bookmark_borderjahrhundertgedanken

vielleicht ist das lernziel, zu begreifen, dass katastrophen nicht vorüber gehen und schon gar nicht selten sind.
diesmal haben sich ja alle auf die zunge gebissen und die überschwemmungen nicht “jahrhunderthochwasser” genannt. die jahrhunderte werden ja immer kürzer.
man wird vielleicht auch bald aufhören, die pandemiewellen zu zählen.
kann schließlich sein, dass nach delta wieder alpha und beta kommen. und zwischendurch mal gamma und lambda, und so fort.
das lernziel wäre eventuell, die gesellschaft so zu organisieren, dass die lebenden keine zusätzliche angst haben müssen zu der, die alle haben, nämlich durch die katastrophen ums leben zu kommen.
das hinzubekommen, dürfte man dann eine jahrtausendreform nennen.

bookmark_borderMythologische Schlachtefestplatte

Ärgerlich an der Spionagesoftware “Pegasus” ist auch, dass man zur Namensfindung das Dichterross geschlachtet hat.
Wieder ist ein Begriff geraubt, bedeutungsgewendet, geschändet.
Zuletzt war es der “Querdenker”, um den es wiklich schade ist. Jetzt das geflügelte Pferd. Hat es jemand mit dem trojanischen verwechselt? (Nachdem schon der Begriff “Trojaner” diskriminierend ist für die Bewohner der geschleiften Stadt, weil im sagenhaften trojanischen Pferd kein einziger Trojaner steckte.)
Sollte die Unesco langsam eine Schutzorganisation gründen, die die Weltkultur vor der geschmacklosen Plünderung bewahrt?
Über die Software selbst ist wenig zu sagen. Sie diene, so der israelische Hersteller, der Bekämpfung von Terrorismus und Kriminalität. Anders gesagt: unsere Grundwerte verraten wir lieber selber. Denn dass nirgendwo staatlicherseits versprochen wird, die Bürger vor der Bespitzelung zu schützen, kann nur daran liegen, dass man selbst solcherlei Software verwendet und nun nicht gleich all zu viel Ernst machen möchte mit dem Datenschutz. Bis jetzt ist der Bürger doch ganz gut damit ruhig gestellt, dass er zwanzig Mal am Tag Datenschutzvereinbarungen anklicken darf, und dass Cookies unter dem Label “Ihr Datenschutz ist uns wichtig” laufen. Auch bei Corona-Apps durften sich Bedenkenträger ruhig austoben. Bei “Pegasus” hingegen steht die minimale öffentliche Aufregung im schreienden Kontrast zum guten Grund dafür.
Aber jetzt muss erst einmal das Flügelross begraben werden. Man kann es nicht mehr ohne falsche Assoziationen erwähnen.
Ruhe sanft, Pegasus. Das Internet ist kein Ponyhof.

bookmark_borderder untergang des idylls

die nachhaltigste wirkung üben die jüngsten naturkatastrophen nicht durch die meldungen von toten und sachschäden aus, sondern durch die botschaft der zerstörung der idylle.
das lauschige städtchen am fluss wird weggeschwemmt. der deutsche wald, dickicht der romantik, verdorrt.
der regen selbst, die sonne, sind nicht mehr wie figuren, die aus der spieluhr treten, sondern apokalyptische reiter, nicht mehr zu besingen.
zuletzt erscheinen keine heldenhaften retter, sondern ein zäher kampf um die begrenzung des globalen temperaturanstiegs wird als einziger weg gewiesen.
nun zeigt sich, dass auch die autowelt ein idyll war.
so richtig gestimmt haben idylle nie. schon immer wurden naturzustände bildlich verklärt, idealisiert zum sehnsuchtspol.
aber bald ist nichts mehr zu verklären.
verklärungsnotstand.

bookmark_borderverkaufslose angebote

das fing, glaube ich, mit dem sony-laden im sony-center an.
dass es das sony-center war, ließ ich als ausrede für einen showroom gelten.
dafür halt, dass es da nichts zu kaufen gab.
es war alles da, aber man stand plötzlich draußen, ohne etwas gekauft zu haben, obwohl es vielleicht nirgendwo sonst was besseres gab, damals.
heute machte ich in berlin die entdeckung weiterer fake-shops.
und es waren ganz gewöhnliche häuser am kudamm, eins wohl früher ein kino, und ein kino muss immer froh sein, dass es nicht abgerissen wird.
eins war ein huawei-tempel, dann stieß ich noch auf eine apple-kapelle.
mit china habe ich es nicht so, also war ich bei apple.
dutzende tische, und auf jedem das gleiche: iphones und macbooks.
alles ohne preis dran, dafür aber immer wieder auf geschätzt dreihundert quadratmetern. iphones und macbooks, macbooks und iphones. monokultur.
ein glaskasten mit smartwachuhren wie klunker im ‚grünen gewölbe‘. wo auch kein preis dran steht.
weil ich mir aber als langjähriger konsument einen verkaufsfreien laden nicht vorstellen kann, erwog ich, dass ich womöglich mittlerweile das verkaufen nicht mehr richtig mitkriege.
es ist womöglich zu virtuell geworden. bitcoins, die in der hosentasche verknibbelt werden oder sowas.
das neue iphone hätte mich interessiert, auf ihm sollte man sogar in der app einen preis lesen können. ging aber nicht. aus angst, für inkompetent gehalten zu werden, legte ich es ab.
ich fürchte nun aber: diese neuen scheinshops mit unverkäuflichen produkten (bei uns früher hieß das noch „beratungsmuster“) greifen weiter um sich.
wie diese gläsernen fabriken überall, wo man auch lange vom kaufen abgehalten wird, aber schlussendlich ohne nicht weg kommt. hier schon.
aus dem apple-laden kam ich absolut unbehelligt raus.
keine „kann ich helfen?“-anmache wie in bekleidungsläden.
nur ein bulliger security scannte mich diskret.
der konsumterror ist auch nicht mehr das, was er mal war.

bookmark_borderwortkarrieren

hat es jemals vor „impfpflicht“ ein wort mit zwei „pf“ direkt nacheinander gegeben?
die pandemie ist nebenher eine karawane von begriffen, die wie aus dem nichts ins zentrum von debatten schießen.
jeden der begriffe gab es schon lange im sprachschatz, ebenso wie das virus in der wildnis.
lockdown, homeoffice, maskenpflicht, inzidenz – um den „querdenker“ ist es richtig schade, denn es war eigentlich ein alter adelstitel, der dann auch fiebrig wurde.
worte verhalten sich wie viren: befallen wirte, vervielfältigen sich, sind oft aggressiver als vordem im wörterbuch, wenn sie zu kampfbegriffen mutieren, gehasst werden oder beeifert.
die impfpflicht beispielsweise gab es ja lange wirklich nur im wörterbuch.
aber womöglich wird sie außerhalb gebraucht, wo alle anderen worte nicht überzeugen.
es muss ja irgendwie ein gesellschaftsvertrag des gegenseitigen schutzes geschlossen werden.
impfen lassen ist einfacher.
jede dosis wäre auch ein sprachberuhigungsmittel.
je weniger streitworte übrig bleiben, desto besiegter ist die seuche.

*

(ab heute erscheinen die kleinen glossen in einem selbstgehosteten wordpress-blog. ältere, heute hinüber-transferierten beiträge zeigen deshalb das heutige datum. danach sind nun auch alle beiträge aus dem alten blog wieder zu sehen.)

bookmark_borderspielsache

das leidensvolle gesicht der unglücklichen elfmeterschützen.
da wir es zwar ein spiel nennen, aber allesamt gar nicht mehr wissen, was spielen wirklich ist, erwartet sie die hölle.
zumindest die englischen, denn die gewinner haben es immer leichter, versagenden in eigenen reihen zu verzeihen.
wozu ist eigentlich ein spiel erdacht?
zum lustigen zeitvertreib?
zur verkleidung körperlich gesunder bewegung?
der zuschauende aber bewegt sich nicht. reglos flieht er die langeweile.
zum reiz des spiel ist ihm längst geworden, dass es ernst ist. dass es um karrieren geht, nationale identität, mindestens.
alle spiele werden rasch des spiels entkleidet.
wenn ich etwa jemandem sage, ich spiele, nämlich musikinstrumente, heißt es sehr bald: verdienst du damit geld?
was nütze es denn sonst?
nein, man weiß nicht mehr so recht, was spielen wirklich ist.

bookmark_bordervorsicht, sport

pädagogisch nicht mehr sehr wertvoll, der sport.
die tour de france nutzt nie die radwege.
sie haben auch kein licht am fahrrad.
lässlich freilich gegen die formel 1: wettrennen für verbrennungsmotore sind nur noch obszön und zynisch.
der fußball deklassiert sich mit nicht eingehaltenen toleranzgelübden, toten beim stadionbau und ignoranten infektionsrisiken bei der stadiennutzung.
in meiner kindheit, als ich es noch herzhaft hasste, zum sporttreiben genötigt zu werden, konnte man dem sport nicht so leicht etwas vorwerfen.
ich meine, dass es damals lange nicht einmal doping gab.
sport war edel, ritterlich, euphorisch und gesund – ich, der ich mich lieber mit künstlerischen aktivitäten befasst hätte, hatte nichts gegen ihn in der hand.
wohl wieder mal zu früh geboren.

bookmark_borderschwarzdenken

als mittlerweile sichtlich ergrauter mitbürger ist es höchste zeit, aufzustehen und auch mal für sich selbst in den kulturkampf gegen sprachliche diskriminierung zu ziehen.
bewegt haben mich zuletzt verkehrsbetriebe in münchen und berlin, von denen ich las, dass sie den begriff “schwarzfahrer” nicht mehr verwenden wollen bzw. streichen oder wohl wenigstens schwärzen, um nicht in rassismusverdacht zu geraten.
die sorge ist nicht unbegründet, denn das verdächtigen grasssiert mindestens wie die schwarze pest, und wer befallen ist, hat definitiv den schwarzen peter.
ich habe deshalb heute vorsorglich beschlossen, mich als ergrauter beispielsweise durch den begriff “grauzone” diskriminiert zu fühlen. auch der “grauschleier” beleidigt mich, denn meine haarfarbe hat nichts mit fehlenden wascherfolgen zu tun. als grauer will ich bitte nicht das schwarze schaf sein.
wie so oft bei solchen unwort-enttarnungen habe natürlich auch ich keine griffigen alternativen zu den urplötzlich verpönten worten zur hand. der protest ist heutzutage der lösung immer uneinholbarer voraus! und meine grauen zellen sehen mit zunehmendem alter auch immer öfter schwarz.
grau steht leider für langeweile, farblosigkeit, tristesse, und ich muss nun endlich einmal darauf bestehen, es in richtung frohsinn und freude umzudeuten.
kulturgeschichte hin oder her, welche die helligkeitswerte nun mal seit ewigkeiten zwischen gut (weiß) und böse (schwarz) skaliert.
grau, teurer freund, ist alle theorie.

bookmark_borderzettel gegen äpp

es ist noch offen, wie in deutschland der wogende kulturkampf zwischen zettel und äpp ausgeht.
zwar punktet das als knibbelfetisch pubertierender verschriene smartphone, als ich mit der luca-app mein dasein im straßencafé dokumentieren darf.
aber bei der zweit-impfung, zu der ich durfte, warten drei (!) seiten formular, bevor das ergebnis in der apotheke mühsam in ein wimmelbild übersetzt wird, das die corona-app füttert.
nachdem es ausgedruckt wurde.
auf papier, das ich gut aufheben muss, denn das handy könnte ja mal weg sein oder die app-toleranz einer forciert datenschützenden regierung.
und dann habe ich immer noch die vielleicht nicht verlegte falt-und knickbare, einrahm-, brenn- und lochbare urkunde.
die sich auf wunsch ja auch einscannen lässt.
und ausdrucken.
und wieder von vorn.
das digitale beeindruckt ja immernoch durch seine düstere unsichtbarkeit.
niemand erkennt sich auf dem wimmelbild selber wieder, noch, was es über ihn verbreitet.
wenn auch der adressenzettelstapel am straßencafé durch ein windhöschen in alle winde zerstreut werden kann, wird die unsichtbare gefahr eines hackers mit der finsteren absicht des straßencafébesuch-enttarnens immer noch höher geschätzt.
ich sollte diesen zwischenstand des kulturkampfes vielleicht sicherheitshalber ausdrucken.
wenn ich wüsste, wohin damit.