bookmark_borderPlaudern 2.0

Die Kommunikation in den so genannten Communities und Social Medias des buchstäblich atemlosen Internet muss derzeit viel Kommunikation der luftverseuchten Außenwelt ersetzen.
Natürlich kann man das Internet da nur einfach als bloße Plexiglasscheibe benutzen und abgesehen davon richtig miteinander, sich gegenseitig entgegenstreamend, reden. Ein geselliges Abendessen mit Freunden unterscheidet sich dann von einer Zoom-Konferenz nur noch wie ein Konzertbesuch bei den Philharmonikern von einem handy-gestreamten Hauskonzert der zweiten Bratsche.
Per getipptem Text aber wird es schnell seltsam, irritierend, verstörend, schizophren. Und das schon lange, aber jetzt erst recht. Und ich bete zum Impfstoffausstoß der Pharmakonzerne, dass diese Mitteilungsweisen an Rang auch wieder was einbüßen!
Denn sie zerfleddern die menschlichen Bande, die auch so schon nicht die bestgewebtesten sind.
Deutlich wird Manches, wenn man die Kommunikation sich mal kurz in die Echtwelt übertragen vorstellt und das Internet als ein Wohnhaus. Dann eröffnet sich eine vertrackte Parallelwelt, in welcher Kommunikation, wenn man Pech hat, nicht mal eine ist. Denn:

1. Es ist nicht sicher, ob man gehört wird.
Denn alle schreien durcheinander.
Und die meisten wollen lieber etwas mitteilen als etwas mitgeteilt bekommen. Das war und ist bei Treffen in der Echtwelt eigentlich genau so, nur gibt es da Höflichkeitstraditionen, die ein zumindest zeitweises Zuhören erzwingen. Aber im Internet gibt es keine Tischsitten, vor allem, weil es keine Tische gibt. Dafür ein wuseliges Durcheinander in Sälen und auf zugigen Treppen, und das meiste richtet sich auch nicht an konkrete Mitmenschen in Saal oder auf Treppe, sondern wird in volle Räume hineingeworfen, oder ins Treppenhaus gebrüllt, oder irgendwo vom Wegesrand aus Eilenden nachgerufen, die aber oft selber schwer unterwegs sind und oft nur die drei ersten Worte missverstehen, bevor sie weiterrennen.
Ob Kommunikation stattfindet ist den Kommunizierenden also oft gar nicht bekannt. Sie hasten an Meinungen vorbei wie einer an Plakatwänden, der aber ganz schnell zum Bahnhof muss, weil er einen Zug verpassen könnte, von dem er nicht weiß, wann er wohin fährt.
Höchste Anforderungen also an das eigene Erwartungsmanagement, denn:

2 Niemand bleibt länger als für drei Sätze.
Small talk in Amerika ist gegen Austausch im Internet eine Endlosdebatte. Wenn Unterhaltungen, ob bei Facebook oder in Foren, ausufern, dann nur, weil zunehmend zu viele durcheinander reden, bis gar nichts mehr klar ist. Ansonsten ergibt der ausgesprochene Dialog meist etwa eine Minute, und das Ganze versinkt ergebnisoffen in der Timeline.
Wenn auch eben leider nicht wirklich, denn:

3. Alles steht für immer an der Wand.
Von wegen gesagt ist gesagt. Es ist alles so gut aufbewahrt wie der Schriftwechsel zwischen Goethe und Schiller. Noch nach Jahrzehnten findet sich das „Guten Tag, ich bin neu hier“, falls es jemand nachlesen will, auf einem Strom fressenden Server in Island oder Alaska. Bei Foren vor allem darf man selber gar nichts radieren, sondern muss bei einen geheimnisvollen Administrator um Vergessen betteln. (Eine Chance immerhin, die Goethe und Schiller verwehrt ist.)
Oft muss man gar nicht um das Selbstgesagte bangen, sondern um das, was man zurückgesagt bekommt. Denn:

4. Irgendeiner pisst einen immer an.
Seit längerem plädiere ich dafür, den Promillestand oder gar die Drogenbeteiligung bei Postings anzugeben. Denn nicht immer sind die Trolle beleidigend oder rechtsradikal, sondern, was eigentlich noch peinlicher ist, konfus. Ich meine auch, Pubertierende herauszuschmecken, deren Verstand sich noch im Gequirltwerden befindet. Alle kommen sie, doch man will sie nicht am Tisch haben, den es ja, was man immer noch nicht kapiert hat, gar nicht gibt. Deswegen sagt man immer öfter lieber nichts, als Streufutter für Trolle auszulegen. Oder, genau so quälend, schlechtes Deutsch erwarten zu müssen.
Und letztlich:

5. Die Leute sind nicht unbedingt die Leute.
Internet ist Maskenball ohne Aschermittwoch.
Als es für mich los ging, in den frühen Neunzigern bei „Compuserve“, konnte man nicht mit dem eigenen Namen posten, sondern nur mit einer Nummer. Als man später seinen Namen endlich benutzen konnte, benutzte ihn kaum einer. Lieber dachtem sich die Leute einen neuen Namen aus, weil sie auf einmal keine Lust mehr hatten, sie selber zu sein oder als solche findbar. Auch Staatsdiener fremder Mächte, die per Druckbetankung manipulative Botschaften verbreiten, melden sich nicht mit Name und Dienstgrad, sondern tun, als wären sie der Freund, der einem fehlt. Selbst bei einer Gesprächsform, die es in der Wirklichkeit überhaupt nicht gibt, den Kundenbewertungen im Laden, weiß man nicht, ob die Kunden Kunden sind. (Immer öfter sind sogar die Shops gar keine Shops.) Überhaupt muss es schrecklich sein, in einem Warenhaus von zweitausend Meinungen zu einem paar Strümpfe angefallen zu werden.
Fazit:
Zum Glück ist die Welt draußen manchmal noch erfreulich primitiv.