer gleich auftaut und in den Ofen schmeißt.
Wir haben uns auch mal angeschaut. womit sich Teenager die Pubertät verlängern. Und sogar Kinderfilme, die manchmal sogar erwachsener sind als Erwachsenenfilme. Aber jetzt haben wir wirklich, wirklich alles gesehen und stellen mit wachsender Furcht fest, dass der Lockdown nicht nur verlängert, sondern womöglich sogar verschärft werden soll. Was dann?
Unendlich schienen anfangs die Archive von Filmen und Serien, und dann gab es ja doch auch wenigstens halbtote Sportveranstaltungen, manches Streamingnotangebot diverser Kulturträger und nicht zuletzt auch einen US-Präsidenten mit Unterhaltungsangeboten eigener Art.
Aber wie ein Menetekel an der Wand kündet auch sein Rauswurf aus dem Weißen Haus vom Ende des Entertainments.
Es ist auch unübersehbar, dass coronabedingt weniger Filme fertiggestellt werden. Außerdem scheint bei den Kreativen zusätzlich das Virus der Einfallslosigkeit zu grassieren, oder kommen im Homeoffice keine brauchbaren Geschichten?
Die vielen Abende, die wir statt bei lebensfrohem Jazz oder Oper oder Kleinkunst oder Geselligkeit nun in endlosen Serien -Fortsetzungen mafiöser Drogengeschäfte verbracht haben, haben uns überdies mental und sittlich gefährlich hinuntergezogen. Wir fühlen uns manchmal schon verdächtig, weil wir an keinerlei kriminellem Komplott beteiligt sind im Gegensatz zu fast allen da drin im Bildschirm.
Das Gute im Menschen scheint leider kein geeigneter Filmstoff zu sein. Und wenn sich die Guten lediglich durch hanebüchene Superkräfte aus der Volksmenge hinter der Gardine generieren, bin ich sowieso gleich weg.
Skandinavische Serien spotten dem Ranking ihrer Länder im globalen Glücksatlas.
Produktionen aus China lassen staunen, wie viel Geld für Kitsch da ist, und lückenschließende russische Serien transportieren schlecht verhüllt Militärkult und Demokratieskepsis, so dass der Hinweis im Abspann auf staatliche Förderung all zu plausibel erscheint.
Aber das kann man doch alles wirklich nicht gucken!
Auch nicht die platten Liebes- oder Splatterfilmchen. Soll das die Endstation eines Gelockdownten sein? Die kulturelle Zombisierung?
Bei welchem “Sie haben das schon gesehen”-Wert wird der Kulturnotstand ausgerufen?
Spendiert die Regierung wenigstens Schlaftabletten?
Oder wenigstens mal einen abendfüllenden Skandal?
Sonst wird es hart.

Der Film danach

Es werden eines Tages (oder auch schon bald) Filme in der Zeit spielen, die wir jetzt die Gegenwart nennen.
Werden dann ausdruckslose SchauspielerInnen bessere Chancen haben, weil man das Minenspiel wegen der Maske eh nicht sieht?
Schludrigen Synchronisationen kommt der Atemschutz ebenfalls sehr entgegen, denn lippensynchron muss nun nichts mehr sein.
Außerdem darf deutlich gespart werden: aufwändige Massenszenen kommen nicht mehr vor.
Aber wird das jemand sehen wollen? Und in welchem Kino?