Weltkulturerbe Drängeln

Seit die UNESCO auch immaterielles Erbe wie Tanzen, Spiele, Yoga oder Trachtenumzüge in ihre Ruhmeslisten aufnimmt, würde ich gern die Aufnahme des Drängelns beantragen, also des Verschaffens räumlicher Vorteile durch Körperdruck.
Diese uralte Kulturtechnik des Vorankommens scheint mir durch die wohl noch lange geltenden Corona-Abstandsregeln existenziell gefährdet, oder bestenfalls auf den Autoverkehr reduziert, was dem Drängeln den ursprünglichen haptischen Charme des direkten Körpereinsatzes nimmt.
Das Erlebnis, in einer Straßenbahn zu stehen, ohne umfallen zu können, werden viele junge Menschen womöglich niemals kennenlernen.
Menschen werden für sie vielleicht auf immer etwas sein, das sich, von Intimpartnern und Hygienemuffeln abgesehen, höchstens auf 1,50 Meter Abstand nähert. 
Schon vor Jahren hatte eine kleine Reform des Winter/Sommerschlussverkaufs dem Brauchtum des Drängelns zugesetzt. Wühltisch war auf einmal immer. Im (buchstäblichen) Gegenzug sorgte die Deutsche Bahn durch Schlankhalten des Fahrplans, besonders in beruflichen Spitzenzeiten, für die Erhaltung des Brauchtums. Aber auch hier hat das neuartige Virus die Menschen einander entfremdet.
Wann wird man je wieder beim Mantelabholen nach der Opernvorstellung in vorderer Linie vom Druck der Drängelnden über die Brüstung des Garderobenstandes gedrückt? So holte man sich VOR Corona seine Atemnot!
Es waren die Asiaten, die das Drängeln schon früh zu reglementieren versuchten. Bilder von Ordnern, die mit weißen Handschuhen die U-Bahngäste von Tokio in die Züge schoben, schienen bereits dem Drängeln das Anarchische nehmen zu wollen, den uralten Selbstbehauptungstrieb unnatürlich zu domestizieren.
Im Westen pflegten hingegen eigens anberaumte Straßenfeste die uralte Kultur, deren Tradition bis in die Völkerwanderung reicht! Freilich sei auch nicht verschwiegen, dass deren Motivationen (“Volk ohne Raum”) bisweilen kriegerisch missbraucht wurden. Aber in den meisten Fällen war und ist Drängeln der Ausdruck lebensfroher Selbstbejahung. Jahrelang hat dies auch die Werbung durch egozentrische Projektionen  tiefenpsychologisch unterstützt (“Unterm Strich zähl ich”), aber mit Corona ist hier eine inflationär bemühte Kollektivität eingebrochen. Das Wir und die trauliche Gemeinsamkeit werden gepredigt, da der gute, alte Ellenbogen nicht mehr zum Zuge kommen kann. 
Gerade jetzt in der Ferienzeit boten viele Städte mit engen, alten Gassen reichlich Gelegenheit und Angriffsfläche. Auch an den Buffets in den Hotels konnte man mit Drängeltechniken glänzen und Anderen Delikatessen wegschnappen (Bei 3 Sternen auch schon mal nur die letzte Butter).   
Soll das alles untergehen und vergessen sein?
Sind wir bald noch das, was wir waren?
Ich fordere: Drängeln in die Weltkulturerbeliste!
Die Zeit drängt!

Mein 1. Mai, als die Welt noch nicht in Ordnung war

(aus einem glücklosen Buchentwurf)

Ich will mal so anfangen: es gibt das seltsame Phänomen, dass Menschen von einem Schiff sehr gern den Menschen am Flussufer zuwinken, während sie gruß-und winklos an den gleichen Menschen direkt am Ufer vorbeispazieren würden.
Die Distanz, die Unerreichbarkeit, das tiefe Wasser erzeugt einen Impuls, sich verbunden zu zeigen.
Auch ein „Guckt mal, wie schön wir fahren, während ihr laufen müsst!“ spielt womöglich eine Rolle.
Dies mag durchaus ein kleiner Einstieg sein in das seltsame Ritual, das sich in meinem untergegangenen Land zu jedem 1. Mai vollzog.
In aller Nichthergottsfrühe versammelten wir uns an vorher festgelegten Stellplätzen, um uns, als Schule, Sportverein oder Betrieb, in einen äußerst zähflüssigen Kundgebungsstrom einzuordnen, der irgendwann gegen Mittag bis vor die Ehrentribüne gesickert war, wo wir in einem vergleichsweise extrem kurzen und bisweilen kaum messbaren Begeisterungsanschwellen der Führung zuwinkten, welche sich mit der Ehrentribüne quasi ein Schiff hatte zimmern lassen, das nun so monströs geworden war, dass es sich nicht bewegen konnte, während wir, die Vorbeidefilierenden, den Tribünenbewohnern die Illusion boten, unterwegs zu sein. 
Wir winkten nun also zu wie eingangs erklärt, aber nicht mit der bloßen Hand, denn da konnten leicht fehldeutbare Winkbewegungen entstehen, welche aber durch die Handreichung unserer legendären Winkelemente vermieden wurden.
Meistens waren es kleine Fähnchen, schwarz-rot-gold mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz, oder Rot pur für die Arbeiterbewegung. Manchmal gab es auch Tücher, die mich aber immer an Taschentücher erinnerten, die oft zu Abschieden geschwenkt wurden. Dass das der Führung nicht verdächtig wurde, begriff ich nicht. Einmal sah ich sogar, wie mit einem Baby gewunken wurde, als Dank für die sozialpolitische Förderung des Kinderkriegens. Man konnte auch mit Fototafeln winken, kleinen Windmühlen, mit Sportgeräten, wie wir im Ruderverein zum Ersten Mai auch mit birkengeschmückten Ruderblättern winkten, ja sogar lebensgefährlich winkten, denn um ein Haar wurde ich dabei von einem Sportskameraden erschlagen. Wenigstens weit vor dem Tribünenschiff, das festgefahren auch meiner harrte. Andererseits war mein Ruderblatt lang genug, dass sich durchaus die Möglichkeit geboten hätte, den führenden Genossen damit eins auf die Mütze zu geben. Eine der Tausendundeinen unterlassenen Gelegenheiten des Widerstands.
Man konnte mit ziemlich allem, Ausreiseanträge vielleicht ausgenommen, winken. Die Oberen freute es jedenfalls, dass sie noch nicht ganz vergessen waren.
Auf den Mai-Tribünen saßen auch uralte ArbeiterveteranInnen, Menschen, die in der Nazizeit Schweres durchlitten hatten, und machten sich mit mehrstündigem Dauerwinken nun völlig fertig.
Nach dem Defilee an der Tribüne zerstob übrigens der Maimarsch innerhalb weniger Meter in völlige Anarchie. Es war ein plötzliches rasches Erschlaffen, wie man es aus dem Bett kennt. Wiederverwendbare Fahnen und Transparente wurden von Obleuten fürs nächste Jahr eingesammelt, und ein jeder eilte nach Hause, um noch etwas vom Tag zu haben.
Genug gewunken, dachte ich irrtümlich zur Wende.
Wie schockiert war ich, als ich einen Gebrauchtwagenmarkt aufsuchte. Das Geviert war von Winkelementen geradezu übersättigt. Wimpelketten baumelten kreuz und quer und Fahnen knatterten reihenweise im Wind. Wimpel und Fahnen, sonst nur an staatstragenden Feiertagen geflaggt und ausgeteilt, schmückten nun ganzjährig noch den trostlosesten Restemarkt! Vor jedem Möbeldiscounter  flatterten nun mehr bunte Fetzen als vor einem SED-Parteitag! Offenbar wusste man nicht um meine Fahnenverdrossenheit. Ich kriegte anfangs von Fahnen richtige Kaufhemmungen. Meine Funktionalität war in Gefahr!
Bis heute geht mir nicht aus dem Sinn, warum sich im untergegangenen Land die Führenden, die doch alles bestimmen können, dieses Dauerwinken engetan hatten. ‚Was nur haben die an uns?‘, fragte ich mich. Was für eine seltsame Liebe? Nicht geklärt bis heute ist, ob es bei unseren Oberen auch so etwas wie eine krankhafte Winksucht gab.
Eine Paradenabhängigkeit.
Eine Zeremonophilie.
Wenn es so etwas gab, so war es nichts Neues, sondern etwas durch die Jahrhunderte Geschlepptes. Von Häuptling zu Fürst zu Generalsekretär. Durchgewunken durch die Epochen.
Wem gewinkt wird, der ist noch da, sagten sie sich wahrscheinlich.
Abschließend muss auch noch etwas über Winkkünste gesagt werden. Denn man bilde sich nicht ein, dass die Handhabung der Gerätschaft simpel ist! Der Spagat besteht darin, dass man zwar winken soll, aber auch zeigen möchte, dass man nur unter Zwang winkt, wobei es natürlich so aussehen muss, als winke man nicht unter Zwang. Außerdem verweigert sich ein Papierfähnchen geradezu störrisch dem Winken. Es weht nicht, flattert nicht. Es ist eine Akte am Stiel, nichts weiter.
Nun, ich will das nicht vertiefen, denn Niemand möchte und muss das heute so genau lernen.
Heute sieht es dürftig aus mit nichtkommerziellen Winkelementen.
Auf Konzerten der Jugend soll bisweilen Unterwäsche geschwenkt werden, und die Gewerkschaften verteilen Trillerpfeifen, um die Zuhörfähigkeit der Tarifparteien zu zerstören.
Viel mehr ist nicht los.
Schon gar nicht am 1. Mai.

Mein erster Tag als Prepper

Nein, ich würde nie mit dem Laserschwert um die letzte Rolle Klopapier kämpfen .
Aber es war doch eben nun unaufschiebbar die Zeit gekommen, Vorräte anzulegen. Die Regierung wird von Tag zu Tag vernünftiger, da muss man mit allem rechnen. Und ich muss schlussendlich gestehen: ich habe noch nie zuvor in meinem Leben so viel Lebensmittel auf einmal gekauft.
Aber ich gelobe, dass alles gegessen wird, auch das eingeschweißte Schwarzbrot, mögen die Freudenfeste des Impfstoffes auch dazwischenfahren!
Wahrscheinlich habe ich eher Wichtiges vergessen. Fantasie ist ja die erste Pflicht des Preppers, und eigentlich habe ich Fantasie, die sich nur leider immer auf unpraktischen und erwerbskargen Feldern vergeudet.
Es gibt eine Szene in Polanskis “Tanz der Vampire”, in welcher Dracula junior versucht, seine unbändige Gier zu zügeln, nett und unverbindlich dreinzuschauen, während ihm der Eckzahn tropft. So in etwa gucken die Leute. Ich auch? Keine Spiegel bei Edeka. Vampire bleiben unerkannt. Es geht auf jeden Fall viel, viel sanfter zu als etwa vor Weihnachten. Das Fest der Liebe entfesselt deutlich mehr Aggressivität im Supermarkt als eine drohende Ausgangssperre. Aber bei Weihnachten fällt mir ein, dass ich eigentlich noch Kerzen kaufen wollte. Zu spät. Na gut. Irgendwas fehlt immer. Manches hatten sie auch gar nicht mehr da. Aber das soll im Krieg auch so gewesen sein. Und sie wussten damals nicht, dass ein Impfstoff kommt.
Jetzt ist zuhause alles in Kühlschrank und Regalen verstaut.
Und der Appetit fürs erste damit gestillt.

Die magische Bedeutung des Klopapiers

Bilder von nennen wir’s Vorratskäufen zeigen im Fernsehen stets die großzügige Bevorratung mit Toilettenpapier, was auch immer sonst an Nahrungsmitteln bevorzugt wird. Dahinter steckt sicher mehr als die Sorge, nach dem großen Geschäft ins Leere zu greifen. Das Klopapier ist das Symbol für die Aufrechterhaltung von Würde und Zivilisation. Der verklemmt dargebotene Respekt vor einer ansonsten nur zu Beschimpfungszwecken erwähnten Körperöffnung.
Ich hatte in Indien einmal für ein paar Tage lernen müssen, im Angesicht eines Erregers, der keinen Menschen interessiert hatte, unterwegs die auf dem platten Lande  präferierte Reinigungsmethode zu beherrschen, so weit mir das gelingen wollte: geworfenes Wasser, bestenfalls sekundiert von einem Lappen, der ein Robert-Koch-Institut monatelang beschäftigen könnte. Es war der Moment, als ich den Unterschied zur Dritten Welt begriff. In Delhi durfte ich zurückkehren zur abendländischen Leitkultur, zu welcher das Toilettenpapier unbedingt zu zählen ist. Da hatte sich der Keim auch schon allmählich wieder zurückgezogen.
Die Corona-Epidemie verstärkt die Angst, Kultur und Zivilisation zu verlieren. Solange die Rolle bestückt ist, ist nicht alles am A…

Aus dem Tagebuch der unterliegenden natürlichen Intelligenz (3)

Liebes Tagebuch,

das geheimnisvolle Phänomen beeinträchtigte wieder den berliner S-Bahn-Verkehr.
Die Signalstörung.
Das will sagen: eigentlich funzt alles tadellos bei uns. Bis auf ein paar Lämpchen.
Die Züge, heißt es in regelmäßiger, Transparenz suggerierender Durchsage, verkehren unregelmäßig.
Das will sagen: alles rollt, nur ein bisschen durcheinander.
Warum, frage ich mich oft, war die DDR-Mangelwirtschaft nicht auf diese genialen Ausreden gekommen? Die Versorgung mit Bananen ist unregelmäßig.
Der magische Moment tritt am Bahnhof Rummelsburg ein. Man werde jetzt zehn Minuten stehen bleiben, da das System neu gestartet werde.
Ein Neustart, das wissen Viele aus Erfahrung, das ist eine Verzweiflungstat.
Leidgeprüfte Windows-Nutzer lassen nun schon mal viel Hoffnung fahren. Beim Neustart regieren Ohnmacht und Stillstand. Alle Räder stehen still, wenn ein kleiner Chip das will. Es ist wie eine Andacht. Beten zum neuen Gott.
Starren irgendwo auf Bildschirme. Würde das Kreisen der kleinen Geduldspule von Windows aufhören, den gewohnten Bildschirm der Funktionalität preisgeben? Es gibt ja mittlerweile einen Blauton, der Verzweiflung auslöst. Glücklicherweise wird der Himmel nicht mehr so blau. Er würde uns andeuten, dass ganz oben der liebe Gott wegen blue screen einen Reset machen muss.
Zehn Minuten Stille und Reglosigkeit. Zum Weiterkommen braucht es nicht, wie früher, etwas Dampf im Kessel und freie Schienen. Fahrzeuge und Schienen sind das Nebensächlichste. Wenn es nicht wieder hochfährt, das System, das die vielen Stellwerker längst für immer nach Hause geschickt hat, weil es klüger ist und fehlerfrei arbeitet, ist keine Fortbewegung möglich. Menschen ist nicht mehr zuzutrauen, ohne Aufsicht durch eine Software Züge zu bewegen.
Als der Zug endlich langsam anfährt, geht es nur eine einzige Station weiter. Man fahre vorerst nur bis Ostkreuz, lautet die Ansage.
Innere Panik, die aber niemand zeigt. Das System ist, o wir kennen das, offenkundig nicht richtig gestartet. Eine Welle des Mitgefühls wogt durch den Zug. Der Moment ist eingetreten, wo man zuhause einen Kumpel anruft, der sich bisschen auskennt. Oft werden das Abende Dutzender Systemneustarts.
Es kann in unserem Fall auch nur sein, dass die nun entstandene fahrplanverquere Situation dem System nicht erlaubt, wieder Tritt zu fassen. Denn die Züge sind ja jetzt nicht dort, wo sie algorithmisch sein müssten. Risse in der Wirklichkeit müssen gekittet werden. Wie weit haben die Entwickler der Software Wirklichkeit vorgesehen? Die Anwender können das nicht wissen.
Ich steige Ostkreuz aus und wechsele in einen verspäteten Regionalexpress, in dem die Leute gequetscht stehen. Hätte ich doch das Auto nehmen sollen heute? Verkehrspolitische Signalstörung?

Handspiel

Es ist aufschlussreich (oder auch nicht, das muss ich noch herausfinden), mit welcher Geste Politiker ihre mannigfaltigen Äußerungen zu diesem oder jenem oder zu gar nichts illustrieren.
Angela Merkel, die nicht nur die Raute im gestischen Repertoire hat, tut auch mal gern so, als ob sie ein mittelgroßes Paket hält. (Erinnerung an Westpakete?).
Wenn Wolfgang Schäuble was erklärt, sieht es oft so aus, als wolle er gerade von unten eine Energiesparlampe einschrauben. Meistens in eine Tischlampe.
Bei Claudia Roth sind es Deckenlampen.
Ursula von der Leyen teilt die Luft gern hintereinander in Scheiben, meist vertikal, aber, wenn es um soziale Schichtungen geht, auch mal horizontal. Ständig wird Luft zersägt. Warum nur?
Es gibt auch einen allseits gern verwendeten Grundbestand an Gestik. Das Festhalten eines Insekts in spitzen Fingern zum Beispiel.
Es sind alles Gesten, die niemand im politikfernen Alltag benutzen kann, ohne sich lächerlich zu machen. Aber im Bundestag oder in der Fernseh-Talkshow wirken sie normal. Es ist offenbar ein anderer Bewegungsraum.
Früher forderte Robert Lembke bei seinem heiteren Beruferaten immer eine typische Handbewegung ab. Es waren immer praktische Handgriffe aus dem Arbeitsalltag. Nur selten aber folgerte daraus jemand auf den Beruf. Die oben angeführten Gesten hingegen sind, obwohl praktisch nicht notwendig, umso eindeutiger dem Berufsstand des Politikers zuzuordnen.
Er braucht die Handbewegungen, weil sonst nicht sichtbar ist, was bewegt wird. Nur, wenn es schief geht.

Sportliche Winterträume

Er ist zu spüren, der Sand im Schnee des Wintersport-Circus.
Woche für Woche wälzen sich die diversen Weltcup-Karawanen verzweifelt durch fönlaue Berge auf der Suche nach etwas benutzbarem Winter.
Das große Zittern ist da, nur nicht wegen Kälte.
Der Weltcup der Snowboardcrosser am Feldberg, lese ich, fällt aus.
Oberhof plant ein neues Schnee-Depot, ein idyllisches Beton-Silo, um künftig “Schneesicherheit” zu haben. Sonst geht es womöglich noch zu Fuß zum Schießen. 
Skispringer haben ja schon Matten und Eisläufer längst Hallen. Die alten holländischen Gemälde mit den Schlittschuhläufern auf den Stadtkanälen steigern noch einmal ihren Wert wegen meterorologischer Seltenheit.
In hundert Jahren werden die Kinder fragen, wie die kuriosen Sportarten mal entstanden sind, bei denen man von Bergen herunterrutscht, obwohl die doch niemals glatt werden.
Die Schneekanone ist auch keine Wunderwaffe. Sie ist den Marathonläufern im Wege, die demnächst aus den Tälern in die Höhe flüchten, um nicht zu kollabieren.
Um die Sessellifte nach oben drängeln sich auch Beach-Volleyballer und alle möglichen Leichtathleten, denen die Überlebenschancen im Brutkasten des Stadions zu rasch sinken.
Auffallend viele Kampfsportler setzen sich an der Seilbahn durch.
Die Olympischen Spiele finden endlich auf dem Olymp statt.
Das olympische Feuer brennt im Hain von selbst.
Winterspiele kann Katar bald genauso schneereich oder -arm ausführen wie Garmisch.
Aber egal, was kommt: sportliche Spiele muss es immer geben. Wettrennen, Kampf darum, ganz vorn zu sein. Wäre es anders, hätten wir die Probleme vielleicht gar nicht erst bekommen.

Die Unbeschenkbaren

Es ist nicht mehr möglich, einem ökologisch halbwegs bewussten Mitmenschen eine Schachtel Pralinen zu schenken.
Sicher essen auch umweltbewusste Menschen gern einmal Süßes und haben auch ein Dankeschön verdient, nur: bis sie durch Zellophan-Umhüllung, Außenschachtel und innere plastikverschweißte Schutzhülle zur Plastikpackung mit den womöglich zusätzlich einzeln eingewickelten Pralinen vorgedrungen sind (,deren Kakao eine lange Schiffsreise hinter sich hat), ist ihre Verzweiflung über die Menschheit in exponentiell wachsendem Maße zurückgekehrt und wischt jegliche Freude über das gut gemeinte Geschenk restlos beiseite.
Ja, es kann sogar passieren, dass die Pralinenschachtel irrtümlich als Beleidigung aufgefasst wird, als tiefe Demütigung, Verhöhnung und Provokation. Freundschaften zerbrechen oder fangen gar nicht erst an.
Oder es wird als Anschlag auf den Planeten gesehen. In einer 25 Zentimeter breiten Schachtel kann der ganze Verschwendungswahn der sogenannten Zivilisation gebündelt sein. 
Und noch mehr: dass man Menschen dadurch eine Freude zu machen vorgaukelt, indem man ihnen Genussartikel undurchdringlich einpackt, lässt auch ökologisch Naturbelassene verzweifeln. Mir als Verpackungs-Legastheniker genügt es schon, die Lasche abzureißen, mit der sich irgendwas angeblich ganz leicht aufmachen lässt. Wie viele Pralinenschachteln sind schlussendlich mit Teppichmessern oder gar Bajonetten notgeöffnet worden! Sie sind per se ein hinterhältiger Streich, mildest ausgedrückt eine Challenge, wie man heute sagt, ein Industrie-Prank.
“Ja, dann schenk halt Blumen!”, wird geraten. Um Himmels Willen! Die werden aus Ostafrika herangekarrt! Und pieksen!
Die Wahrheit ist: man kann umweltbewussten Menschen überhaupt nichts schenken.
Höchstens was wegnehmen.

Fürbitte für “bild”

Wie hat “bild” ihm entgegengefiebert, und nun ist er da! Der erste Corono-Fall in Deutschland!
Eine Seuche, das Royal Baby des Boulevard-Journalismus, hat die geschätzte Leserschaft endlich erreicht!
Jetzt dürfen nur die Abonnenten nicht wegsterben.
Und die Gelegenheitskäufer den Münzwechsel mit dem Kioskmann nicht scheuen.
Okay, perfekt ist es noch nicht. Man spürt die ungelöste Restspannung, da noch nicht bekanntgegeben wurde, ”in welcher Klinik der Mann liegt”. Sie wären längst vor Ort. Wir wüssten längst, dass er mit der letzten Thomas-Cook-Expedition durch China streifte. Dass er ‘eigentlich’ in ein paar Wochen Geburtstag hat oder vielleicht haben könnte, wenn die Götter “bild” ungnädig sind und ihn am Leben lassen. Wir würden seine Familie weinen sehen können und sonst auch alles, was sich verkaufen lässt.
Immerhin zeigt das Video bei “bild” schon die potenziellen Qualitäten ihrer investigativen Kameraleute. Sie haben sich schon mal an die Patientenfenster einer beliebigen Klinik herangerobbt, um den Schatten darin zu folgen. Sie haben auch den Hinterausgang gefunden, wozu auch immer. Es wird schon mal alles gezeigt, was sie nicht sehen können.
Möge das Virus die “bild”-Redaktion verschonen, damit wir uns nicht unserer Schadenfreude schämen müssen!

Selbstbildstörung

Überlegt, dass wer all diese beworbenen Faltencremes und sonstigen Alterskorrekturmittelchen verwendet, nicht mehr weiß, wie er wirklich aussieht.
Das ist ein Identitäts-Verlust.
Anderererseits könnte es vielleicht gelingen, durch verschiedene Anwendungen die automatische Gesichtserkennung zu irritieren. Das wäre ein Identitätsgewinn.
Wenn man wüsste, wer man ist.