bookmark_borderzettel gegen äpp

es ist noch offen, wie in deutschland der wogende kulturkampf zwischen zettel und äpp ausgeht.
zwar punktet das als knibbelfetisch pubertierender verschriene smartphone, als ich mit der luca-app mein dasein im straßencafé dokumentieren darf.
aber bei der zweit-impfung, zu der ich durfte, warten drei (!) seiten formular, bevor das ergebnis in der apotheke mühsam in ein wimmelbild übersetzt wird, das die corona-app füttert.
nachdem es ausgedruckt wurde.
auf papier, das ich gut aufheben muss, denn das handy könnte ja mal weg sein oder die app-toleranz einer forciert datenschützenden regierung.
und dann habe ich immer noch die vielleicht nicht verlegte falt-und knickbare, einrahm-, brenn- und lochbare urkunde.
die sich auf wunsch ja auch einscannen lässt.
und ausdrucken.
und wieder von vorn.
das digitale beeindruckt ja immernoch durch seine düstere unsichtbarkeit.
niemand erkennt sich auf dem wimmelbild selber wieder, noch, was es über ihn verbreitet.
wenn auch der adressenzettelstapel am straßencafé durch ein windhöschen in alle winde zerstreut werden kann, wird die unsichtbare gefahr eines hackers mit der finsteren absicht des straßencafébesuch-enttarnens immer noch höher geschätzt.
ich sollte diesen zwischenstand des kulturkampfes vielleicht sicherheitshalber ausdrucken.
wenn ich wüsste, wohin damit.

bookmark_borderSinnsuche vor dem Zahnarztbesuch

Das letzte Artefakt des analogen Zeitalters ist das Bonus-Heft des Zahnarztes.
Es erinnert an das Heftchen, in das man als Kind Bienchen eingestempelt bekam, wenn man fleißig war.
Dumm, wenn man das Heft verbummelt hatte. Großes Bienensterben.
Gerade suche ich das verflixte Bonusheft, denn die Zahärztin hatte sogar schriftlich gemahnt, meine Corona -Furcht endlich zu überwinden und ihr den weit geöffneten Virentrichter Mund zuzuwenden.
Und das Bonus-Heft mitzubringen.
Habe ich es bei “Krankenkasse” abgeheftet oder in das Mäppchen mit dem Reisepass gelegt? Oder im Auto liegenlassen beim letzten Mal? Hat Säurefraß es vernichtet oder ist es Kuriositätensammlern in die Hände gefallen?
Wie hilfreich wäre es, wenn das Bonusheft noch als Steintafel ausgegeben wäre. Über die man zuhause dann doch immer mal stolpert. Keine dumme Idee damals, die Gesetze in Tafeln zu meißeln. Besser als die Gesetze selbst, nebenbei bemerkt.
Theoretisch könnte die Zahnärztin ganz einfach auf meiner Chipkarte eines dieser Cookies hinterlassen, die sich wie Aerosol im Internet ausbreiten und die ich täglich in großer Zahl bejahen muss, wenn ich überleben will.
Und der Krankenkasse könnte man ganz einfach mithilfe dieses neuländischen Internets mitteilen, dass ich doch noch rechtzeitig zur Heerschau meiner Zähne angetreten war.
Aber so wie man Beileidskarten nicht per Mail verschickt, schickt es sich wohl nicht, ein so wichtiges Zeugnis wie den Existenznachweis eines gepflegten Gebisses zu digitalisieren. Vielleicht geht es um diese Menschenwürde, von denen immer mal wieder die Rede ist.
Ich muss dieses kostbare Heftchen finden, in welchem sentimentaler Weise noch mein Mädchenname steht und die Adresse durchgestrichen ist, weil wir umgezogen waren. Ein wenig ist da die Tinte auch verlaufen.
Im Darknet kriegt man sicher günstig eine Fälschung, denn das Bonusheftchen hat nicht die geringsten Sicherheitsmerkmale. Wäre der Bonus, den es tatsächlich bringt, höher, würden massenhaft Fälschungen auf den Markt kommen.
Aber es lohnt sich nicht.
Ich habe auch noch längst nicht überall gesucht.
So bescheiden, wie es aussieht, könnte es auch in die DDR-Schachtel geraten sein. Oder ein Windstoß hat es aus dem Fenster geweht.
In fünftausend Jahren wird man das Heft, wenn es endlich gefunden wird, im archäologischen Museum ausstellen: das letzte überlebende Papierdokument der Menschheit.
Retter der letzten Heftchendruckereien.
Gruß aus dem Mittelalter.
Ich muss es finden. An mir soll das Abendland nicht untergehen. Ich werde es finden.
Denn ein gesunder Zahn der Zeit nagt ewig.