bookmark_borderDie ausgestorbenen Hafenlieder

Manchmal flüchte ich nach den trüben Nachrichten ans Klavier und blättere in den vor allem auf Flohmärkten gesammelten alten Schlagernoten.
Herüber vom schrecklichen Geschehen im Hafen von Beirut war es im Stöbern allerdings auffallend, wie viele der Lieder einst den Hafen als romantische Stätte besungen haben.
„Schön ist die Liebe im Hafen‟ heißt es, „Die Lichter im Hafen‟, „Das ist die Hafenmelodie, „Im Hafen der Sehnsucht‟, und sogar „Einmal im Hafen nur schlafen‟, was Lotsenkapitäne ganz sicher nicht anstreben sollten, sonst rumst es.
Die Metaphorik des Hafens leuchtet zunächst ein. Der Seemann war die verklärte Symbolfigur der berufsbedingten Trennung und Einsamkeit an fremden Orten und damit wahrscheinlich besonders das ideale Ersatzbild des schlagertextlich eher sperrigen Landsers.
Aber erst nach dem Krieg nahm der Hafenkult so richtig Fahrt auf beziehungsweise ging er nachhaltig vor Anker. Von beidem, raus aufs Meer und bloß wieder zurück, wird geschwärmt, es ist ein einziges Rein und Raus,- „Von Hafen zu Hafen‟, „Fahr uns heim, Kapitän!‟
Es kann nicht nur am Kriegsabstand liegen, dass es heute keine Hafenlieder mehr gibt.
Es könnte auch was mit der begrenzten Romantik von Containerschiffen zu tun haben.
Vielleicht sogar was mit der dort bisweilen problematischen Lagerung von Düngemitteln.
Der Hafen von heute ist eine triste Verladerampe, wo man nicht im wehenden Kleid herumstehen darf, weil ein Schiff kommen wird, das den einen bringt. Bald fahren die Pötte quasi ohne Besatzung. „Der Eine‟ kann dann nur noch der Käpt‘n sein. Tariflich ist ein „Nimm mich mit, Kapitän‟ oft nicht sehr ergiebig, und „Nur ein einsames Licht brennt am Hafen‟ charakterisiert die gleißende Beleuchtung am Terminal ebenso unzureichend wie „Am Kai bei der alten Laterne‟ oder der „Schimmer einer alten Bootslaterne‟ in „Die Lichter im Hafen‟. Oder ist Kai der Name des Geliebten? Steht Kai am Kai? Kai ist auch eine japanische Hunderasse (FCI-Gruppe 5, Sektion 5, Standard Nr. 317). Nicht mit Koi zu verwechseln. Mit denen wäre man aber wieder im Wasser…
„Hafenbar‟ (Variante Ost) bzw. „Haifischbar‟ (Variante West) hießen Musiksendungen im Fernsehen, in denen Akkordeonbewaffnete zwischen Fischernetzen in einer klaustrophoben Unterdeckkulisse umhergeisterten.
Wir heute sind aber mehr als genug unterwegs und bedürfen nicht der Romantik des Herumgescheuchtwerdens.
Sonst hätte ich die Noten auch nicht auf dem Flohmarkt gefunden.

bookmark_borderDie ausgestorbenen Hafenlieder

Manchmal flüchte ich nach den trüben Nachrichten ans Klavier und blättere in den vor allem auf Flohmärkten gesammelten alten Schlagernoten.
Herüber vom schrecklichen Geschehen im Hafen von Beirut war es im Stöbern allerdings auffallend, wie viele der Lieder einst den Hafen als romantische Stätte besungen haben.
„Schön ist die Liebe im Hafen‟ heißt es, „Die Lichter im Hafen‟, „Das ist die Hafenmelodie, „Im Hafen der Sehnsucht‟, und sogar „Einmal im Hafen nur schlafen‟, was Lotsenkapitäne ganz sicher nicht anstreben sollten, sonst rumst es.
Die Metaphorik des Hafens leuchtet zunächst ein. Der Seemann war die verklärte Symbolfigur der berufsbedingten Trennung und Einsamkeit an fremden Orten und damit wahrscheinlich besonders das ideale Ersatzbild des schlagertextlich eher sperrigen Landsers.
Aber erst nach dem Krieg nahm der Hafenkult so richtig Fahrt auf beziehungsweise ging er nachhaltig vor Anker. Von beidem, raus aufs Meer und bloß wieder zurück, wird geschwärmt, es ist ein einziges Rein und Raus,- „Von Hafen zu Hafen‟, „Fahr uns heim, Kapitän!‟
Es kann nicht nur am Kriegsabstand liegen, dass es heute keine Hafenlieder mehr gibt.
Es könnte auch was mit der begrenzten Romantik von Containerschiffen zu tun haben.
Vielleicht sogar was mit der dort bisweilen problematischen Lagerung von Düngemitteln.
Der Hafen von heute ist eine triste Verladerampe, wo man nicht im wehenden Kleid herumstehen darf, weil ein Schiff kommen wird, das den einen bringt. Bald fahren die Pötte quasi ohne Besatzung. „Der Eine‟ kann dann nur noch der Käpt‘n sein. Tariflich ist ein „Nimm mich mit, Kapitän‟ oft nicht sehr ergiebig, und „Nur ein einsames Licht brennt am Hafen‟ charakterisiert die gleißende Beleuchtung am Terminal ebenso unzureichend wie „Am Kai bei der alten Laterne‟ oder der „Schimmer einer alten Bootslaterne‟ in „Die Lichter im Hafen‟. Oder ist Kai der Name des Geliebten? Steht Kai am Kai? Kai ist auch eine japanische Hunderasse (FCI-Gruppe 5, Sektion 5, Standard Nr. 317). Nicht mit Koi zu verwechseln. Mit denen wäre man aber wieder im Wasser…
„Hafenbar‟ (Variante Ost) bzw. „Haifischbar‟ (Variante West) hießen Musiksendungen im Fernsehen, in denen Akkordeonbewaffnete zwischen Fischernetzen in einer klaustrophoben Unterdeckkulisse umhergeisterten.
Wir heute sind aber mehr als genug unterwegs und bedürfen nicht der Romantik des Herumgescheuchtwerdens.
Sonst hätte ich die Noten auch nicht auf dem Flohmarkt gefunden.

bookmark_borderDas haben wir geguckt? Das haben wir geguckt!

Merkwürdige Erinnerungskorrekturen, wenn eine dieser ollen ZDF-Hitparaden mit Dieter Thomas Heck aus den frühen Siebzigern wieder zu sehen ist.
Am meisten erstaunt, wie viele komische Leute außer Heck, Sänger, Tonsklave Reiner und Publikum überall noch so herumstehen. Wer hatte die reingelassen? Einige darunter mit ausgesprochenem Anschlagsplanergesicht. Gehen rein und raus und durchs Bild, ohne dass irgendein Zugriff erfolgt. Hab mal gelesen, dass Heck während der Sangesdarbietungen in der Ecke rauchte oder hinten schnell ein Bier zischte.
Und diese Lotterbude war uns im Osten ein Glamourpaket? Eine Desperado-Versammlung, wie wir sie bald an jeder Currywurstbude würden antreffen.
Und schau an: roboterhaft klatschten sie auch auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs und versuchten für ein, zwei Sekunden der Tristesse des Alltags zu entkommen, indem sie in die Kamera winken.
Merkwürdig, dass ich mich nicht losreißen kann. Sonst bin ich der schnellste Zapper östlich von Mainz, aber ich versuche noch weiter zu verstehen, warum es nicht als asozial galt, solcherlei triviale Turniere zu verfolgen.
Und völlig unlogisch die grinsende Verbeugung nach einem gesungenen Lippenbekenntnis von Liebeskummer. Stalker stürzen mit Blumensträußen herbei. In vielen Sängergesichtern der Fußabdruck der Kleinstadtmugge.
Das haben geguckt, im Westfernsehen.
Man sollte ständig, vierundzwanzig Stunden lang auf einem Kanal das ganze Fernsehen von gestern zeigen, damit wir uns ab und zu über uns wundern.

bookmark_borderDas haben wir geguckt? Das haben wir geguckt!

Merkwürdige Erinnerungskorrekturen, wenn eine dieser ollen ZDF-Hitparaden mit Dieter Thomas Heck aus den frühen Siebzigern wieder zu sehen ist.
Am meisten erstaunt, wie viele komische Leute außer Heck, Sänger, Tonsklave Reiner und Publikum überall noch so herumstehen. Wer hatte die reingelassen? Einige darunter mit ausgesprochenem Anschlagsplanergesicht. Gehen rein und raus und durchs Bild, ohne dass irgendein Zugriff erfolgt. Hab mal gelesen, dass Heck während der Sangesdarbietungen in der Ecke rauchte oder hinten schnell ein Bier zischte.
Und diese Lotterbude war uns im Osten ein Glamourpaket? Eine Desperado-Versammlung, wie wir sie bald an jeder Currywurstbude würden antreffen.
Und schau an: roboterhaft klatschten sie auch auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs und versuchten für ein, zwei Sekunden der Tristesse des Alltags zu entkommen, indem sie in die Kamera winken.
Merkwürdig, dass ich mich nicht losreißen kann. Sonst bin ich der schnellste Zapper östlich von Mainz, aber ich versuche noch weiter zu verstehen, warum es nicht als asozial galt, solcherlei triviale Turniere zu verfolgen.
Und völlig unlogisch die grinsende Verbeugung nach einem gesungenen Lippenbekenntnis von Liebeskummer. Stalker stürzen mit Blumensträußen herbei. In vielen Sängergesichtern der Fußabdruck der Kleinstadtmugge.
Das haben geguckt, im Westfernsehen.
Man sollte ständig, vierundzwanzig Stunden lang auf einem Kanal das ganze Fernsehen von gestern zeigen, damit wir uns ab und zu über uns wundern.