bookmark_borderTagestränen

Zwischen “Tagesthemen” und “heute-journal” ist in immer unheimlicherer Weise ein Überbietungswettbewerb in griechischer Tragödie im Gange. Wurden Claus Kleber oder Maren Miosga mal beim Burgtheater abgelehnt und suchen jetzt in unschuldigen Neugierigen ihr Publikum?
Mit bebender Stimme werden noch die simpelsten Neuigkeiten homerisch deklamiert. Statt “Es schneit viel” heißt es dann in etwa: “Schnee kennen wir alle. Und wenn nur ein paar Zentimeter fallen, ist alles in Ordnung. Aber es gibt auch den anderen Schnee: den, der nicht aufhört zu fallen, und dann will man nur noch, dass es aufhört. Aber es hört nicht auf…” Undsoweiter undsofort, und es will wirklich nicht aufhören.
Das Gesicht dazu lässt in jedem Fall vermuten, dass Berufserfahrungen als Grabredner Einstellungsvoraussetzung für Nachrichtenmagazine sind.
Natürlich ist Vieles tragisch in der Welt. Aber das muss man nicht selbstverliebt spielen, das sieht man doch! Als wären wir Geschöpfe vor dem Fernseher im Lockdown vollends begriffsstutzig geworden.
Oder haben nach zu viel simulierter Lustigkeit zuvor ein dringendes Bedürfnis nach Ausgleich.
Diese Sauertöpfigkeit täglich gegen Zehn ist anscheinend auch etwas Deutsches, denn bei CNN, BBC oder France24 entfaltet sich keinerlei solch lyrischer Tranigkeit. (Dafür werden die ModeratorInnen in US-Nachrichtenkanälen seit Jahren immer lauter. Irgendwann wird man sie bei Stromausfall an der europäischen Atlantikküste auch so hören können.)
Vielleicht sind sie da draußen einfach nur deshalb in Krisenlagen so viel schneller als das deutsche Fernsehen, weil sie nicht erst einen Shakespeare-Monolog dichten müssen, bevor sie auf Sendung gehen.