Vom Sie zum Ihr

“Wisst Ihr schon, was Ihr trinken wollt?”, fragte hypergutgelaunt die Kellnerin im Ferienhotel.
“Sie muss doch nicht die übertriebene Höflichkeitsanrede des 17. Jahrhunderts pflegen, Jungfer!”, wollte ich anheben.
Wisse sie denn nicht, dass man einander heute, ob Herr, ob Magd, auf Augenhöhe begegnet?
Aber sie meinte uns beide.
Und es gab auch keinen erkennbaren Knicks.
So entfiel meine freundliche Erwiderung.

Seidenstraßenslang

Das Selbstbewusstsein der chinesischen Wirtschaft drückt sich in der zunehmenden und zunehmend unbekümmerten Liederlichkeit der deutschen Versionen von Beschreibungen und Gebrauchsanleitungen aus.
Da wird sich, vermute ich, siegesgewiss keine Mühe mehr gegeben, gutes Deutsch anzubieten, weil ein niedriger Preis von der deutschen Kundschaft sowieso besser verstanden wird als ein vollständiger Satz.
Man liest, der Artikel “kann sich selbst Reinigung produziert” , und ist beruhigt.
Und jeder weiß doch auch sofort, was “Die beide Seite sind anwendbar” bedeuten soll.
Oder ignoriert mysteriöse Warnungen wie “Wir empfehlen, es innerhalb von 5 Minuten nach einem Unfall zu entfernen”.
Vielleicht werden wir in Ermangelung anderer Kaufoptionen, denn Vieles gibt es ausschließlich nur noch “made in China”, bald auch beginnen, selber so zu sprechen, wie wir angesprochen werden.
Wendungen wie “passt perfekt zu die meisten Möbeln in verschiedenen Moden” verkünden eine faszinierend optimistische Ignoranz und Überlegenheit. Wir sind euch voraus, klingt es zwischen den fehlerhaften Stellen, wir sagen, was für euch ausreicht. Passt perfekt.
Nur manchmal sind wir aber noch überfordert. Das Versprechen “Schützen die Tränen ihrer Kinder” erschließt sich mir nicht so rasch. Aber ich habe nur die Wahl, mir Mühe zu geben, es Sinn stiftend zu interpretieren.
Mehr und mehr werden wir uns in die automatischen Übersetzungsmodule hineindenken, ihnen immer besser gedanklich entgegenkommen, so dass sie nicht mehr vervollkommnet werden müssen.
Kann sich selbst versteht und schützen die Tränen der Sprachpflegenden.

Mythologische Schlachtefestplatte

Ärgerlich an der Spionagesoftware “Pegasus” ist auch, dass man zur Namensfindung das Dichterross geschlachtet hat.
Wieder ist ein Begriff geraubt, bedeutungsgewendet, geschändet.
Zuletzt war es der “Querdenker”, um den es wiklich schade ist. Jetzt das geflügelte Pferd. Hat es jemand mit dem trojanischen verwechselt? (Nachdem schon der Begriff “Trojaner” diskriminierend ist für die Bewohner der geschleiften Stadt, weil im sagenhaften trojanischen Pferd kein einziger Trojaner steckte.)
Sollte die Unesco langsam eine Schutzorganisation gründen, die die Weltkultur vor der geschmacklosen Plünderung bewahrt?
Über die Software selbst ist wenig zu sagen. Sie diene, so der israelische Hersteller, der Bekämpfung von Terrorismus und Kriminalität. Anders gesagt: unsere Grundwerte verraten wir lieber selber. Denn dass nirgendwo staatlicherseits versprochen wird, die Bürger vor der Bespitzelung zu schützen, kann nur daran liegen, dass man selbst solcherlei Software verwendet und nun nicht gleich all zu viel Ernst machen möchte mit dem Datenschutz. Bis jetzt ist der Bürger doch ganz gut damit ruhig gestellt, dass er zwanzig Mal am Tag Datenschutzvereinbarungen anklicken darf, und dass Cookies unter dem Label “Ihr Datenschutz ist uns wichtig” laufen. Auch bei Corona-Apps durften sich Bedenkenträger ruhig austoben. Bei “Pegasus” hingegen steht die minimale öffentliche Aufregung im schreienden Kontrast zum guten Grund dafür.
Aber jetzt muss erst einmal das Flügelross begraben werden. Man kann es nicht mehr ohne falsche Assoziationen erwähnen.
Ruhe sanft, Pegasus. Das Internet ist kein Ponyhof.

schwarzdenken

als mittlerweile sichtlich ergrauter mitbürger ist es höchste zeit, aufzustehen und auch mal für sich selbst in den kulturkampf gegen sprachliche diskriminierung zu ziehen.
bewegt haben mich zuletzt verkehrsbetriebe in münchen und berlin, von denen ich las, dass sie den begriff “schwarzfahrer” nicht mehr verwenden wollen bzw. streichen oder wohl wenigstens schwärzen, um nicht in rassismusverdacht zu geraten.
die sorge ist nicht unbegründet, denn das verdächtigen grasssiert mindestens wie die schwarze pest, und wer befallen ist, hat definitiv den schwarzen peter.
ich habe deshalb heute vorsorglich beschlossen, mich als ergrauter beispielsweise durch den begriff “grauzone” diskriminiert zu fühlen. auch der “grauschleier” beleidigt mich, denn meine haarfarbe hat nichts mit fehlenden wascherfolgen zu tun. als grauer will ich bitte nicht das schwarze schaf sein.
wie so oft bei solchen unwort-enttarnungen habe natürlich auch ich keine griffigen alternativen zu den urplötzlich verpönten worten zur hand. der protest ist heutzutage der lösung immer uneinholbarer voraus! und meine grauen zellen sehen mit zunehmendem alter auch immer öfter schwarz.
grau steht leider für langeweile, farblosigkeit, tristesse, und ich muss nun endlich einmal darauf bestehen, es in richtung frohsinn und freude umzudeuten.
kulturgeschichte hin oder her, welche die helligkeitswerte nun mal seit ewigkeiten zwischen gut (weiß) und böse (schwarz) skaliert.
grau, teurer freund, ist alle theorie.

alpha usw.

es gibt seltsamkeiten, die niemand seltsam findet, und das ist dann das seltsame.
in diesem fall die multifunktionalität und ungebrochene beliebtheit des griechischen alphabets.
warum müssen gerade die buchstaben dieses volkes immer wieder herhalten, für maße, strahlen oder viren?
die delta-variante müssen selbst alpha-männchen fürchten und hoffen, dass es nicht nur eine beta-version ist.
das wort “alphabet” selbst kommt auch schon vom altgriechischen ἀλφάβητος.
warum geht es eigentlich, wenn etwas zu ordnen ist, immer zum griechen?
ist da psi im spiel?
möglicherweise sind es die niedlichen kringel, die locken. in griechenland hat man immer das gefühl, das ganze land wäre mit mathematisch-physikalischen formeln beschriftet. dabei herrscht bei näherer betrachtung dort meist eher keine durchbuchtabierte ordnung.
auch das chaos ist schließlich in griechenland erfunden worden.
aber muss überall aufs neue verwaltet werden, und da geht es gerne immer wieder mit alpha los.
möge wenigstens die pandemie weit vor omega vorüber sein!

Die komplette Liste!

Das A-Wort: Asylanten
Das B-Wort: Baerbock
Das C-Wort: Corona
Das D-Wort: Diesel
Das E-Wort: Eingeborene
Das F-Wort: Ficken
Das G-Wort: Grüne
Das H-Wort: Hexe
Das I-Wort: Indianer
Das J-Wort: Jogi Löw
Das K-Wort: Koalition
Das L-Wort: Lehrling
Das M-Wort: Mohr
Das N-Wort: Neger
Das O-Wort: Ossi
Das P-Wort: Prostituierte
Das Q-Wort: Quarantäne
Das R-Wort: Rasse
Das S-Wort: Siebentageinzidenz
Das T-Wort: Titte
Das U-Wort: Unkraut
Das V-Wort: Vielflieger
Das W-Wort: Weihnachten
Das X-Wort: (noch frei!)
Das Y-Wort: Yeti
Das Z-Wort: Zigeuner

Wortwechsel

Liebes Astra-Zeneca-Team,
ich verstehe Ihr Image-Problem.
Eigentlich müssten dieses beispielsweise auch Airlines haben, wenn man die Thrombosefälle bei Langstreckenflügen gegenrechnet. Aber für das Vergnügen nehmen die Menschen weit unbekümmerter Risiken auf sich.
Eine Namensänderung ist natürlich schon mal gut.
Allerdings setzen Sie mit “Vaxzevria” nicht unbedingt auf Akzeptanz in der Zielgruppe der Legastheniker. Wer war eigentlich die Heilige Vaxzevria? Der Name klingt ja eher nach den Damen, die mich andauernd bei Facebook kennenlernen wollen. Aufklärung!
Oder spekulieren Sie, dass Ihre Kritiker das Wortungetüm nicht über die Lippen bekommen und Sie deshalb aus der Schusslinie der Kritik kommen? Das Synonym “dieser Impfstoff mit dem komischen Namen” läuft ja auf Dauer sicher nicht. Oder aber setzen Sie auf den Prince-Effekt mit Kultstatus: “The vaccine former known as Astra Zenica”?
Sprachregelungen folgen Medien gern penibel, weil sie die Aura der Sorgfalt und Achtsamkeit wahren wollen. Aber Zungen scheitern immer öfter an den Zahnspangen der Korrektheit.
Noch belastender für das Firmen-Image ist es sicher, mit dem Impfstoff fortan als Rentner-Elixier abgestempelt zu sein. Kein Produkt will nur 60+ als Kundschaft. In der Werbung kann man die 60+-Modelle freilich wie 50+ aussehen und wie 10+ sprechen lassen.
Aber mit der Karriere als “heißer Scheiß”, der international verschoben wird wie Kokain, ist es aus.
Und neue Namen können wir von 60+ uns sowieso noch schwerer merken als die Jüngeren.
Im hiesigen Ballungsraum Berlin/Brandenburg prophezeie ich deshalb eine Karriere als “det Korona-Zeuch für die Ollen”.
Immer noch besser als “Vaxzevria”.

Der Fluch des Unwortes “Lockerung”

Schon einmal hatte ich vor dem untauglichen Begriff der “Lockerung” gewarnt, aber als Kassandra von Wildenbruch ist das Unerhörtsein mein Schicksal.
Wenn nicht falsches Wortverständnis zu falschen Entscheidungen führen würde.
(Was Macht und Ohnmacht von Worten zeigt.)
Das Wort “Lockerung” suggeriert eben leider, dass man die Zügel im Kampf loser hielte. Aber, beispielsweise, ist ein Konzert vor tagesaktuell negativ Getesteten eben keine Lockerung, sondern anhaltend konsequente Hygiene, ebenso wie das kontaktlose Beziehen einer Ferienwohnung.
(Letzteres würde sogar die Begegnungsdichte in den Städten verringern, den sozialen Abstand vergößern, müsste also eher gefördert werden.)
Freiheitsräume, die keine Infektionsgefahr darstellen, darf man nicht als Lockerungen geradezu verleumden.
Auch das Geimpfte Hotelbetten buchen, ist, weil null Hygieneverlust, keine “Lockerung”, sondern ein infektionsneutraler Vorgang und eine Unterstützung der Gastronomie und Hotellerie.
Die echten Lockerungen sehe ich täglich, wenn mir Supermarkt-Kunden auf die Pelle rücken oder ich Gruppen maskenlos an der Schule rumhängen sehe.
Wo das Hirn locker sitzt, hüpft das Virus.
Wahrscheinlich werden auch aus Furcht vor Lockerungen die Impfpläne nicht gelockert, selbst, wenn ungenutzte Dosen herumliegen.
Wir sollten uns begrifflich lockern.

Schon wieder nur männlich: Impfling, der

Zum ersten Mal in meinem langen Impfleben habe ich vorgestern das Wort “Impfling” gehört.
Ich glaube sogar direkt vom Häuptling, dem Herrn der -linge Spahn.
Na, das wird lustig, dachte ich mir gleich, denn daran kann man sich schon wieder wund-gendern.
Thrombosefördernde Zornesanwallungen sind voraussehbar.
Allerdings würde sich auch beim Impfling zeigen, dass nur die Guten in die Gendermühle kommen, denn der “Impfmuffel” wurde ebenso nicht geschlechtsneutralisiert wie Mörder, Täter, Wüstling, Bösewicht, Unhold undsoweiter. Das Böse bleibt männlich.
(“Die Unholde” ginge, wäre aber unhöflich.)
Jedenfalls hats beim Muffel keine(n) gestört.
Der Impfling aber, sage ich voraus, wird noch bluten.
Den “Flüchtling” hat man ja auch nicht hingenommen, ebenso wenig wie den “Lehrling”. Adäquat stehen wir jetzt sprachlich kurz vor “Geimpftwerdende” (bzw. “Geimpftwerdensollendeabernochnichtkönnende”).
Denn ist der Impfling nun ein schon Geimpfter oder ein Kandidat dafür?
Wirkt es nur bei mir verkleinernd (wie Setzling, Winzling, Beutling usw)? Wie ein Pilz im Walde (Pfifferling)?
Oder gar beleidigend (wie Hänfling)?
Ich wäre ja gern ein praktizierender Impfling, muss aber noch warten.
Ein Spätling im Frühling.

Gendern, bis die Ärztin kommt

Warum hat man bei menschlichen Projekten so selten das Gefühl, dass Frieden gestiftet wird?
Statt endlich herzlich zusammenzukommen, ja zu verschmelzen in einer gemeinsamen grammatischen Form, die leicht sprechbar ist, soll in den Duden gemeißelt sein, dass selbst beim Leiten einer Bäckerei exakt zu definieren ist, ob dieses Wesen Eizellen oder Spermien produziert.
Die im Deutschen bislang zu zart keimende Pflanze, mit einem Wort alle Menschen einer Berufsgruppe geschlechtsneutral zu bezeichnen, wie es englisch Sprechende ganz selbstverständlich pflegen, wird zugunsten eines semantischen Dschungels voller tödlicher Gefahren zertreten.
Wen hat das Hotel, wenn eine Frau DER Gast ist?
Schließen die Arztkosten die Ärztinnenkosten ein?
Ist es schon verdächtig männlich, “Wer” zu fragen? Ist “jemand” bei Bedarf auch eine Jemandin?
Der Wald wird, ich verspreche es, so tief, dass niemand hinausfinden wird, wohl aber hineingeprügelt.
Die Furcht wird die Begleiterin der Wortwahl sein und sich Fortschritt nennen, in Anflügen der Ehrlichkeit womöglich Rache.
Gesagt wird am Ende vielleicht vor lauter Bedenken lieber nichts.
Aber das kenne ich schon gut von früher.