Aus dem Tagebuch der unterliegenden natürlichen Intelligenz (7)

Heute kam Post von Google bzw., was ich eher vermute, von einem strohdummen Algorithmus. Darin heißt es:
“Dein Post “(erneutes) Interview mit einem Virus” wurde uns zur Überprüfung gemeldet. Wir mussten feststellen, dass er gegen unsere Richtlinien verstößt. Aus diesem Grund haben wir ihn unter http://stirnlicht.blogspot.com/2021/01/erneutes-interview-mit-einem-virus.html gelöscht… Warum wurde dein Blogpost gelöscht? Dein Inhalt verstößt gegen unsere Richtlinien zu Malware und Viren.”
Beim letzten Wort wurde ich wach.
Ich hatte fiktiv das Corona-Virus interviewt. Zu viel für Google?
Satire nicht vorgesehen im Automatismus?
Ich soll nun, wird mir geraten, alle meine Blogbeiträge überprüfen, denn “Weitere Verstöße können ansonsten dazu führen, dass wir deinen Blog kündigen.”
Antworten kann ich auf diese Drohung nicht. No reply, wie es im Absender heißt. Einen echten Menschen kontaktieren – keine Chance.
(So, wie man auch bei mir nicht vor dem Löschen nachgefragt hat.)
Also kann sein, dass hier alles bald weg ist, weil KI zum Zensor erhoben wurde.
Da ich aber alle meine Texte zuhause (!) aufhebe, wiederhole ich im Folgenden den gelöschten Blogbeitrag.
Nach mir Googles KI.
Aber das Maul verbieten lasse ich mir nicht.

Dienstag, 19. Januar 2021
(erneutes) Interview mit einem Virus

Blogger: Wir haben uns ja lange nicht unterhalten.

Virus: Ach, ich schweige ja ganz gern. Stellen Sie sich vor, wir Viren würden so viel diskutieren wie die Wirte. Wir kämen ja gar nicht voran.

Blogger: Sie loszuwerden ist halt komplizierter als uns anzustecken.

Virus: Nein. Wir als Viren handeln nur konsequent, ergo müsste man auch gegen uns konsequent handeln. Selbst die ziemlich konsequenten Impfstoffe können, wie es scheint, nicht konsequent durchgesetzt werden, weil Sie nicht alle mitmachen, nicht geschlossen handeln (was nur eine weitere Erscheinungsweise von Inkonsequenz ist) – im Unterschied eben zu uns. Wir Viren stehen ohne jede Absprache wie eine Eins zusammen und entwickeln mit den Mutationen Voraustrupps für noch mehr Konsequenz. Keiner von uns diskutiert, ob die Beschlüsse nicht zu weit gehen.

Blogger: Keiner von Ihnen hat Familie oder ein Wirtschaftsunternehmen…

Virus: Ein enormer Vorteil! Wir müssen ja nichts produzieren, da in den Wirtszellen alles für uns bereit liegt. Das hält uns den Rücken frei. Zugegeben eine große Erleichterung für konsequentes Handeln.

Blogger: Gestatten Sie an dieser Stelle die Bemerkung, dass ich Sie hasse.

Virus: Nehme ich zur Kenntnis. Man hört es ja nicht oft. Die Menschen fokussieren ihren Zorn lieber auf die Regierung. Sie denken, die sollte mit uns besser verhandeln. Aber wir verhandeln nicht. Das glauben Viele nicht. Wir selbst werden kaum gehasst. Wir sind ja nicht zu sehen.

Blogger: Deshalb kann man auch immer wieder behaupten, dass es sie gar nicht gibt.

Virus: Richtig. Wir machen auf der ganzen Welt die Leute krank und sogar tot, und trotzdem denken einzelne Völker, ihre eigene Regierung ist alarmistisch.

Blogger: Der deutschen Regierung ist für ihre heutige Entscheidungsfindung von Fachleuten eine NO-COVID-Strategie vorgelegt worden. Klingt nach konsequentem Handeln, oder?

Virus: Die Menschen klingen gern nach konsequentem Handeln. Man wird prüfen, wie weit es zumutbar ist. Davon leben wir.

Blogger: Danke für das Gespräch.

Virus: Nun bloß nicht noch höflich werden.
***

Cookies und Ethik(rat)

Die Verwirrung, aus der sich bei mir immer Neugier speist, begann mit dem seltsamen Verweis des Ethikrates in der Frage nach den Rechten der Geimpften.
Es gab, wie vielfach bestaunt, keine ethische, sondern eine epidemologische Antwort. Wozu, dachte ich, dann jetzt schon das Einberufen des Hohen Rates?
Könnte es sein, flüsterte mir ein Dämon ein, dass der Ethikrat nicht recht weiß, was eine ethische Frage ist?
Ein Besuch auf der Homepage entkräftet diesen Verdacht leider nicht so recht.
Denn auch dort, im Tempel der sittlichen Reinheit, will man erst einmal Cookies auf meinem Rechner hinterlassen.
Mein Blog, gestehe ich sofort, tut dies auch, aber nur, weil ich es nicht abstellen kann. Das ist ein Unterschied.
Wenn ich wüsste, wie’s geht – ich täte es sofort, umgehend, freudig, auf der Stelle! Aber ich darf nicht, weil diese Möglichkeit hier, meine Meinung frei zu äußern, Google gehört.
Mein Wort ist frei, aber nicht das Unsichtbare.
Dumm gelaufen.
Für mich und leider auch das Publikum. (Trost mag nur spenden, dass sich die Datensammelwut auf jeder Zeitungs-Homepage noch weit heftiger austobt als auf diesem bescheidenen Acker eines elenden Freizeit-Skribenten.)  

Ich bin also, zugegeben, ethisch fragwürdig. 
Erzwungen bedenklich.
Der Deutsche Ethikrat aber ist in einer viel komfortableren Situation. Er hat eine bezahlte Homepage und kann damit tun und lassen, was er will.
Und doch will er in meinen Rechner und sagt auch gern, was er da drin so treibt, der liebe Ethikrat.
Nur kann mir irgendjemand erklären, wozu eine Einrichtung, die per definitionem “das sittliche Verhalten des Menschen zum Gegenstand hat”, wissen muss, welchen Browser und welches Betriebssystem ich wann und von wo kommend (!) verwende? Das geht doch niemanden etwas an! Nicht einmal mich!
(Ich hätte mich vielleicht nur halb so echauffiert, wenn ich nicht zuvor auf der Homepage vorgeheizt worden wäre, durch einen Button mit der Beschriftung “Warenkorb”, in welchen man die ethische Empfehlung dort tun kann. Darauf käme ich nicht mal als Satiriker: Ethik als Ware!)
Freilich, man kann sich auch bei den Ethikhütern durchklicken zu einer Cookie-Deaktivierung, weil man ja an chronischem Zeitüberfluss leidet.
Sie verwenden, heißt es weiter, auch Matomo. Wikipedia: “Gibt dem einzelnen Besuch (Session) eine ID, um den Klickpfad aufzeichnen zu können.”
Jetzt bin ich richtig auf ethischem Kriegspfad. Obwohl, denke ich, eher bloß auf dem Laufsteg.

Das Tool biete “genaue Analysen…des Nutzerverhaltens”. Und als Google-Sklave staune ich einmal mehr: “Während Google Analytics auf maximal zehn Millionen Aktionen pro Monat limitiert ist, werden bei Matomo für die Auswertung alle Daten herangezogen.” Wenn schon, denn schon.
Ich gebe gern meine Daten für eine Corona-App, für eine Gesundheits-Card, die bei einem Unfall schnelles Handeln ermöglicht. Wenn man mir erklärt, welche Daten man will und wofür man sie verwendet, und ich das einsehe, ist alles gut. Ich habe auch beispielsweise überhaupt nichts gegen Videoüberwachung auf Bahnhöfen, weil ich mich damit sicherer fühle. 
Aber mir fällt kein einziger Grund ein, wozu ein Ethikrat die Daten meines Homepage-Besuches benötigt.

Google schafft Unsterblichkeit ab

Das ist doch mal eine Überschrift und nicht einmal übertrieben.
Google will, so teilt es mir heute morgen mit, jetzt alles, was zwei Jahre nicht vom Account-Inhaber angefasst wurde, löschen. Und es gibt nur einen Weg, sein Zeug zu behalten: man muss aktiv sein.
Irgendwas machen, ablegen, abrufen, es muss nicht einmal Sinn ergeben. Hauptsache, man hat gewackelt.
Andernfalls müsste Google mich als nicht vorhanden einstufen und hätte nach heutigem Verständnis sogar recht.
Eigentlich verhalte ich mich zuhause ebenso. Was mehrere Jahre nicht angefasst wurde, hat hohe Chancen, seine Reise ins Recycling oder die Müllverbrennung anzutreten. Die Einsicht, dass wir viel zu viel haben, hat nun auch einen Riesen erreicht, der uns bisher glauben machte, dass es auch für das Banale keine Gürtellinie der Bewahrungswürdigkeit gibt.
(Ich erinnere mich bei der Gelegenheit, wie einmal der Papst im von edlem Krempel vollgestopften Petersdom die Menschen ermahnte, nicht so viel Besitz anzuhäufen. Es schien mir damals wie ein Hilferuf aus eigener Not. Der nicht erhört wurde.)
Die eigentliche Botschaft lautet freilich, dass Google vor allem die Unendlichkeit abschaffen muss. Es gibt wohl doch nicht Speicherplatz satt. Und so wird schon mal die Sparte “Friedhofsverwaltung” aufgegeben.
Auch dieses Blog wird von Google bereitgestellt.
Meine Chancen, dass ein Cyber-Archäologe nach zehntausend Jahren auf völlig verstaubten Servern diese Kritzeleien aus der späten Erdölzeit entdeckt, schwinden nun also leider erheblich.
Ich hätte sie in eine Höhle ritzen sollen.

Im Netz der Fragen

Dass die Welt voller Fragen ist, wusste man ja schon ohne Google.
Ursprünglich geschaffen, Antworte, wenn nicht zu finden wenigstens zu versprechen, schickte mir Google aber nun plötzlich eine obskure Chiffre.
“Eine Frage, die Sie abonniert haben, wurde als Duplikat einer vorhandenen Frage markiert. Sie können diese Frage abonnieren, um immer informiert zu werden, wenn es Neues dazu gibt.”
Wer abonniert Fragen?
Ich werde in der Mail weiter unten noch eingeladen, “Frage ansehen” anzuklicken und erfahre in einem neuen Fenster, wobei schlagartig die Verhandlungssprache ins Englische wechselt, dass es sich um ein “locked thread” handelt.
Ich könnte gern ein neues “support ticket” kreieren, heißt es, worauf sich ein neues Fenster öffnet, das mich zum neuen Fragen einlädt.
Ein Fragengenerator, dieses Google.
Wie wird es weitergehen?
Wird sich das Duplikat der vorhandenen Frage erneut duplizieren, obwohl ich weiterhin überhaupt nichts zu fragen gedenke?
Kann ich Duplikate abonnieren?
Wird es nach einigen hundert Duplikationen mathematisch zwingend das ganze Universum mit meiner Frage füllen müssen, die längst als “locked thread” verstummt ist?
Abonnieren möchte man so etwas jedenfalls nicht.

Aus dem Tagebuch der unterliegenden natürlichen Intelligenz (2)

Liebes Tagebuch,

Google Mail hat zum ersten Mal Mails für mich geschickt, ohne dasss ich es gemerkt habe.
Was zur Verwirrung der Empfängerin, einer älteren Dame, geführt hat, die sich zunächst von mir zu ihrem eigenen Geburtstag eingeladen sah, gleich danach aber von mir eine Mail mit der Bemerkung “Termin gestrichen” bekam, was natürlich leicht auf die Kategorie “Beleidigung” hinaufgestuft werden könnte.
Google verschickte an sie auch eine Handlungsempfehlung: “Lehnen Sie diesen Termin ab, um keine weiteren Informationen zu diesem Termin zu erhalten.” Und eine Warnung vor Flashmob gab es auch: “Wenn Sie diese Einladung weiterleiten, kann jeder Empfänger eine Antwort an den Organisator senden und zur Gästeliste hinzugefügt werden.”
Es brauchte ein einfühlsames Telefonat (sie rief irritiert an), um sich für die Beziehungs-Kettensäge Google zu entschuldigen. Und für mich. Denn was ließ ich auch diesen irgendwo auf einem Server in Amerika Streiche ersinnenden Dämon meine Termine verwalten.
Die Sache hatte auch ein Vorspiel, in welchem sich Google Kalender erfolgreich als Stifter des Chaos und vor allem weiterer diplomatischer Peinlichkeit  produzierte. Es verlegte, und das nicht zum ersten Mal, einen eingetragenen Geburtstag um eine Woche nach hinten. Doch da ist er nun mal nicht, so sehr sich Google das auch wünscht. Und weil mir nichts anderes blieb, als diesen Eintrag zu löschen und neu anzulegen, entstanden, ohne dass ich “Absenden?” gefragt wurde, die Mails.
Grober Unfug geschieht ja neuerdings immer, wie es google-übersetzt neudeutsch heißt, um das Kundenerlebnis zu verbessern. Mein Kundenerlebnis ist nun allerdings nur um ein Weiteres verunsichert.
Was wird Google als nächste tun?
Es soll schon, zumindest im Labor,  per Telefon Restauranttische bestellen können, ohne dass man im Retaurant bemerkt, dass eine Blechkiste angerufen hat.
Da sie dort in ihren kreativen Büro-Umgebungen immer an neuen Ideen erkranken, nehme ich diese hiermit schon mal vorweg:
Google kündigt Versicherungs-Verträge und schließt neue ab. Google erkennt, wen ich nicht leiden kann und versendet Hassmails. Google verbietet mir überhaupt, selber Mails zu schreiben, weil es das sowie besser kann. Google zieht statt meiner in die Wohnung. Google ist am Ende Ich und lehnt andere Auffassungen als nicht geeignet ab, das Kundenerlebnis zu verbessern.
Man müsste die Suchmaschine so langsam am Suchen hindern.