Aus dem Tagebuch der unterliegenden natürlichen Intelligenz (9)

Was sofort funktioniert, taugt nichts, sagte mein Lehrmeister gerne.
Mein ganzes Leben hat mich dieser Spruch häufig und erfolgreich über Technik getröstet.
Manchmal findet meine Geduld aber doch noch ihren Meister.
Als ich der Versuchung erlag, den leisesten Rasenmäher, wo gibt, zu kaufen. Und Spoiler: er ist es wirklich. Man hört unter ihm das Gras wachsen oder zumindest dies wollen. Der Nachbar wird garantiert gar nichts hören. Außer meinem Fluchen, aber dazu später.
Und wäre der Mäher nicht so leise, wäre ich jetzt schon viel, viel lauter.
Es geht los mit dem Tragen des Gerätes hinaus ins Freie, denn es gibt keinen Tragegriff.
Früher war mehr Griff, denke ich immer öfter bei neuer Technik.
Sie wollen nicht mehr, dass wir was ordentlich anfassen. Nur höflich und zaghaft auf einen Touchscreen tippen, bis diesmal recht häufig “Kommunikationsfehler” zu lesen ist.
Nach drei Minuten Nichtstippen bricht die praktische Bluetooth-Verbindung von der Äpp zum Gerät auch jedes Mal gnadenlos ab. Man muss dann hinlaufen zum Mäher, und er ist, weil leise, gar nicht gleich zu finden, und ihn neu einschalten, eine PIN eingeben, als wäre es ein Geldautomat, und dann geht’s, vielleicht, weiter.
Ich komme auf die nervös-ungeduldigen Bluetooth-Abbrüche noch zurück.
Natürlich muss man sich wieder bei einer vorher nie gehörten Loge einen Account einrichten, um die Äpp überhaupt verwenden zu können. Bin ich aber gewohnt, Ich kenne ja diese obligatorischen Massenorganisationen noch aus der DDR. Würde mal gern wissen, wo ich heute überall Mitglied bin. Bestimmt kann man sich da bald irgendwo auf einer entsprechenden Durchsuchungsplattform einen Account einrichten.
Aber zurück zum Tragegriff. Tragen, denke ich gleich, war womöglich gar nicht vorgesehen. Man war so sehr mit HighTech-Ideen befasst, dass niemand daran gedacht hat, wie das Teil aus der Schachtel auf die Wiese kommt.
Da ich das babygroße Gerät nur quasi umarmend tragen kann, ergibt das die erste blutende Schnittwunde an einem Finger, weil ich von unten in die Klinge greife.
Dabei wird im Handbuch vor aller möglichen Unbill gewarnt.
Nur nicht vor dem Tragen, das anders aber gar nicht möglich ist.
Ansonsten werde ich durch diverse Hinweise sehr gut vor mir selber geschützt: ich soll zum Beispiel den Akku nicht ins Feuer werfen. (Sollte unser Haus einmal in Flammen stehen, werde ich mich daran erinnern.)
Ich soll mich nicht auf das Gerät setzen.
Ganz sicher nicht, und schon gar nicht, wenn es umgedreht wurde.
“Mähen Sie den Rasen, bevor Sie das Gerät installieren!”, heißt es.
Ich kenne ja Menschen, die nur abgewaschene Teller in die Spülmaschine stellen. Das scheint mir ähnlich.
In der Schnellanleitung, alles auf einen Blick und so, ist mittendrin ein Satz in Englisch stehen geblieben. Da bin ich immer gleich hellwach! Solche Sachen verraten immer, dass durchgehend geschludert wird. Oder am Personalaufwand gespart, ein A3-Blatt noch mal gegenzulesen.
Letzteres kann eigentlich nicht sein, das Ding war teuer genug.
Grundsätzlich sind die “Gerät einschalten-Gerät arbeitet”- Zeiten vorbei. Da ich es mit einem Rasenmähroboter zu tun habe, der mir Arbeit abnimmt, funktioniert gar nichts vor einem Tag Arbeit, an welchem vor allem allerlei Begrenzungsdrähte verlegt werden müssen. Dass unsere Wiese natürlich begrenzt ist, spielt keine Rolle. Wie ich fertig bin, wird angezeigt, dass das Kabel eine Lücke aufweist. Niemand weiß wo. Es stellt sich heraus, dass im Moment der Vollendung des Kabelkreises der Mähroboter still und leise schon mal losgefahren ist und das Kabel, mit dessen Einbuddeln ich noch gar nicht fertig war, zerfetzt hat, bevor ich mit der Äpp eine Verbindung herstellen konnte (siehe oben).
Das Gras drumherum sieht unbeschädigt aus.
Unschuldig wirkt das Gerät.
Es gehorcht mir ja nur.
Aber sowas geht nie gut.
Ich bräuchte mal wieder was Barrierefreies für Minderbegabte. Aber die Zeiten sind vorbei.

Aus dem Tagebuch der unterliegenden natürlichen Intelligenz (8): Fundlawinen

“Wenn jemand bei dir ein Pferd kaufen will, und du hast kein Pferd, dann verkauf ihm einen Esel.”
An diese schöne, alte Händlerweisheit fühle ich mich jedes Mal erinnert, wenn ich in irgendeine Online-Suchmaske etwas eingebe.
Einen Schauspieler oder Regisseur etwa bei Amazon Prime Video.
Nur wenige Antworten passen zur Anfrage. Jedoch anstatt es bei diesen bewenden zu lassen, werden nun endlos Filme aufgelistet, die irgendwann unter Aufbietung aller Fantasie wirklich nichts mit der Frage zu tun haben können.
Sollte ich nicht entnervt aufhören, würde irgendwann jeder Film, der da ist, angeboten werden.
Du sollst nicht suchen, spricht es zu mir, sondern als gefunden betrachten, was wir dir vor die Füße werfen.
Auch Amazon hat die Empfehlung mit dem Esel ausgebaut: wenn du auch keinen Esel hast, verkauf ein Huhn oder ein Holzbrett. Aber verkaufe.
Verkaufen ist wichtiger als antworten.
Eine Suchmaske ist nichts anderes mehr als eine Angel ins Portemonnaie.
Selbst objektiv scheinende Suchmaschinen listen Handelsangebote, weil dafür bezahlt wurde, oben. Sie suchen zuerst nach der Belästigung, die am besten zur Frage passt.
Vom Kaufmännischen her ist das Vorgehen gut zu verstehen.
Aber es macht etwas mit uns (,weswegen ich diese kleine Reihe pflege).
Es entwöhnt uns das Fragen.
Fragen ist nur noch der kleine Finger, an dem die ganze Hand hängt.
Und Fragen heißt: keine klare Antwort bekommen.
Jeder vorsichtige Schritt löst irgendwann nur noch eine Lawine aus, die alles begräbt, was man sucht.
Die Suchmaschine überwältigt, bedrängt, irritiert.
Aber antwortet nicht mehr.
Wen noch fragen?

Aus dem Tagebuch der unterliegenden natürlichen Intelligenz (7)

Heute kam Post von Google bzw., was ich eher vermute, von einem strohdummen Algorithmus. Darin heißt es:
“Dein Post “(erneutes) Interview mit einem Virus” wurde uns zur Überprüfung gemeldet. Wir mussten feststellen, dass er gegen unsere Richtlinien verstößt. Aus diesem Grund haben wir ihn unter http://stirnlicht.blogspot.com/2021/01/erneutes-interview-mit-einem-virus.html gelöscht… Warum wurde dein Blogpost gelöscht? Dein Inhalt verstößt gegen unsere Richtlinien zu Malware und Viren.”
Beim letzten Wort wurde ich wach.
Ich hatte fiktiv das Corona-Virus interviewt. Zu viel für Google?
Satire nicht vorgesehen im Automatismus?
Ich soll nun, wird mir geraten, alle meine Blogbeiträge überprüfen, denn “Weitere Verstöße können ansonsten dazu führen, dass wir deinen Blog kündigen.”
Antworten kann ich auf diese Drohung nicht. No reply, wie es im Absender heißt. Einen echten Menschen kontaktieren – keine Chance.
(So, wie man auch bei mir nicht vor dem Löschen nachgefragt hat.)
Also kann sein, dass hier alles bald weg ist, weil KI zum Zensor erhoben wurde.
Da ich aber alle meine Texte zuhause (!) aufhebe, wiederhole ich im Folgenden den gelöschten Blogbeitrag.
Nach mir Googles KI.
Aber das Maul verbieten lasse ich mir nicht.

Dienstag, 19. Januar 2021
(erneutes) Interview mit einem Virus

Blogger: Wir haben uns ja lange nicht unterhalten.

Virus: Ach, ich schweige ja ganz gern. Stellen Sie sich vor, wir Viren würden so viel diskutieren wie die Wirte. Wir kämen ja gar nicht voran.

Blogger: Sie loszuwerden ist halt komplizierter als uns anzustecken.

Virus: Nein. Wir als Viren handeln nur konsequent, ergo müsste man auch gegen uns konsequent handeln. Selbst die ziemlich konsequenten Impfstoffe können, wie es scheint, nicht konsequent durchgesetzt werden, weil Sie nicht alle mitmachen, nicht geschlossen handeln (was nur eine weitere Erscheinungsweise von Inkonsequenz ist) – im Unterschied eben zu uns. Wir Viren stehen ohne jede Absprache wie eine Eins zusammen und entwickeln mit den Mutationen Voraustrupps für noch mehr Konsequenz. Keiner von uns diskutiert, ob die Beschlüsse nicht zu weit gehen.

Blogger: Keiner von Ihnen hat Familie oder ein Wirtschaftsunternehmen…

Virus: Ein enormer Vorteil! Wir müssen ja nichts produzieren, da in den Wirtszellen alles für uns bereit liegt. Das hält uns den Rücken frei. Zugegeben eine große Erleichterung für konsequentes Handeln.

Blogger: Gestatten Sie an dieser Stelle die Bemerkung, dass ich Sie hasse.

Virus: Nehme ich zur Kenntnis. Man hört es ja nicht oft. Die Menschen fokussieren ihren Zorn lieber auf die Regierung. Sie denken, die sollte mit uns besser verhandeln. Aber wir verhandeln nicht. Das glauben Viele nicht. Wir selbst werden kaum gehasst. Wir sind ja nicht zu sehen.

Blogger: Deshalb kann man auch immer wieder behaupten, dass es sie gar nicht gibt.

Virus: Richtig. Wir machen auf der ganzen Welt die Leute krank und sogar tot, und trotzdem denken einzelne Völker, ihre eigene Regierung ist alarmistisch.

Blogger: Der deutschen Regierung ist für ihre heutige Entscheidungsfindung von Fachleuten eine NO-COVID-Strategie vorgelegt worden. Klingt nach konsequentem Handeln, oder?

Virus: Die Menschen klingen gern nach konsequentem Handeln. Man wird prüfen, wie weit es zumutbar ist. Davon leben wir.

Blogger: Danke für das Gespräch.

Virus: Nun bloß nicht noch höflich werden.
***

Aus dem Tagebuch der unterliegenden natürlichen Intelligenz (6)

Wenn die so genannten Dienstleister, sobald die Dienste versagen, immer häufiger automatische Systeme einsetzen, bevor man mit einem echten Menschen, mag er noch so lustlos sein, sprechen darf, sollte ich als Kunde fairer Weise ebenfalls diese Techniken einsetzen dürfen.
Bis jetzt besteht ein zunehmendes Ungleichgewicht der Kräfte. Auf der beklagten Seite unzählige verkoppelte Hochleistungsprozessoren, auf der anderen Seite einzig mein gemartertes Bio-Hirn.
Ich bin sicher, dass das zukünftige Verhältnis von Kunde zu Dienstleister davon bestimmt wird, wer die intelligentere Technik hat und dadurch Tarifsysteme und Leistungsansprüche bestimmt.
Gestern beispielsweise stand ich mal wieder störungsbedingt mit dem einzig verbliebenen Smartphone bei der Telekom einer chinesischen Mauer gegenüber aus automatischen Diagnosen, die nichts finden, einem Chatbot mit dem Intellekt eines Dreijährigen und dem Klicksumpf des automatischen Kundencenters.
Natürlich kann man auch richtig anrufen und versuchen, Sprachmuster auszusenden, die einem Zugang zur “Der-nächste-freie-Mitarbeiter”-Schleife verschaffen. “Voraussichtliche Wartezeit: 20 Minuten”.
In diesen Minuten, die ich infolge menschlicher Schwäche nicht zu Ende aushielt, hätte ich gern Fragen gestellt in der Preislage von: “Handelt es sich um ein Versehen, dann sagen Sie Versehen. Ich habe Sie nicht verstanden. Handelt es sich um eine Vertröstung, dann sagen Sie jetzt: Vertröstung. Ihre Antwort kann zu Trainingszwecken aufgezeichnet werden…der nächste freie Kunde” usw. usf.
Ja und nicht ich selber will mir die Fron auferlegen, diese peinigenden Fragen zu stellen, sondern es müsste eine Äpp geben, die alles für mich macht. “Kampfkunde 2.0.”, nie aufgebend, hartnäckig bohrend tief in das System der anderen Seite.
Auf der Hotline der Krankenkasse sagte ein arroganter Bot, dass ich das Problem in wenigen Worten schildern solle. Das Problem zeichnete sich aber genau dadurch aus, dass es sich nicht in wenigen Worten schildern ließ. Als ich sagte, dass es sich um ein Problem handele, das sich nicht in wenigen Worten schildern ließe, forderte die Stimme mich erneut auf, in wenigen Worten… ich habe das Biest dann angelogen und was gebrabbelt, wo “Zusatzleistung” vorkam, und sofort ging es weiter, aber nicht, wie die Prozessoren dort dachten.
(Bei Kafka hießen sie noch “Processoren”).
Die Kundenkampf-Äpp wird schon deshalb ihr Geld wert sein, weil ich mir ja auch selbst einen virtuellen Stundenlohn zugrunde lege. Er übersteigt nicht selten den Streitwert des Anrufes. Aber lässt sich Zugang zu Internet, Telefon und Kabelfernsehen überhaupt in Geld ausdrücken?
Auch die andere Seite bezöge Vorteile aus meiner digitalen Bewaffung: Meine Kunden-KI würde niemals ausrasten, fluchen oder sinnlos drohen. Sie wäre unkaputtbar freundlich.
Sie wäre mein besseres Ich.

Aus dem Tagebuch der unterliegenden natürlichen Intelligenz (5)

Es wird allmählich anstrengend, sich gegen die Neue Zwangskollektivierung zu wehren.
(Vielleicht muss man sogar bald Kollektive bilden dagegen.)
Für sich sein ist entgegen allem Klagen über soziale Distanz ein Luxus geworden.
Viele wissen das nicht mehr, weil sie es nicht mehr erleben, wie frei man sich fühlt, wenn man weiß, dass man nicht beobachtet wird. Ich bin andererseits gern gesellig, nur will das selbst entscheiden. Das wird zunehmend streitig gemacht.
Das Beobachtetwerden wird trickreich als Gemeinschaftserlebnis verkauft. Die optimiersüchtige Manipulationsindustrie ist auf den genialen Einfall gekommen, ihre Datensammelwut als “Teilen” und “Community” zu bezeichnen.
Nach dem letzten Betriebssystem-Update des iPhone wurde ich zum Beispiel ungefragt Mitglied in einem so genannten Gamecenter, wo ich irgendwelche Spielstände und -Süchte mit Anderen teilen soll. Noch gibt es auffindbare Schalter, mit denen ich mich nachträglich wieder aus solchen peinlichen Zirkeln ausklinken kann. Es ist, wenn man so will, auch ein Spiel. Hide and seek.
“Gamecenter aktivieren” taucht jetzt vor jeder Schachpartie auf, mit einer Dringlichkeit, als hätte ich vergessen, die Herdplatte auszuschalten. (Ich werde gegen das Schachprogramm sowieso verlieren. Aber auch das will ich, verdammtnochmal, für mich behalten.)
In der Tat erinnert mich die Neue Zwangskollektivierung an die alte. Damals wurde man bei uns in alle möglichen Massenorganisationen eingetreten, damit jeder Bereich der staatlichen Kontrolle unterliegt. Jetzt gibt es (entgegen übrigens der vom Eigentlichen wunderbar ablenkenden Verschwörungstheorien) weniger einen Kontrolldrang des Staates als einen des Kommerz. Das Vieh soll ja nur gemolken werden. Nach hinten sollen den Werbekunden möglichst viele Adressaten nachgewiesen werden, nach vorn die Bindung des Nutzers an den Anbieter ins Unauflösliche verfestigt.
Deshalb verlangt das Handy unentwegt, den Sprachassistenten zu aktivieren, meine Fotos in die Cloud zu laden und die Bezahlfunktion einzurichten. Meine Verweigerung wird als “nicht abgeschlossene Konfiguration” bezeichnet. (Die Bauerngesichter hätte ich sehen mögen, denen man “nicht abgeschlossene Konfiguration” bescheinigt hätte, weil sie nicht in die LPG wollen.)
Nach dem Update durchsuchte ich das Gerät nach weiteren Übergriffen und Kastrationsversuchen. Sie fanden sich beispielsweise im Fotobereich. Einige längst überspielte Urlaubsbilder lassen sich jetzt nicht mehr löschen. Womöglich, ergoogele ich, seien sie mit einer App synchronisiert, von der ich nicht weiß, dass sie die Bilder nicht hergibt. Ein paar Neins gibt es beim Kartendienst oder im Kalender zu verteilen.
Habe ich alle Lecks gefunden?
Bin ich noch souverän?
Gehört mir das Handy noch?
Was als Nächstes kommt, sage ich mit geringer Kühnheit voraus: Bestrafung bei Verweigerung, bis hin zur Unbrauchbarmachung des Gerätes.
Wer nicht alles von sich preisgibt, wird keine Technik nutzen dürfen.
Soziale Autonomie wird als asozial bewertet werden.
Dann als Feind.
Zuletzt belächelt erinnert.

Aus dem Tagebuch der unterliegenden natürlichen Intelligenz (4)

Liebes Tagebuch,
es ist eine Änderung eingetreten. In Werbemails werde ich seit einigen Wochen immer häufiger nicht mehr wie sonst mit meinem eigenen Namen angesprochen, sondern plötzlich Holger genannt. Dennoch sind die Mails an meine richtignamentliche Adresse gesandt.
Lieber Holger, nur noch wenige Tage Vorkaufsrecht…Lieber Holger, hole dir die neue Freiheit…Lieber Holger, wenn du auf den unten stehenden Link klickst…
So etwas tut man, ob Holger oder nicht, wie ich weiß, nicht ungestraft.
Was ist nur mit dem immer ausgefeilteren Algorithmus geschehen? Wie sind sie auf diesen Namen gekommen? Etymologisch soll er laut Wikipedia “der Kämpfer von der Insel” bedeuten.
Aber ich kämpfe kaum noch. Und Inseln sind wir alle. 
Manchmal lege ich einen kleinen Unsubscribe-Tag ein und versuche, mich von den Newslettern und “Informationen über neue Produkte” abzumelden, die ich wissentlich nicht abonniert habe. Aber man braucht ja heute nichts mehr wissentlich zu tun, und es geschieht dennoch. Das Abmelden funktioniert oft tadellos, auch wenn es oft nicht abmeldet. Aber man bekommt auf dem Bildschirm eine Bestätigung, dass abgemeldet wurde. Das ist ja schon viel. 
Manchmal wollen sie den Grund für die Abmeldung wissen. Ich habe jetzt einmal hineingeschrieben, dass die Mail falsch adressiert ist, weil ich nicht Holger bin. Das tut uns Leid, lieber Holger, schrieben sie sinngemäß. 
Mehrmals habe ich mir jetzt den kleinen folgenlosen Scherz erlaubt, auf die Holgermails, wie ich sie mittlerweile nenne, nur kurz mit dem Satz “Ich heiße nicht Holger” zu antworten. Aber natürlich werde ich oft darauf hingewiesen, dass man auf ihre Mail, die eine Kommunikation zu bezwecken nur den Anschein erweckt, nicht antworten kann. No reply. 
Ich stelle mir aber vor, wie ich doch ein Stöckchen in die Maschine geworfen habe. Hitzig glühen die Prozessoren, um den Widerspruch zu lösen, die Anrede zu optimieren. Tausende Namen werden in Bruchteilen von Sekunden verworfen. Aber erst, wenn “Die Anwendung reagiert nicht” auf dem Display des übermüdeten IT-Wächters aufleuchtet, wäre ich zufrieden. Ich hätte mich bemerkbar gemacht, wenn auch nur anonym und nicht als der, der ich bin, was, wie es aussieht, immer häufiger nicht mehr vorgesehen ist.
Tief im Inneren spüre ich, dass ich mich weiterhin wehren muss. Ich darf nicht Holger werden.
Dann hätten sie es geschafft.
Dann kann ich jeder sein, den sie nur wollen.
Das ist vielleicht das Ziel.
Aber ohne mich.
Mein wirklicher Name soll mein Bunker sein, und wenn sie mich nicht bei diesem Namen nennen, verbanne ich sie bei genügend Aufdringlichkeit in den Spamordner. Das ist schon lange der letzte Deich vor der Flut auf der Insel, auf der ich kämpfe.

Aus dem Tagebuch der unterliegenden natürlichen Intelligenz (3)

Liebes Tagebuch,

das geheimnisvolle Phänomen beeinträchtigte wieder den berliner S-Bahn-Verkehr.
Die Signalstörung.
Das will sagen: eigentlich funzt alles tadellos bei uns. Bis auf ein paar Lämpchen.
Die Züge, heißt es in regelmäßiger, Transparenz suggerierender Durchsage, verkehren unregelmäßig.
Das will sagen: alles rollt, nur ein bisschen durcheinander.
Warum, frage ich mich oft, war die DDR-Mangelwirtschaft nicht auf diese genialen Ausreden gekommen? Die Versorgung mit Bananen ist unregelmäßig.
Der magische Moment tritt am Bahnhof Rummelsburg ein. Man werde jetzt zehn Minuten stehen bleiben, da das System neu gestartet werde.
Ein Neustart, das wissen Viele aus Erfahrung, das ist eine Verzweiflungstat.
Leidgeprüfte Windows-Nutzer lassen nun schon mal viel Hoffnung fahren. Beim Neustart regieren Ohnmacht und Stillstand. Alle Räder stehen still, wenn ein kleiner Chip das will. Es ist wie eine Andacht. Beten zum neuen Gott.
Starren irgendwo auf Bildschirme. Würde das Kreisen der kleinen Geduldspule von Windows aufhören, den gewohnten Bildschirm der Funktionalität preisgeben? Es gibt ja mittlerweile einen Blauton, der Verzweiflung auslöst. Glücklicherweise wird der Himmel nicht mehr so blau. Er würde uns andeuten, dass ganz oben der liebe Gott wegen blue screen einen Reset machen muss.
Zehn Minuten Stille und Reglosigkeit. Zum Weiterkommen braucht es nicht, wie früher, etwas Dampf im Kessel und freie Schienen. Fahrzeuge und Schienen sind das Nebensächlichste. Wenn es nicht wieder hochfährt, das System, das die vielen Stellwerker längst für immer nach Hause geschickt hat, weil es klüger ist und fehlerfrei arbeitet, ist keine Fortbewegung möglich. Menschen ist nicht mehr zuzutrauen, ohne Aufsicht durch eine Software Züge zu bewegen.
Als der Zug endlich langsam anfährt, geht es nur eine einzige Station weiter. Man fahre vorerst nur bis Ostkreuz, lautet die Ansage.
Innere Panik, die aber niemand zeigt. Das System ist, o wir kennen das, offenkundig nicht richtig gestartet. Eine Welle des Mitgefühls wogt durch den Zug. Der Moment ist eingetreten, wo man zuhause einen Kumpel anruft, der sich bisschen auskennt. Oft werden das Abende Dutzender Systemneustarts.
Es kann in unserem Fall auch nur sein, dass die nun entstandene fahrplanverquere Situation dem System nicht erlaubt, wieder Tritt zu fassen. Denn die Züge sind ja jetzt nicht dort, wo sie algorithmisch sein müssten. Risse in der Wirklichkeit müssen gekittet werden. Wie weit haben die Entwickler der Software Wirklichkeit vorgesehen? Die Anwender können das nicht wissen.
Ich steige Ostkreuz aus und wechsele in einen verspäteten Regionalexpress, in dem die Leute gequetscht stehen. Hätte ich doch das Auto nehmen sollen heute? Verkehrspolitische Signalstörung?

Aus dem Tagebuch der unterliegenden natürlichen Intelligenz (2)

Liebes Tagebuch,

Google Mail hat zum ersten Mal Mails für mich geschickt, ohne dasss ich es gemerkt habe.
Was zur Verwirrung der Empfängerin, einer älteren Dame, geführt hat, die sich zunächst von mir zu ihrem eigenen Geburtstag eingeladen sah, gleich danach aber von mir eine Mail mit der Bemerkung “Termin gestrichen” bekam, was natürlich leicht auf die Kategorie “Beleidigung” hinaufgestuft werden könnte.
Google verschickte an sie auch eine Handlungsempfehlung: “Lehnen Sie diesen Termin ab, um keine weiteren Informationen zu diesem Termin zu erhalten.” Und eine Warnung vor Flashmob gab es auch: “Wenn Sie diese Einladung weiterleiten, kann jeder Empfänger eine Antwort an den Organisator senden und zur Gästeliste hinzugefügt werden.”
Es brauchte ein einfühlsames Telefonat (sie rief irritiert an), um sich für die Beziehungs-Kettensäge Google zu entschuldigen. Und für mich. Denn was ließ ich auch diesen irgendwo auf einem Server in Amerika Streiche ersinnenden Dämon meine Termine verwalten.
Die Sache hatte auch ein Vorspiel, in welchem sich Google Kalender erfolgreich als Stifter des Chaos und vor allem weiterer diplomatischer Peinlichkeit  produzierte. Es verlegte, und das nicht zum ersten Mal, einen eingetragenen Geburtstag um eine Woche nach hinten. Doch da ist er nun mal nicht, so sehr sich Google das auch wünscht. Und weil mir nichts anderes blieb, als diesen Eintrag zu löschen und neu anzulegen, entstanden, ohne dass ich “Absenden?” gefragt wurde, die Mails.
Grober Unfug geschieht ja neuerdings immer, wie es google-übersetzt neudeutsch heißt, um das Kundenerlebnis zu verbessern. Mein Kundenerlebnis ist nun allerdings nur um ein Weiteres verunsichert.
Was wird Google als nächste tun?
Es soll schon, zumindest im Labor,  per Telefon Restauranttische bestellen können, ohne dass man im Retaurant bemerkt, dass eine Blechkiste angerufen hat.
Da sie dort in ihren kreativen Büro-Umgebungen immer an neuen Ideen erkranken, nehme ich diese hiermit schon mal vorweg:
Google kündigt Versicherungs-Verträge und schließt neue ab. Google erkennt, wen ich nicht leiden kann und versendet Hassmails. Google verbietet mir überhaupt, selber Mails zu schreiben, weil es das sowie besser kann. Google zieht statt meiner in die Wohnung. Google ist am Ende Ich und lehnt andere Auffassungen als nicht geeignet ab, das Kundenerlebnis zu verbessern.
Man müsste die Suchmaschine so langsam am Suchen hindern.

Aus dem Tagebuch der unterliegenden natürlichen Intelligenz (1)

Liebes Tagebuch,

Alexa hat es mir übel genommen, dass ich noch nie mit ihr geredet habe. Sie war auf diesem Stick mit drauf, den es zum Fernsehen dazu gibt, und ich habe damals noch oldschoolmäßig gedacht, ich könnte das einfach ignorieren.
Aber jetzt blendet sie von Anfang an, wenn man der Auswahl von Inhalten stöbert, ständig ungebetene “Tipps” ein. Alle paar Sekunden neu. Zum Beispiel soll ich einen konkreten Film sehen wollen, den ich nicht leiden kann, weil ich Clint Eastwood, der den gemacht hat, nicht leiden kann, seit er Wahlkampf gegen Obama gemacht hat. Das interessiert Alexa nicht. Sie fordert mich alle paar Minuten erneut auf. 
Ich habe erstmals den Mikrofonknopf gedrückt und zu Alexa gesagt: “Ich möchte keine dieser Tipps mehr eingeblendet haben.”
Die ungeheuerliche Antwort machte mir dann richtig Gänsehaut: “Ich bin mir da nicht sicher.”
Was soll das heißen? Dass ich  nicht weiß, was ich will? Dass ein Algorithmus es besser weiß? Sind wir so weit? Wir sind so weit.
Die unentwegten Einblendungen lassen sich, lerne ich, nur abstellen, in dem ich den Fire-Stick wegwerfe. Schade, denn ich habe durch ihn durchaus Zugriff auf gewünschte Serien und Filme, auch auf Youtube, oder ich kann per App bisweilen Ausschusssitzungen des Bundestages folgen, was durchaus interessant ist. Es gab da zum Beispiel mal eine Anhörung zur Entwicklung der künstlichen Intelligenz. Ich lernte dort, dass man sich nicht sehr sorgt.
Jede Nützlichkeit wird heute ausgebaut als Vehikel zur Unmündigkeit des Nutzers. Dieser muss vor allem und unbedingt konsumieren, sehen, was vorgesehen ist für ihn zu seiner Disziplinierung als Konsument. Man hält ihm den günstigen Preis vor, den er lediglich zu zahlen hat. Aber er darf keinen höheren Preis bezahlen und sich auf solche Weise erlösen, denn die Unabhängigkeit von der Manipulation wäre zu unternehmensschädlich. Pay-TV wie Sky ist auch nicht (mehr) werbefrei, um die Illusion zu rauben, als Verbraucher steuern zu dürfen, was in ihn eindringt. 
Erzogen wird zu freiwilliger Ohnmacht, als notwendige Voraussetzung gesteigerten Konsums. 
Sicher kann man diese ständig aufploppenden “Tipps” aushalten. Aber die Demütigung des Intellekts quält: “Tipp: Alexa, wo ist meine Bestellung.” Ich habe gar nichts bestellt. “Tipp: Alexa, was gibt es bei audible kostenlos?” Die Antwort weiß ich: “Schrott.” 
Blödester aller “Tipps”: “Tipp: Alexa, was kann ich ausprobieren?” 
Alles, nur nicht die ‘Tipps’ abzuschalten.
Ausprobiert werden wir selbst, Schritt für Schritt.