Mauerpflege

Viele Ostdeutsche empfinden Unbehagen, wenn dessen gedacht wird, was man “die Mauer” nennt, obwohl sie das Hinterdermauersein beileibe nicht liebten. Aber irgend etwas ist schief an diesem Gedenken, aber sie können es nicht benennen. Und so sagen sie oft, dass sie es “nicht mehr hören können”, als ob eine untergründige Botschaft sie beleidige. Und genau so ist es.
Denn immer wenn der Mauerbau beklagt wird, wird die Legende nachgekittet, dass die deutsche Teilung eine Erfindung des Ostens ist. Es wird, um es plump zu sagen, Schuld abgeschoben.
Aber wären 1939 ALLE Deutschen schön zuhause geblieben, wäre Deutschland auch nicht gespalten worden.
Dass es zu einer Mauer verhärtete, war der Frontlage im Kalten Krieg geschuldet: die Sowjetunion hätte keine Instabilität an der Nahtstelle geduldet. Ulbricht hatte überhaupt keine Wahl. (Adenauer hat sie noch gehabt, aber er wollte lieber den Westen in der Westbindung als den diffusen sowjetischen Neutralitätsangeboten nachgehen. Speerspitze gegen den Osten zu sein, wurde von den Amerikanern auch einfach zu gut bezahlt.)
Die Ostdeutschen haben für das nun stets brenzlige und fragile Ost-West-Gleichgewicht das Opfer der abgeschnittenen Reisefreiheit (und mehr) auf sich genommen. Die Westdeutschen hingegen hatten nun etwas gefunden, mit dem sie ihre Mitschuld an der Teilung verdrängen konnten.
Diese Zusammenhänge meiden alle Festredner.
Überlegenheiten würden riskiert.
Ein diffuses, ahistorisches Selbstmitleid dominiert deshalb, ganz wie einst beim ebenso geschichtsblinden Jammer über den Versailler “Schandfrieden”.
Die Deutschen sind am liebsten auf Opfer-Abo.
Ohne eine Mauer, welche die Sicht nimmt, geht das allerdings nicht.