Aus dem Tagebuch der unterliegenden natürlichen Intelligenz (9)

Was sofort funktioniert, taugt nichts, sagte mein Lehrmeister gerne.
Mein ganzes Leben hat mich dieser Spruch häufig und erfolgreich über Technik getröstet.
Manchmal findet meine Geduld aber doch noch ihren Meister.
Als ich der Versuchung erlag, den leisesten Rasenmäher, wo gibt, zu kaufen. Und Spoiler: er ist es wirklich. Man hört unter ihm das Gras wachsen oder zumindest dies wollen. Der Nachbar wird garantiert gar nichts hören. Außer meinem Fluchen, aber dazu später.
Und wäre der Mäher nicht so leise, wäre ich jetzt schon viel, viel lauter.
Es geht los mit dem Tragen des Gerätes hinaus ins Freie, denn es gibt keinen Tragegriff.
Früher war mehr Griff, denke ich immer öfter bei neuer Technik.
Sie wollen nicht mehr, dass wir was ordentlich anfassen. Nur höflich und zaghaft auf einen Touchscreen tippen, bis diesmal recht häufig “Kommunikationsfehler” zu lesen ist.
Nach drei Minuten Nichtstippen bricht die praktische Bluetooth-Verbindung von der Äpp zum Gerät auch jedes Mal gnadenlos ab. Man muss dann hinlaufen zum Mäher, und er ist, weil leise, gar nicht gleich zu finden, und ihn neu einschalten, eine PIN eingeben, als wäre es ein Geldautomat, und dann geht’s, vielleicht, weiter.
Ich komme auf die nervös-ungeduldigen Bluetooth-Abbrüche noch zurück.
Natürlich muss man sich wieder bei einer vorher nie gehörten Loge einen Account einrichten, um die Äpp überhaupt verwenden zu können. Bin ich aber gewohnt, Ich kenne ja diese obligatorischen Massenorganisationen noch aus der DDR. Würde mal gern wissen, wo ich heute überall Mitglied bin. Bestimmt kann man sich da bald irgendwo auf einer entsprechenden Durchsuchungsplattform einen Account einrichten.
Aber zurück zum Tragegriff. Tragen, denke ich gleich, war womöglich gar nicht vorgesehen. Man war so sehr mit HighTech-Ideen befasst, dass niemand daran gedacht hat, wie das Teil aus der Schachtel auf die Wiese kommt.
Da ich das babygroße Gerät nur quasi umarmend tragen kann, ergibt das die erste blutende Schnittwunde an einem Finger, weil ich von unten in die Klinge greife.
Dabei wird im Handbuch vor aller möglichen Unbill gewarnt.
Nur nicht vor dem Tragen, das anders aber gar nicht möglich ist.
Ansonsten werde ich durch diverse Hinweise sehr gut vor mir selber geschützt: ich soll zum Beispiel den Akku nicht ins Feuer werfen. (Sollte unser Haus einmal in Flammen stehen, werde ich mich daran erinnern.)
Ich soll mich nicht auf das Gerät setzen.
Ganz sicher nicht, und schon gar nicht, wenn es umgedreht wurde.
“Mähen Sie den Rasen, bevor Sie das Gerät installieren!”, heißt es.
Ich kenne ja Menschen, die nur abgewaschene Teller in die Spülmaschine stellen. Das scheint mir ähnlich.
In der Schnellanleitung, alles auf einen Blick und so, ist mittendrin ein Satz in Englisch stehen geblieben. Da bin ich immer gleich hellwach! Solche Sachen verraten immer, dass durchgehend geschludert wird. Oder am Personalaufwand gespart, ein A3-Blatt noch mal gegenzulesen.
Letzteres kann eigentlich nicht sein, das Ding war teuer genug.
Grundsätzlich sind die “Gerät einschalten-Gerät arbeitet”- Zeiten vorbei. Da ich es mit einem Rasenmähroboter zu tun habe, der mir Arbeit abnimmt, funktioniert gar nichts vor einem Tag Arbeit, an welchem vor allem allerlei Begrenzungsdrähte verlegt werden müssen. Dass unsere Wiese natürlich begrenzt ist, spielt keine Rolle. Wie ich fertig bin, wird angezeigt, dass das Kabel eine Lücke aufweist. Niemand weiß wo. Es stellt sich heraus, dass im Moment der Vollendung des Kabelkreises der Mähroboter still und leise schon mal losgefahren ist und das Kabel, mit dessen Einbuddeln ich noch gar nicht fertig war, zerfetzt hat, bevor ich mit der Äpp eine Verbindung herstellen konnte (siehe oben).
Das Gras drumherum sieht unbeschädigt aus.
Unschuldig wirkt das Gerät.
Es gehorcht mir ja nur.
Aber sowas geht nie gut.
Ich bräuchte mal wieder was Barrierefreies für Minderbegabte. Aber die Zeiten sind vorbei.