Schüttsturm

Wenn alle Produkte, die derzeit in Internetanzeigen mit dem Slogan “erobert die Welt im Sturm” beworben werden, tatsächlich die Welt eroberten, wären alle Regierungen mttlerweile von Dingen abgesetzt.
Und sicher hätte so ein globaler Sturm auch Millionen unschuldiger Opfer verlangt.
Wie schön, sagt man sich einmal mehr, dass Werbung lügt.
Diese Erkenntnis hat ja längst die Welt im Sturm erobert.

Das Werbe-Paradoxon

Immer mehr Werbung im Internet wirbt dafür, sich von Werbung freizukaufen.
Ist das der wahre Grund, dass sie immer nerviger daherkommt? All die grell-gute Laune in ihr soll mich nur in ein Abo treiben, das mit “werbefrei” wirbt.
Vermutlich wird von den Machern der Werbespots jetzt bereits verlangt, möglichst viel aggressive Ablehnung im Betrachter auszulösen, damit er zur werbefreien Bezahlvariante des jeweiligen Wirtes wechselt.
Würde vieles erklären.
Einen Musikdienst habe ich richtig abonniert und brauche dort deshalb nie durch Angeschrienwerden zu erfahren, was mir fehlt. Erlöst sein von frohen Botschaften ist heute ein großer Luxus.
Leider kann ich mir nur Luxus-Inseln leisten. Sollte ich alles, was ich im Internet sehen oder hören will, auch bezahlen, wäre es zwecklos, mir Werbung zu schicken, weil ich ja alles Geld schon dafür ausgegeben habe, nicht erfahren zu müssen, wo ich Geld ausgeben soll.
(Letzten Satz bei Bedarf zwei Mal lesen.)
Ich kenne im Übrigen niemanden, der Werbung liebt.
Wahrscheinlich ließe sich mit ihr überhaupt kein Geld verdienen, sollte sie geliebt werden.
Denn dann bezahlte niemand mehr dafür, sie abgeschaltet zu bekommen.
Sie wäre an sich selbst gescheitert.
Grandios gescheitert.
Aber jeder Werbespot verrät mir: sie wissen es und fürchten es.

Das süße Ende

Womöglich bin ich einer ganz großen Verschwörung auf den Fersen, aber wie so oft fällt mir nicht ein, wem das Ganze nützen soll. Und eine Verschwörungstheorie ohne heimliche Profiteure im Hintergrund ist noch unglaubwürdiger als eine mit.
Egal, ich spüre jedenfalls eine dunkle Macht, die mir immer eindringlicher suggeriert, dass Gemüse süß sein muss.
Zuerst hatten sie im Supermarkt den Paprika mit “herrlich süß” beworben. Okay, dachte ich, es gibt verschiedene Richtungen beim Paprika.
Aber heute nicht mehr.
Scharfer Paprika ist verschwunden.
Früher gab es immer welchen aus dem immerhin EU-Freihandelspartnerland Ungarn, aber entweder behält Orban jetzt alles für sich (Hungary first!) oder die marokkanisch-spanische Paprikamafia bewacht die ungarische Grenze. Oder beides.
Der Paprika hat mittlerweile (als Ziel?) erreicht, herrlich nach gar nichts zu schmecken. Geschmacklose Nahrung (Achtung, noch eine Verschwörungstheorie!) bereitet die Menschen, unke ich mal unverbindlich, auf den anorganischen Nahrungsersatz von morgen vor.
Als “herrlich süß” (gibt es auch ein “unherrlich süß”?) werden neuerdings auch Tomaten und sogar kleine Gurken beworben. Süße Tomaten würde ich nicht mal bei Covid-19-Geschmacksverlust in den Salat tun.
Aber süß können die Verschwörungsbauern wahrscheinlich am besten.
Als nächstes werden sicher die Zwiebeln nach Marzipan und der Spinat nach Nougat schmecken.
Bis man konsequenter Weise zwischen Marzipan und Nougat nicht mehr wird unterscheiden können.
Zuletzt wird das Personal mit “herrlich süß” etikettiert.
Damit kämen vielleicht die ersten Zweifel auf.

Verschiebung der Wohltaten

Warum dominierte früher in der TV-Werbung das Verwöhnaroma und heute der Reizdarm?
Was ist schiefgelaufen?
Von der Genussbefriedigung ging es zur Leidensmilderung.
Ganz ohne Pandemie.
Obwohl es jetzt sogar eine Handcreme gibt, die als Balsam für Coronageschundene gepriesen wird.
Aber das Siechtum greift von allen Seiten an. Darum die Schmerzsalbe, die Beruhigungspille und das Fußpilzmittel.
Fasertief reine Wäsche hingegen ist der Werbung schnurz geworden.
Was Hunde und Katzen fressen sollen auch.
Und statt Bier, Weinbrand und Whisky gibt es im Werbeblock lauter Zeug, das den Nachklappspruch mit den Risiken und Nebenwirkungen benötigt.
Das viele Weiterzappen und Wegclicken wird sicher auch krank machen.
Clementine früher haben wir ausreden lassen.
Heute ist sie Risikogruppe.

Verschiebung der Wohltaten

Warum dominierte früher in der TV-Werbung das Verwöhnaroma und heute der Reizdarm?
Was ist schiefgelaufen?
Von der Genussbefriedigung ging es zur Leidensmilderung.
Ganz ohne Pandemie.
Obwohl es jetzt sogar eine Handcreme gibt, die als Balsam für Coronageschundene gepriesen wird.
Aber das Siechtum greift von allen Seiten an. Darum die Schmerzsalbe, die Beruhigungspille und das Fußpilzmittel.
Fasertief reine Wäsche hingegen ist der Werbung schnurz geworden.
Was Hunde und Katzen fressen sollen auch.
Und statt Bier, Weinbrand und Whisky gibt es im Werbeblock lauter Zeug, das den Nachklappspruch mit den Risiken und Nebenwirkungen benötigt.
Das viele Weiterzappen und Wegclicken wird sicher auch krank machen.
Clementine früher haben wir ausreden lassen.
Heute ist sie Risikogruppe.

Aus dem Tagebuch der unterliegenden natürlichen Intelligenz (4)

Liebes Tagebuch,
es ist eine Änderung eingetreten. In Werbemails werde ich seit einigen Wochen immer häufiger nicht mehr wie sonst mit meinem eigenen Namen angesprochen, sondern plötzlich Holger genannt. Dennoch sind die Mails an meine richtignamentliche Adresse gesandt.
Lieber Holger, nur noch wenige Tage Vorkaufsrecht…Lieber Holger, hole dir die neue Freiheit…Lieber Holger, wenn du auf den unten stehenden Link klickst…
So etwas tut man, ob Holger oder nicht, wie ich weiß, nicht ungestraft.
Was ist nur mit dem immer ausgefeilteren Algorithmus geschehen? Wie sind sie auf diesen Namen gekommen? Etymologisch soll er laut Wikipedia “der Kämpfer von der Insel” bedeuten.
Aber ich kämpfe kaum noch. Und Inseln sind wir alle. 
Manchmal lege ich einen kleinen Unsubscribe-Tag ein und versuche, mich von den Newslettern und “Informationen über neue Produkte” abzumelden, die ich wissentlich nicht abonniert habe. Aber man braucht ja heute nichts mehr wissentlich zu tun, und es geschieht dennoch. Das Abmelden funktioniert oft tadellos, auch wenn es oft nicht abmeldet. Aber man bekommt auf dem Bildschirm eine Bestätigung, dass abgemeldet wurde. Das ist ja schon viel. 
Manchmal wollen sie den Grund für die Abmeldung wissen. Ich habe jetzt einmal hineingeschrieben, dass die Mail falsch adressiert ist, weil ich nicht Holger bin. Das tut uns Leid, lieber Holger, schrieben sie sinngemäß. 
Mehrmals habe ich mir jetzt den kleinen folgenlosen Scherz erlaubt, auf die Holgermails, wie ich sie mittlerweile nenne, nur kurz mit dem Satz “Ich heiße nicht Holger” zu antworten. Aber natürlich werde ich oft darauf hingewiesen, dass man auf ihre Mail, die eine Kommunikation zu bezwecken nur den Anschein erweckt, nicht antworten kann. No reply. 
Ich stelle mir aber vor, wie ich doch ein Stöckchen in die Maschine geworfen habe. Hitzig glühen die Prozessoren, um den Widerspruch zu lösen, die Anrede zu optimieren. Tausende Namen werden in Bruchteilen von Sekunden verworfen. Aber erst, wenn “Die Anwendung reagiert nicht” auf dem Display des übermüdeten IT-Wächters aufleuchtet, wäre ich zufrieden. Ich hätte mich bemerkbar gemacht, wenn auch nur anonym und nicht als der, der ich bin, was, wie es aussieht, immer häufiger nicht mehr vorgesehen ist.
Tief im Inneren spüre ich, dass ich mich weiterhin wehren muss. Ich darf nicht Holger werden.
Dann hätten sie es geschafft.
Dann kann ich jeder sein, den sie nur wollen.
Das ist vielleicht das Ziel.
Aber ohne mich.
Mein wirklicher Name soll mein Bunker sein, und wenn sie mich nicht bei diesem Namen nennen, verbanne ich sie bei genügend Aufdringlichkeit in den Spamordner. Das ist schon lange der letzte Deich vor der Flut auf der Insel, auf der ich kämpfe.

So muss Deutsch

“Wir können draußen!”, stand am Eingang des Gartencenters.
Manche, dachte ich sogleich, können überall.
In sprachlicher Hinsicht wollen sie aber immer seltener können. Seit “Da werden Sie geholfen!” in der Reklame auftauchte, entdecken Sprücheklopfer den Charme des Unwissens.
Auch sonnt sich das Deutschland von heute in der bewussten Distanz zur preußischen Korrektheit.
“Wir sind Wurst” textet noch die kleinste Fleischerei.
“Wir hassen teuer” ist einem Freund der Sprache mindestens so hassenswert wie das Teuer.
Noch fallen die Sprachgurken auf. Aber wenn sich die Leute erst an das Kleinkind-Blabla gewöhnt haben, könnte es auch langweilig werden. Oder noch schlimmer: zur Sprachnorm.
“Der Duden hilft Sie!” wird es dann heißen.
(Den Trends der Interpunktion folgend womöglich sogar “Der. Duden. Hilft. Sie.”)
Leider bin ich 20. Jahrhundert. Und hasse hässlich. Und kann drin.
So werde ich, wie viele Alte, nur die Wahl haben zwischen fügsam und lächerlich.
Das König der Dilemmas.  

Werben beim Rollrasen

Ein unerschöpflicher Born geistiger Anregung sind dem Autofahrer die Beschriftungen von Lastwagen.
Heute gab es einen vorläufigen Höhepunkt, als ich an einem Sattelschlepper ganz groß „Fassadenwelt“ las. Die Beschreibung eines gesellschaftlichen Gesamtzustandes in einem einzigen Wort! Philosophie auf Rädern!
Welten kommen einem auf der Autobahn öfter mal entgegen oder werden von mir locker überholt. „Fliesenwelt“ oder „Teppichwelt“. Leben mag ich in keiner von ihnen, aber danach geht es ja nicht immer. Nicht einmal die „Welt der Getränke“ böte ein glückliches Zuhause.
Sicher muss man nicht alles glauben, was auf einer Plane steht. „Wir baggern aus Leidenschaft“ kam heute vorbei und scheint eher behandlungswürdig.
Eine Spedition ergänzt ihren Firmennamen mit einem dicken fetten „wer sonst“. Die Verkehrsdichte bestätigte dieses Alleinstellungsmerkmal nicht.
Die Behauptungen fahren spazieren. Wie es da drinnen aussieht, erfährt man nicht.
Fassadenwelten.