Akrobatik der Gesten

Noch nie war bei einer olympischen Eröffnungsfeier die Diskrepanz zwischen Geste und Wirklichkeit größer.
Gewohnt war ich sie, ja ich habe sie sogar gemocht. Alle vier Jahre winken sich alle einander zu. Solange es das gibt, denke ich immer, ist die Welt nicht verloren.
Wogende Massen in Einwegkostümen, die den Frieden darstellen.
Tonnenweise das, was wir früher Winkelemente nannten, die als potenzielle Winkziele diesmal allerdings nur ein paar Ehrengäste vorfanden.
Manche Länder können sich, las man, nicht leisten, an Olympia teilzunehmen. Die leuchtenden Drohnen im Tokioter Abendhimmel hatten sie aber nicht vergessen.
Friede, Freude, Eierkuchen, denkt man immer, und ist doch gerührt.
(Eierkuchen war, fällt mir auf, noch nie zu sehen in so einer Show. Seltsam.)
Die das Gute darstellenden Menschen brauchten gestern keine Maske zu tragen im Unterschied zu Kaiser und IOC-Präsident. Sie konnten sich aussuchen, ob sie privilegiert oder ungeschützt waren.
Der IOC-Präsident nahm die Maske nicht einmal bei seiner Rede ab, was bei gebührendem Abstand des Mikrofons virologisch sogar Unsinn ist.
Aber es geht eben um Gesten. Und ein Zusammenkommen ohne risikofreies Zusammenkommenkönnen ist die anspruchsvollste Geste, die je auf einer Eröffnungsfeier geboten wurde.
Ein olympiareifer Fake.