Wahlkampf in Farbe

Da man doch (unverdrossen) davon ausgeht, dass im Wahlkampf von den Parteien alles mit Bedacht getan wird, grübele ich seit Tagen über die subtile Farbenwahl auf den Bundestags-Wahlplakaten.
Warum weicht das Rot der SPD, in das Olaf Scholz getaucht ist, als stünde er vor einem ausglühenden Waldbrand, diskret, aber spürbar vom offiziellen Rot des Parteilogos ab?
Ein kleines Software-Tool bestätigt es mir dann exakt:
Das Scholzposter hat in der Rot-Grün-Blau-Zusammensetzung 8 Anteile weniger Rot und deutlich mehr Grün-und Blau-Anteile als das offizielle Parteidesign.
Es ist jetzt bei der SPD mehr so etwas zwischen Opernhaus-Samt und Bordeaux.
(Schon Werner Finck hatte seinerzeit festgestellt, dass die SPD auf die vermutlich bordeaux-trinkende bürgerliche Mitte zugehen will und nun “nicht weiß, wohin mit den Arbeitern”. Ist es das? )
Mindestens ebenso denkwürdig ist das verblassende Grün auf den Plakaten der Grünen. Streng optisch untersucht hat ihre Wahlkampagne einen deutlich stärkeren Grünanteil, der aber durch hohe Gaben von Rot und Blau so sehr aufgehellt und verstimmt wurde, dass das Ganze jetzt mehr so in Richtung Minze-Soße geht. Aber was sagt das dem Wähler bzw. soll es sagen? Beginnende Auflösung? Ist Blassgrün das neue Grün?
Einzig farbecht, muss man fairer Weise einräumen, ist die FDP. Wahlplakate und Parteilogo verwenden exakt denselben Gelbton. Aber Beständigkeit ist auch nicht immer etwas Schönes.
Es flirrt einem vor Augen. Augen zu und durch?
Mehr so auf Inhalte gucken, heißt es immer schnell. Aber die sind ja noch schwerer zu sehen.

Das große Nichtankommen

Es gibt Landstriche sogar in Westeuropa, in Frankreich etwa oder Italien, in welchen ähnliche Wähleranteile wie in Sachsen-Anhalt für rechtspopulistische Parteien stimmen oder es mit der Wahltbeteiligung hapert. Niemand dort würde aber über diese Landstriche sagen, dass die da Lebenden “nicht in der Demokratie angekommen” wären. Diese Überheblichkeit ist den Westdeutschen vorbehalten.
Unversehens wird man als Nicht-AfD-Wähler per Geburtsurkunde in den Kreis der Unreifen, Langzeitverdorbenen eingemeindet.
Solange sich in Ostdeutschland nicht bis auf die Stelle hinter dem Komma das gleiche Parteienverhältnis darstellt wie im Westen, stimmt hier etwas nicht.
Solange wird man auch unverdrossen von den “neuen” Ländern sprechen, als kämen sie aus der Retorte. Schön wärs.