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Kategorie: Waren

Notizen aus der Service-Hölle -1-

Um 02:21 trifft piepsend eine Nachricht auf dem Smartphone ein.
Sie enthält den Vorwurf, dass ich eine App sieben Tage lang nicht eingeschaltet habe.
Genau das wollte ich natürlich nachts um 02.21 Uhr erfahren.
Was wird nach der zweiten Woche passieren?
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Überhaupt kommen laufend Nachrichten angepiepst, die zum Beispiel melden, dass ein Paket in Kürze eintrifft, sobald ich einen selbstzerstörerischen Link antippe.
Mehr noch als die Häufigkeit stört die Beleidigung, mich für so doof zu halten, darauf hereinzufallen.
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Bei der Filmsichtung auf Amazon Prime gelangt man neuerdings mit der “Zurück”-Taste nicht mehr zurück, sondern ganz woanders hin.
Es gibt kein Zurück mehr, und die Taste könnte auch „Verirren“ heißen.
Ich weiß, dass man denkt, dass mir die Neuerung gefällt. Das ist, jedenfalls gleich nach der Beleidigung „Das könnte dir auch gefallen“ das Schlimmste.
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Zum Jahresende berechnet der Steuerberater für ein kurzes Telefonat, das wir im Frühling hatten, jetzt rund 80 Euro Beratungshonorar.
Bei dem bräuchte man auch noch einen Anrufberater.
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DAZN spricht jetzt das Publikum konsequent mit „Ihr“ an. Dies und das brächte man „für Euch“.
Dabei gehöre ich gar nicht zum Hochadel des 17. Jahrhunderts.
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Die Verpackung von Weihnachtssüßigkeiten ignoriert hartnäckig alle Appelle zur Vermeidung von Plastikmüll. Alles Eingewickelte ist mindestens noch einmal eingewickelt. An das Lübecker Marzipan kommt man eigentlich nur mit Sprengstoff.
Von entgegenkommender Offenheit sind lediglich die guten, alten Nudeltüten. Dort erzielt man mit sanften Bewegungen durchgehende vertikale Risse, und dies umso schneller, je kleinteiliger die Nudeln.
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Die App für die Steckdosensteuerung meldet: „Zustände können nicht hinzugefügt werden.“
Schön wärs.

Toskana ist überall

Dass ein Reiseziel in die Herzen der Menschen gedrungen ist, bemerkt man daran, dass eine Badfliesenserie nach ihm benannt ist.
Oder ein Klappstuhl. 
So gibt es die meisten Artikel eines Baumarktes längst in der Ausführung „Toskana”: Fliesen, Heizkörper, Wannen, Gewächshäuser, Einbauküchen, ja ganze Einfamilienhäuser sind unter dieser Bezeichnung im Angebot. Viele Kunden halten „Toskana” (wahlweise auch „Toscana”) deshalb auch nicht mehr für eine Landschaft, sondern, je nachdem, für einen Seifenhalter oder einen Papierkorb.
Oder eine Treppe. Eine Ausbau-Firma wirbt für „eine Treppe wie die Toscana.” Sie ist aus Beton. 
Man kann, ohne dass ein Italiener es bemerken würde, das ganze Haus mit Toskanarien ausstatten und anschließend sogar in der Hollywoodschaukel „Toscana, blau”, (sie hat wenigstens ein wasserabweisendes Dach,) blau machen.
Warum gibt es eigentlich nicht die Toscanaschaukel „Hollywood”? 
Modelle mit dem Namen „Toskana” fallen häufig rostrot aus, wie Angebranntes. Weswegen es wohl auch den Moulinex-Toaster „Toskana” gibt und die gleichnamige Silit-Pfanne.
Manchmal sind die „Toskana”-Ausführungen etwas verspielt, oder der Name wird vergeben, weil man sich irgendwie für eine stilistische Entgleisung rechtfertigen will. 
Die Handgetreidemühle „Toscana” von Kornkraft „ist der Turbo unter den handbetriebenen Kornmühlen.” Das ist wenigstens ein akzeptables Gleichnis zum Tourismusbetrieb der Region.
Was kaufen wohl die Leute dort? Den Pizzaofen „Neuschwanstein”? 
Die Produktbezeichnung mit Ferienzielen verwandelt den Traum von der Idylle in konsumfreudiges Verhalten.
Irgendwann muss man gar nicht mehr weg. 
Nur noch zum Baumarkt.
Dort holt man sich etwas Toskana und baut es zuhause einfach ein. Die Anleitung liegt bei, und Garantie gibt es auch. 
Auch an den, der es bis zum Fachhandel nicht mehr schafft, ist übrigens gedacht: selbstverständlich gibt es auch einen Sarg gleichen Namens.
Die letzte Reise soll schließlich erst recht ins Paradies gehen.