bookmark_borderTante Polizei

Die Polizei wirkt, wie man so sieht, zunehmend wie eine Nanny im Kinderzimmer.
Sie muss Corona-Partys auflösen und mit Hubschraubern die Leute vom Eis scheuchen.
Seit längerem schon ist sie außerdem damit beschäftigt, Raser auszubremsen.
Sie jagt immer seltener die Bösen, sondern bewahrt die Naiven vor sich selber.
Eine Art uniformierte Mary Poppins für Lernschwache.
Bis auf die Bußgelder.
Die sind richtig schwarze Pädagogik. Aber schonen vielleicht ein wenig die Steuern der Braven.
Nun muss nur noch das mediale Bild der Polizei dem neuen Trend angepasst werden. Die „Tatort“-Reihe dürfte künftig weniger von diesen ohnehin längst bis ins Absurde gesteigerten Tötungsdelikten handeln als von kickfreudigen S-Bahn-Surfern oder Mountain-Bike-Challenges von der Zugspitze.
Das Polizeileben wird auch leichter: man braucht nicht erst lange zu fahnden. Man sieht immer gleich, wer’s war.
Während sich der Übeltäter von einst versteckte und die Spuren verwischte, zeigt sich der heutige gern, sogar mit Selfie.
Spaß ist das neue Böse.

bookmark_borderDas letzte Hemd in Blau

Auf dem Dachboden, in einer der Kisten, die ich weder auspacken noch wegwerfen kann, lagert auch mein so genanntes Blauhemd, die regular-fit-Obertrikotage des DDR-Jugendverbandes FDJ. Zu keinem Zeitpunkt würde ich mich allerdings um dieses Hemd mit Polizisten prügeln, wie gestern dergleichen in Berlin geschah.
Trotzdem kriegen sie’s nicht.
Obwohl es untragbar ist.
Schon das brüllende Blau, in welches das Hemd getunkt ist, ist nirgendwo auf der Welt je Modefarbe gewesen, was allein ich schon als Gemeinheit empfand.
Das Blau zeigt, wie blauäugig sich die alten Genossen einen Jugendverband vorstellten: als „junge Garde des Proletariats“, als ihren eigenen Fake-Jungbrunnen, als wären ihre Enkel nur junge Omas und Opas.
Dass die Polizei gestern in Berlin gegen das dünne Hemd kämpfte wie gegen fleischgewordenes Corona, hat mich zunächst verwundert. Gab es nicht kürzlich zum Einheitsjahrestag so viel Bekenntnis dafür, dass zu wenig Verständnis für ostdeutsche Lebenswege gezeigt würde? Piff-paff-puff.
Man müsste doch wissen, dass es sich bei der FDJ um eine der vielen verschnarchten Massenschubladierungen gehandelt hat. Gut, wir haben Arbeitseinsätze mitgemacht, um das Wohngebiet zu begrünen, haben uns für Jugendtanz eingesetzt und für Vietnam gesammelt. Im FDJ-Studienjahr wurden Marx und Lenin gelesen, und mit dem FDJ-Reisebüro Jugendtourist ging es nach Ungarn oder Bulgarien. Bei den Weltfestspielen in Berlin 1973 habe ich im Blauhemd mit vielen Jugendlichen aus aller Welt diskutiert und mein Land mehr in Schutz genommen, als dieses es je verdient hatte. Aber verdient das Symbol die Gleichstellung zum Hakenkreuz, ohne mich zu beleidigen?
Ist das Tageslicht damit ernstlich geschändet?
Sehen muss ich das Ding da freilich auch nicht, und ich fand mich in Frankreich jedes Mal peinlich berührt, wenn „fdj“ wieder an einem Lottoladen stand. Aber noch weniger mag ich sehen, wie jemand, der seine Wampe heute noch ins Blauhemd zwängt, in den polizeilichen Schwitzkasten genommen wird.
(Was die alten Genossen, nebenbei, stolz macht.)
Es bestehe, heißt es, gegen das Blauhemd ein „Anfangsverdacht“.
Der sollte in der Sache das Ende sein.

*
Nachtrag: verfassungsbedenkliche DDR-Symbolik gibts auch als Wertanlage.
 

bookmark_borderAus der besseren Welt

“Sie haben es gut”, habe ich heute gedacht, als mir die Polizisten an der Radarkontrolle begegneten.
Sie überwachten im Kampf gegen das Böse Tempo 80 auf einer dreistreifigen Autobahn ohne Baustelle, festgelegt wegen vermeintlicher Straßenschäden, die man vielleicht sanft spüren würde, führe man doppelt so schnell wie verlangt.
Anderswo, dachte ich, müssen Polizisten mit Sturmgewehren Szeneviertel durchkämmen, um Amokschützen auszuschalten.
Welch federleichtes Ziel bin hingegen ich!
Die Polizisten hier können bequem bei Coffe-to-go im Angelsessel harren, dass ich Sünder vorstellig werde.
Ein rasendes Auto, fällt mir ein, kann freilich auch als eine tödliche Waffe gesehen werden.
Aber mit meinen Neunzig auf der dreistreifigen Autobahn?
Das glaube ich nicht.
Und Nichtglauben ist aller Friedfertigkeit Anfang.

bookmark_borderAus der besseren Welt

“Sie haben es gut”, habe ich heute gedacht, als mir die Polizisten an der Radarkontrolle begegneten.
Sie überwachten im Kampf gegen das Böse Tempo 80 auf einer dreistreifigen Autobahn ohne Baustelle, festgelegt wegen vermeintlicher Straßenschäden, die man vielleicht sanft spüren würde, führe man doppelt so schnell wie verlangt.
Anderswo, dachte ich, müssen Polizisten mit Sturmgewehren Szeneviertel durchkämmen, um Amokschützen auszuschalten.
Welch federleichtes Ziel bin hingegen ich!
Die Polizisten hier können bequem bei Coffe-to-go im Angelsessel harren, dass ich Sünder vorstellig werde.
Ein rasendes Auto, fällt mir ein, kann freilich auch als eine tödliche Waffe gesehen werden.
Aber mit meinen Neunzig auf der dreistreifigen Autobahn?
Das glaube ich nicht.
Und Nichtglauben ist aller Friedfertigkeit Anfang.