Generationenvertrackt

Liebe Kinder,
wie gern hätte auch der alte, weiße Mann, Euer Onkel Boomer, in jungen Jahren die Regierung per Verfassungsgericht zu Nachhaltigkeit gezwungen! Aber der saure Drops Weltkrieg war leider schon gelutscht, und ein Schulstreik gegen die im Unterricht vermittelte Begeisterung für die friedliche Nutzung der Kernkraft hätte uns allerhöchstens eine Einweisung in die Kinderpsychiatrie beschert.
Immerhin durften die Lehrer nicht mehr prügeln, nicht einmal die Lehrerinnen. Es gab aber Nachsitzen ohne Smartphone. Die Hölle für Euch, würde ich meinen.
Dass Eure Generation mit den bis an die Decke spielzeugverfüllten Kinderzimmern und dem chronischen Ladenotstand Eures Equipments auf die Garantie der Nachhaltigkeit pocht, ist mir, dessen Spielzeug in eine Schublade passte und der keine Gemeinschaftsunterkunft zuerst nach Steckdosen absuchte, pardon, etwas unheimlich.
Als ich im schulstreikfähigen Alter war, vermerkten wir beispielsweise mit Genugtuung, dass gerade die rußenden Dampflokomotiven durch die sauberer wirkenden Dieselloks ersetzt wurden. Dass hier Beelzebub den Teufel ablöste, merkten wir nicht. Und manches, was sich heute leicht nachplappern lässt: Windkraft, Solarstrom, Biogas, ist sicher nachhaltiger als die böse, alte Diesellok, aber noch lange nicht klimaneutral, auch wenn es dransteht. Denn allein, dass jeder Kram hergestellt werden muss, Metall gewonnen, seltene Erden ausgekratzt usw., muss einberechnet werden. Außerdem ist es ein Naturgesetz, dass das Ooops! immer Jahrzehnte nach dem Hurra kommt. Alle Eingriffe in das ökologische System der Erde haben Folgen, alle.
“Es muss sichergestellt werden”, steht es bei “Fridays for Future”,”dass die Hauptlast der Bekämpfung der Ursachen und Folgen der Klimakrise nicht weiterhin auf Schultern derer liegt, die am wenigsten dazu beigetragen haben.”
Als unsereins mit dem Weltverdrecken loslegte, lebten etwas über 3 Milliarden Menschen auf der Erde, jetzt sind es fast 8. Ganz schön viele Schultern, wenn Ihr mich fragt (,was Ihr natürlich nie tun würdet). Ob Ihr wirklich die wenigsten seid, die zu den Belastungen beitragen? Hmm.
Aber ich bin auch schon still und schließe. Zu lange Texte kommen heute nicht mehr gut.
Ich mache übrigens gern alles mit, was grün sein soll.
Wie übrigens schon immer.

Als wir uns fesseln ließen

Irgendwie war früher weniger Verfassungsgericht.
Die Verpflichtung zum Sicherheitsgurt im Auto wurde, soweit ich mich erinnere, klaglos hingenommen.
Und nicht als Gesundheitsschutz für ein paar Wochen, sondern für immer und ewig.
Obwohl nichts weniger vom Bürger verlangt wurde als sich selbst zu fesseln.
Freilich erweckte die Bandage den Eindruck, als schütze der Angebundene eher sich selbst als Andere, was dem Gurt einen erheblichen Akzeptanzbonus eingebracht haben dürfte.
Aber bei der Begrenzung der Promillezahl ging es doch ziemlich hart ans eigene ‘Zum Wohl!’.
Und nichts schien trotzdem mehr zu beunruhigen als der unschuldige Tod jener, die vom Besoffenen angefahren würden.
Der saufende Fahrer selbst war dem Gesetzgeber da eher egal.
Ein paar Diskussionen gab es deshalb dann schon, etwa um 0,7 oder 0,5.
Aber schlussendlich fügten sich Millionen Wein-und Whiskykenner ohne Torkelgang nach Karlsruhe der staatlichen Spaßbremse! Nix mit ‘Mein Bauch gehört mir’ bei den zahllosen Bierfreunden! Nicht mal zuhause durfte man vor der Fahrt noch einen zischen! Und dass da draußen vielleicht nur einer von hunderttausend Besoffenen einen tot fährt, wurde nicht einmal gegengerechnet. Die Intensivstationen wären auch mit einem doppelten Andrang noch gut klar gekommen, also so what?
Gar nicht anfangen will ich mit den Leitplanken, die plötzlich rechts und links die freie Fahrt einengten.
Oder mit der Helmpflicht für Motorradfahrer, die das Recht auf freien Kopfputz aufhob, auch für immer.
Mit dem Verbot des erfrischenden Abendspaziergangs für einige Wochen, um nichts weiter als die Überfüllung von Intensivstationen zu vermeiden, auf denen sowieso jeder zweite stirbt, könnte nun der Staat aber denn doch zu weit gehen.