Im Zauberwald der Technik

Dass sich die Dinge verwandeln, magische Kräfte erwerben oder Flüche verhängen, ist längst nicht mehr ein Privileg der Weihnachtsmärchen, mit denen Kindern schon immer die langen Winterabende verkürzt werden.
Immer wunderlicher wird auch die Technik.
Heute zeigt mir die die Google-Mail-App im Handy Posteingänge an, während die Desktopversion leer ist.
Ein Zauberspiegel? Oder nur eine dieser verwunschenen Verbesserungen?
Geht man in “Einstellungen”, tauchen dort ständig neue Optionen auf, die man nicht einmal versteht, geschweige entscheiden kann. User im Wunderland.
Es wimmelt von guten Feen, die nur leider chinesisch reden.
Wenn ich die Schrankbeleuchtung einschalte, kann ich nicht mehr bei der Telekom HD-Fernsehen gucken.
Ich wohne offenkundig in einem Zauberschloss.
Nach dem Update sind auf dem MacBook Air (unter anderem) die Drucker verschwunden.
Ich hätte wohl nicht, wie Schneewittchen, in die angebotenen Äpfel beißen sollen.
Was geschieht als nächstes?
Hilft das Wünschen?
Lieber nicht an der Lampe reiben.

Demokratiedefizite in Märchen

Offenbar gibt es keine Märchen, die in Republiken spielen.
So sehr ich herumzappe.
Ich mache mir langsam Sorgen.
Ob das pädagogisch nicht doch etwas bedenklich wird?
Klar ist eine Demokratie weit weniger dekorativ als ein barocker Hofstaat. Weder A. Merkel noch F.W. Steinmeier laden zum Kronenschmuck ein. Eine Prinzessin zu verheiraten ist viel romantischer als einen Koalitionspartner zu finden.
Aber was sagt der Rechnungshof dazu, das halbe Königreich als Mitgift zu verschleudern?
Die Happyends vieler Märchen basieren auf bejubelter Ausbeutung.
Verständlich ist der feudale Hintergrund natürlich noch bei den Brüdern Grimm in ihrer Zeit. Höchstens gibt es da gesellschaftlich neutrale Räume, in welchen die Agierenden dann aber auch einzig auf sich gestellt sind. Hänsel und Gretel müssen im rechtsfreien Raum des Knusperhäuschens ohne Polizei und Staatsanwalt auskommen. Rotkäppchen hat auch nur Glück, dass der Wolf noch nicht unter Bestandsschutz steht.
Märchen, heißt es, lassen der Fantasie freien Lauf. Warum kann Schneewittchen nach Abschaffung der Stiefmutterdiktatur nicht auch mal freie Wahlen ausrufen?
Unterstützt von der Bundeszentrale für politische Bildung.
Das halbe Königreich kann ja zur Not über Staatsanleihen finanziert werden.
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann zahlen sie noch heute.

Die überbewerteten Wölfe

Immer mal wieder heult im brandenburgischen Wahlkampf das Thema „Wolf“ auf.
Aber Wölfe sind wohl in etwa so falsch bewertet wie der Komponist Antonio Salieri, der bekanntlich Mozart nicht ermordet hat, aber so sehr in der Nummer drin hängt, dass er es heute wohl täte.
Erst recht, weil man Mozart das „Wolferl“ nannte.
In meiner Kindheit brachte man uns bei, dass Wölfe gern in Frauenkleidern im Bett liegen und es nicht mögen, von jungen Mädchen mit roten Kopfbedeckungen auf die Unvollkommenheit ihrer Verkleidung oder überhaupt männliche Attribute angesprochen zu werden.
Später sah man sie im Film als treue Begleiter von Vampiren.
Als dann Naturschützer versuchten, Wölfe bei uns wieder heimisch zu machen, fürchteten viele, nicht mehr unbehelligt mit einem Korb voller Kuchen durch den Wald zu kommen.
Solange es den überhaupt noch gibt, denn der Mensch ist bekanntlich des Menschen bösester Wolf und frisst sich selbst den Boden unter den Füßen weg.
Ach, und dass kleine Mädchen wie das Rotkäppchen ihre Großmutter physisch besuchen und sogar beschenken, gilt als überwunden. Pro Oma-Geburtstag gibt es bis zum Antreten des Erbteils eine SMS, die im meist ausgeschalteten Prepaid-Handy der alten Dame vergammelt.
Als ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Wolf sah, war dies ein augenscheinlich frierendes, mageres, graues Bündel in einem Tierpark. Vielleicht bekam unser Tierpark-Wolf auch einfach nicht genug kleine Mädchen zu fressen. Womöglich müsse er sich sogar vegetarisch ernähren und nehmen, was die Rehe so übrig lassen. Jedenfalls war meine Wolfsangst bei seinem Anblick wie weggeblasen.
Heute stehen Wölfe so sehr unter Schutz, dass man Entschädigungen zahlt. (Kommentar von Rotkäppchen: „Gut zu wissen!“)
Wie viel genau man bekommt, ist aber unklar. Man muss einen so genannten Rissbegutachter kommen lassen. Der schaut, ob der Biss „einfach oder nachgefasst“ ist, ob der Eckzahnabstand wolfsmäßig hinkommt und eine typische lange Schleifspur zu erkennen ist.
Es könnte ja jeder kommen und ein Schaf tot beißen.
Danach muss natürlich auch noch ein Formular ausgefüllt werden.
Das Ganze rechnet sich, wie man hört, wohl nicht so recht, und man kann nicht gut davon leben, Schafe in ein Wolfsrevier zu scheuchen. Letzteres nennt man übrigens ökologisch korrekt „Förderkulisse“.
Rotkäppchen in der Förderkulisse.
Das Gefressenwerden ist wirklich nicht mehr sehr romantisch.