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Kategorie: Karneval

Vom Untertan zum Trotzkopf

Wenn die Erwachsenen im Festsaal der Gaststätte meines Geburtsdorfes feierten und nach den steifen Rhythmen der Dreimannkapelle tanzten, kamen manchmal Nummern, bei denen man es fast mit der Angst bekam.
“Wir lassen uns das Singen nicht verbieten, Das Singen nicht und auch die Fröhlichkeit.”
Es klang vom Text wie eine Drohung und von der Musik wie ein Militärmarsch.
Die mitgrölten, hätten uns Jungen damals gern verboten, die Haare lang wachsen zu lassen, aber das nur am Rande.
Immerhin wirkte dieses so genannte Stimmungslied kontrastierend zum Untertanengeist, den man gern im Deutschen feststellt.
Er scheint, beschaut man nun das Karnevalstreiben, davon geheilt zu sein, so bald er Geselligkeit und Umtrunk wünscht.
Man lässt sich das Ignorieren nicht verbieten.
Ein bisschen Kontrollbudenzauber, und alles ist schick.
Untertan bleibt man am Rhein freilich dem Kalender, auf dem nun mal Fröhlichkeit eingetragen ist zum 11.11.
Da wird gehorcht.
Verweigert wird hingegen die Realität.
Das Ergebnis: am deutschen Wesen ist bei Corona kein Genesen.

*
Irgendwie auch prophetisch,der DEFA-Film von 1948 „1-2-3 Corona“:

Karneval von unten

Den zeitlebens stimmungsvollsten Eindruck zum heutigen Rosenmontag erzappte ich einmal bei einem rheinisch-regionalen Fernsehkanal, den mir die Telekom ins Senderpaket spie, weil sie ihn nun mal da hatte.
Dort sah ich eines Vormittages in voller Länge eine Fahrt mit der Kölner U-Bahn, gefilmt aus dem Führerstand, und hörte dazu jedoch stark kontrastierende Karnevals-Schunkel-Schlager.
Man fühlte sich spontan in eine besonders anspruchsvolle Berlinale-Sektion versetzt.
Vor Augen den finsteren, öligen Tunnel mit von schwarzen Spinnweben verhangenen Kabelbäumen und in den Ohren das quietsch-bunt-hallige Schingdarassabum von Übertage mit Gejohle und Alaf.
Oben? Unten? Man wusste nicht zu entscheiden, wo man jetzt lieber nicht wäre.
Die Aufnahmen waren wohl außerhalb der Karnevalssaison entstanden, denn bei Stationseinfahrten sah man die üblichen Sauertöpfe, die wir Deutschen auf jedem Bahnhof abgeben.
Immerhin zeigte die zugespielte Musik, zu welch Extasen Menschen dort wohl fähig sind. Warum allerdings und noch dazu kalendarisch streng fixiert, erschloss sich leider auch nicht bei dieser nahverkehrstechnischen Darmspiegelung einer Karnevalshochburg.