Zum Inhalt springen

Kategorie: Jugend

Wortschutz neu gedacht

Das „Jugendwort des Jahres“ überfällt Jahr für Jahr die Überalterten der Republik mit einem nie gehörten Anglizismus. Es bildet eine coole potemkinsche Kulisse der Kreativität.
Wir Alten erfinden keine Worte mehr, sondern versuchen von Jahr zu Jahr verzweifelter, die vorhandenen im Kopf zu behalten.
Oder gegen die Nichtmehrverwendung zu schützen.
Den „Archaismus“ des Jahres zu wählen, wäre auch mal nett. Ich täte mitmachen. Schließlich wählt man in den Kategorien „Pflanze“ oder „Vogel des Jahres“ ja auch die Bedrohten und nicht die Brutalinvasiven.
Nach Häufigkeit dürfte beim Jugendwort auch in diesem Jahr sowieso „äh“ gewonnen haben, vor „keine Ahnung“ und „genau“. Vom Aussterben bedroht hingegen wären „Entschuldigung“ und „Danke“.
Beides aber wohl längst zu cringe.

Selbst-Labeln

Das gute Gewissen kann man sich mittlerweile billig kaufen.
Selbst Aldi hat all zu feile Bio-Produkte. Im Fernsehen, bei Geldanlagen, überall, selbst beim Mineralwasser – immer gern das Siegel ’nachhaltig‘, als wäre nicht jeder von uns zu viel für diese kleine Kugel im Universum.
Über Überbevölkerung redet niemand, wohl weil sie der einzige Rettungsanker der Rentenversicherung ist.
Und man will nicht den Überbevölkerungen anderer Ethnien das Gelände räumen.
Volk mit (noch) Raum.
Die Klima-Hungerstreikenden kommen mir vor wie die Mitziehenden der Kinderkreuzzüge, die eiferten, das heilige Grab zu befreien, aber dann am Mittelmeer einfach nur kein Schiff hatten. Worauf sie mehr als ernüchtert zurück marodierten. Heil-los.

Als Postkarten noch geholfen haben

Ob wir von selber drauf gekommen wären?
Als Kinder wurden wir Anfang der Siebziger zunächst vom Lehrer ermuntert, uns für die Freilassung der amerikanischen Bürgerrechtlerin Angela Davis einzusetzen. Aber ich war dennoch mit ganzem Herzen dabei. Wer die sympathische Frau mit dem Wuschelkopf auch nur eine Sekunde lang sah, wusste, dass sie nicht ins Gefängnis gehört. Irgendwie haben wir sie alle aus dem Knast rausgeholt und ihren Freispruch erwirkt.
Jetzt ist, zugegeben, der belorussische Blogger Roman Protassewitsch nicht das, was bei Teenagerinnen unter “voll süß” verbucht wird. Außerdem haben Lehrer es schwer, eine Postkartenaktion anzuzetteln, schon deshalb, weil kein Mensch mehr Postkarten verschickt. Und der Herr Präsident dort wäre wahrscheinlich auch von ihnen nicht beeindruckt. Wie auch nicht von einer Million Likes bei Facebook für den eingesperrten Blogger.
Freiheit in Belorussland ist wohl auch nicht so wichtig wie der Klimawandel.
Unser Lehrer damals hätte uns sogar dringend abgeraten, in Sachen „Bürgerrechte“ in der belorussischen Sowjetrepublik postalisch zu intervenieren. Ganz sicher wäre man in den dortigen Gefängnissen auf der Suche nach unschuldig Inhaftierten fündig geworden.
Und doch erstaunt mich das Schweigen der Jugend heute zum Schicksal ihres Altersgenossen und seiner Freundin in Weißrussland. Sind sie erschöpft von der Stimmabgabe beim ESC? Warum stellt sich keine breite Solidarität her? Liegt es doch an den fehlenden Postkarten, also daran, dass im Tosen des Internets jede Beistandsaktion eh verrauscht?
Ich fürchte, es liegt am Blogger selbst. Er hat es verpasst, ein internationaler Influencer zu sein. Vielleicht hätte er auch mal über Turnschuhe oder ein tolles Videogame bloggen sollen.
Aber selbst wenn: hört man hier überhaupt auf irgendjemanden aus Osteuropa? Er ist nicht “in”, was ein Lehrer zuallerletzt ändern kann.
Wie gut hatte es Angela Davis.