bookmark_borderDas letzte Hemd in Blau

Auf dem Dachboden, in einer der Kisten, die ich weder auspacken noch wegwerfen kann, lagert auch mein so genanntes Blauhemd, die regular-fit-Obertrikotage des DDR-Jugendverbandes FDJ. Zu keinem Zeitpunkt würde ich mich allerdings um dieses Hemd mit Polizisten prügeln, wie gestern dergleichen in Berlin geschah.
Trotzdem kriegen sie’s nicht.
Obwohl es untragbar ist.
Schon das brüllende Blau, in welches das Hemd getunkt ist, ist nirgendwo auf der Welt je Modefarbe gewesen, was allein ich schon als Gemeinheit empfand.
Das Blau zeigt, wie blauäugig sich die alten Genossen einen Jugendverband vorstellten: als „junge Garde des Proletariats“, als ihren eigenen Fake-Jungbrunnen, als wären ihre Enkel nur junge Omas und Opas.
Dass die Polizei gestern in Berlin gegen das dünne Hemd kämpfte wie gegen fleischgewordenes Corona, hat mich zunächst verwundert. Gab es nicht kürzlich zum Einheitsjahrestag so viel Bekenntnis dafür, dass zu wenig Verständnis für ostdeutsche Lebenswege gezeigt würde? Piff-paff-puff.
Man müsste doch wissen, dass es sich bei der FDJ um eine der vielen verschnarchten Massenschubladierungen gehandelt hat. Gut, wir haben Arbeitseinsätze mitgemacht, um das Wohngebiet zu begrünen, haben uns für Jugendtanz eingesetzt und für Vietnam gesammelt. Im FDJ-Studienjahr wurden Marx und Lenin gelesen, und mit dem FDJ-Reisebüro Jugendtourist ging es nach Ungarn oder Bulgarien. Bei den Weltfestspielen in Berlin 1973 habe ich im Blauhemd mit vielen Jugendlichen aus aller Welt diskutiert und mein Land mehr in Schutz genommen, als dieses es je verdient hatte. Aber verdient das Symbol die Gleichstellung zum Hakenkreuz, ohne mich zu beleidigen?
Ist das Tageslicht damit ernstlich geschändet?
Sehen muss ich das Ding da freilich auch nicht, und ich fand mich in Frankreich jedes Mal peinlich berührt, wenn „fdj“ wieder an einem Lottoladen stand. Aber noch weniger mag ich sehen, wie jemand, der seine Wampe heute noch ins Blauhemd zwängt, in den polizeilichen Schwitzkasten genommen wird.
(Was die alten Genossen, nebenbei, stolz macht.)
Es bestehe, heißt es, gegen das Blauhemd ein „Anfangsverdacht“.
Der sollte in der Sache das Ende sein.

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Nachtrag: verfassungsbedenkliche DDR-Symbolik gibts auch als Wertanlage.