bookmark_borderWie ich aus der Kirche austrat, ohne drin zu sein

Es war vielleicht mein Glück, dass es nur lutherisch war.
Gegen meinen Willen, so muss ich das schon sagen, bin ich im Alter von wenigen Tagen diesbezüglich getauft worden. Ich war sozusagen noch null, hatte nur Schnuller und Happahappa im Kopf und wälzte innerlich keinesfalls die Gretchenfrage.
Vergleichsweise, so könnte man meinen, fiel der Missbrauch, denn ich war zur Taufe ein willenloses Objekt des Wollens Anderer, bei den Lutherschen insgesamt glimpflich aus, aber er blieb leider nicht der einzige.
Jahrzehnte später hat mich das Versäumnis, rechtzeitig aus der Kirche auszutreten, einen saftigen vierstelligen Betrag Kirchensteuer-Nachzahlung gekostet. Ich war nach Berlin gezogen, und bei der dortigen Kirchensteuerstelle läuteten sofort süß die Alarmglocken der Kirchenkasse, während sie zuvor in Potsdam verhängnisvoll stumm geblieben waren.
Der Geldbetrag war dann, wenn man so will, der zweite Missbrauchsfall, denn noch immer hatte mich niemand gefragt, ob ich überhaupt mitmachen will in sowas wie Kirche. Aber auch diesmal blieben die psychischen Dauerschäden begrenzt. Ich kann nach wie vor soziales Engagement von Gläubigen würdigen und schätzen, ohne posttraumatische Panikattacken zu kriegen, wenn ich einen Pfaffen sehe. Nur ein bisschen sauer bin ich bis heute, weil ich nie einen Gottesdienst besucht hatte – also wenig Show für viel Kohle.
Ich musste damals sogar selber recherchieren, aus welcher Kirchengemeinde ich denn jetzt konkret austreten müsse, um raus zu kommen.
Ach und es gab gleich darauf noch einen dritten Missbrauch. Es war nämlich diskriminierender Weise von einer “Austrittswelle” der Ostdeutschen die Rede, und es gab Diskussionen darum, warum so viele im Osten (angeblich) den Glauben verlieren, (den sie nie hatten). Man nennt sowas auch gern “vom Glauben abfallen”. Aber ich hing ja nie dran. Ich wollte das gern sagen, aber es fragte keiner und mein diesbezüglicher Brief an den Bischof mit Zitat aus Lukas.19 (“Mein Haus soll ein Bethaus sein; ihr aber habt es zur Räuberhöhle gemacht.” Die schöne Stelle.) wurde mit Schweigen gesegnet. Der Missbrauch, meine ich, bestand nun darin, meinen Wertebestand als degenerierend zu diskriminieren.
Na gut, biblisch lange her das alles. Die Religion, sagt Diderot, hat viele Menschen böse gemacht. So weit muss es mit mir nun nicht auch noch kommen.
Um wie viel erklärlicher, so tröste ich mich, ist die Austrittswelle derzeit in der katholischen Kirche: Missbrauch, Deckeln von Missbrauch. Festhalten am Missbrauchs-Substrat Zölibat. Patriarchat hardcore anno 2021.
Lieber keine Show fürs Geld als diese.