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Kategorie: Weihnachten

An und zu

Ob es “an” oder “zu” Weihnachten heißt, wird garantiert den letzten Ost/West-Unterschied der Deutschen ausmachen.
Keiner gibt nach. Einer ist des anderen Quersprecher.
Der Autor bevorzugt überhaupt keine Vorbereitung: “Wir fahren Weihnachten nicht weg” ist ein korrekter und auch schöner Satz.
Ebenso wie “Er litt an Weihnachten.”
Die so kurzen Wörtchen “an” und “zu” stoßen der sprachlichen Gegenpartei heftiger auf als alle anderen Befindlichkeiten.
Man könnte, was derzeit ja en vogue ist, von einem Riss in der Gesellschaft sprechen.
Einem Hirnriss quasi.
“Bei jedem ‘an’ stirbt ein Wichtel”, pflege ich zu sagen.
Jedes Weihnachten.

Der Besinnlichkeits-Motor stottert

Noch nie kämpften Kerzenschein und Glitzerklang so verzweifelt um jenen Zustand, den man Besinnlichkeit nennt.
Obwohl dieser Zustand das Besinnen in Wahrheit lieber abschalten möchte für ein weggetretenes leckmich-Feeling.
Ein Zustand, der sich so sehr darin gefällt, ansteckend zu sein.
Nicht zum ersten Mal sinkt die Weihnachtsinzidenz rapide.
Es gab zum Beispiel Jahre, da war der Dezember so mild, dass einem der Glühweinstand wie blanker Hohn vorkam.
Noch früher gab es Krieg, wo man der Überlieferung zufolge, vor der Besinnlichkeit kapitulierend, über Schützengräben hinweg mit dem Feind gemeinsam gesungen hatte.
Das gibt es diesmal nicht.
Das Virus singt nicht mit.
Wer heuer nach 2-G-Check den letzten vor Bundesnotbremsen geretteten Weihnachtsmarkt betritt, wertet ein alkoholisches Heißgetränk höchstens als zusätzliche Desinfektion.
Die Engelein scheinen vom Tannenbaum herab zu drohen, dass man sie bald persönlich treffen könnte.
Die Kugeln am Baum gemahnen an die Form des Erregers. Bis auf die mutierenden Puschel.
Knabenchöre wirken gefährlich aerosol-belastend.
Die Werbung für das große Jahresendkaufen kokettiert mit dem Lockdown. Eilet herbei, bevor ihr wieder besorgt Klopapierrollen abzählt!
Sicher gibt es einzelne Querfühlende.
Manche empfänden Kontaktbeschränkungen als willkommene Ausrede, anstrengende Besuche absagen zu dürfen und dadurch die Geschenke-Munitionierung abzurüsten.
Andere aber, vielleicht sogar die meisten, würden sich so gern der gewohnten süßen Sedierung zum Jahresausklang hingeben wie ein Verzweifelter an die Opiumhöhle.
Das Fernsehen boostert, so gut es kann, mit weihnachtlichen Estraden.
Der Supermarkt stellt tapfer Süßwarenregale in den Weg.
Der Nachbar beleuchtet sein Haus so heftig, dass es selbst Greta die Tränen in die Augen treiben würde.
Mehr könne man doch nicht tun.
Heißt es auch diesmal.
*
P.S.: für den Stimmungslevel kommt dieses Jahr wenigstens das hier aus meiner Hörspiel-Manufaktur:

Ho-Ho-Hohn!

Kurz vor dem Super-GAU des Weihnachtsgeschäfts entwickelt der Einzelhandel einen schrägen Humor.
„It’s the most wonderful time of the year“ rieselt es im Supermarkt ungebremst von der Decke.
Diese frohlockende Verheißung in der Stimme von Andy Williams!
Hämisch grinst der Weihnachtsmann aus der Schololaden-Umverpackung.
Wer den Lockdown hat, muss für den Spott nicht sorgen.
Na gut, wonderful ist ein dehnbarer Begriff.
Das Wunder des Rückgangs der Infektionen ist nicht getan worden. Kein Wunder.
Aber die mächtige Stimmungsmaschine auszubremsen hat der Bund-Länder-Gipfel gestern offenbar vergessen. Das Marktpersonal, das sich schon seit vielen Jahren meines Mitleids sicher sein darf, steht weiterhin über die volle Ladenöffnungszeit unter der Dröhnung der einschlägigen musikalischen Munitionierung. Da sie ja eingelegt wird, um zum Kauf zu stimulieren, ist sie ab Mittwoch überflüssig. Hamsterkäufe drosselt man nicht mit „Morgen, Kinder, wird’s was geben“.
Noch rast der Weihnachtszug ungebremst auf den Prellbock zu.
Seinerzeit, vor vielen, vielen Weihnachten, als die Engel noch „Jahresendfigur mit Flügeln“ hießen, zeigten meine führenden Genossen große Rücksicht auf die Empfindsamkeit ihrer Untertanen. In Auswertung der Versorgungslage durfte zum Beispiel „Zwei Apfelsinen im Haar und an der Hüfte Bananen“ nicht im Radio gespielt werden. Volkes Zorn musste immer unter Siedepunkt gehalten werden.
Aber heute gibts noch einen oben drauf.
Als gäbe es keine Anti-Folterkonvention der Vereinten Nationen.
Es reichte ja ein Zusatzartikel zum Infektionsschutzgesetz.
Oder nur ein weiteres Machtwörtchen.
Ein wohltuendes Pssst.
Stille Nacht.

Weihnachten – Wie es dazu kam

Sie werden sich nicht erinnern können, war ja keiner von uns dabei, aber es war seinerzeit wahnsinnig schwierig, Weihnachten einzuführen oder, wie man heute sagen würde, anzubieten.
Die GermanInnen wehrten sich nach Kräften gegen die Christianisierung des Abendlandes.
„Zu viele Feiertage!“, riefen sie, als die Missionare mit dem Kirchenkalender  ankamen. „Und dazu noch die Brückentage! Wir sind schon froh, wenn wir zwischen unseren heidnische Festen mal nüchtern sind und brauchen somit keine weiteren Trinkanlässe.“
Anfangs wusste selbst kein Christenmensch genau, wann der gegebenenfalls feierbare Geburtstag von Jesus überhaupt zu begehen ist. Geburtstage spielten zu seiner Geburtszeit keine Rolle. Deswegen hatte diesen auch keiner aufgeschrieben. Und ein Fest hatte es schon gar nicht gegeben. Vollkommen schleierhaft, wie und warum – aber der Empfängnistag der Mutter Maria war hingegen einigen Kirchenfunktionären bekannt. Fragen Sie mich nicht, ich bin kein Theologe! Ich halte meine Phantasie im Zaum! Ich bin, wie Wippchen es ausdrücken würde, fern davon, zu nahe zu treten. Und nichts liegt mir näher als distanziert zu bleiben.
Der Jesus-Geburtstag ist jedenfalls nicht festgehalten. Eigentlich gab es also gar nichts zu feiern.
„Schade“, sagten die Missionare, „Feiertage machen uns beliebt.“ Man rechnete also einen Geburtstag aus dem Empfängsnistag nach, doch da wollten die einen diesen, die anderen jenen Tag gehört haben.
Der Theologe Clemens von Alexandria, er lebte um 100, sprach eines Tages: „Sie werden sich nicht erinnern, war ja von uns keiner dabei, aber ich meine, Jesu Geburtstag müsse zwischen Ostern und Pfingsten liegen.“
„Zu viele Feiertage!“, riefen wieder die GermanInnen, auf’s Neue. „Im Frühling sind wir feiertechnisch dicht! Jede Menge Fruchtbarkeitskult! Und dann noch die Brückentage!“
Die altpalästinensische Kirche, die es auch gab und die auch ein wenig feiern wollte, beging den Geburtstag von Jesus Mitte Mai. „Wo’s passt“, kommentierten die GermanInnen wahrscheinlich, ich war ja nicht dabei, wie gesagt.
Dann kam ein Furius Dionysius Filocalus, eigentlich ein Schriftfontdesigner, denn er erfand im vierten Jahrhundert ein Majuskelalphabet. Der brachte den 25. Dezember ins Spiel. Nicht sehr kreativ, denn auf dem 25. Dezember lag früher der Geburtstag eines römischen Gottes namens Mithras. Mittlerweile abgesetzt, hatte er einen aufgekratzten Tag ohne greifbaren Feieranlass hinterlassen.
„Gut“, sagten die GermanInnen, „wir unsererseits haben in dem Dreh eh das Fest zur Wintersonnenwende und unser’n Skatabend. Mit ein, zwei Brückentagen kriegen wir das hin.“
So ungefähr.
War ja keiner von uns dabei.
Und dann wurde es von Jahr zu Jahr immer mehr Weihnachten um Weihnachten.
Der Baum kam dazu, der Gänsebraten, der Stau auf der A2, verkaufsoffene Sonntage, der ganze Klimbim.
Der Geburtstag von Jesus war übrigens wieder genau so wichtig wie zu seiner Geburt, nämlich kaum.
Wussten Sie auch, dass am 1. Januar Christi Beschneidung ist?
Der griechische Gelehrte Leo Allatius (gestorben 1661) vertrat die Ansicht, dass die Vorhaut Christi mit in den Himmel aufstieg und sich in die Saturnringe verwandelte. Auf Anfrage, die GermanInnen waren beruhigt, muss dies aber nicht groß gefeiert werden.
Und es soll hier auch nicht weiter diskutiert werden. Wegen der Besinnlichkeit.
Mal nicht zu viel nachdenken ist auch ein guter Gedanke.
Nach der Bescherung, spätestens aber nach der Beschneidung geht der Stress ja von vorne los.

Mayday im Dezember

Man sieht es an den Gesichtern. Sie wissen im Supermarkt nicht mehr, wohin noch sie die unaufhörlich eintreffenden Weihnachtssüßwaren stellen sollen. 
„Endzeit“ steht in den Gesichtern.
Lebkuchen bekam bereits Notasyl an der Stirnfront der Putzmittelabteilung.
Neben der Fischtruhe warten nun auch schon Marzipanbrote.
Der Verkaufsstellenleiter patroulliert wie durch ein überfülltes Flüchtlingslager, das mit weiterem starken Zustrom rechnen muss.
Der Laden wird womöglich für Kunden gesperrt werden müssen.
Man wird durch die beschlagenen Scheiben nur noch die Stapel- und Rangierkünste beobachten können, bis auch die Fensterfront von Stollenkartons verdunkelt ist.
Zuletzt fährt der Tieflader vor, der seine vorgekochten Ostereier nicht los wird.
Dann ist stille Nacht.