bookmark_borderNachdenken über Schmutz

Dass man, ganztags zuhause, viel Zeit für sinnvolle Dinge hat, ist eine späte Illusion.
Die Hälfte des verbleibenden Lebens scheine ich dem Kampf gegen den Schmutz im Haus opfern zu müssen.
Der Schmutz war früher natürlich auch da, aber ich nicht zuhause.
Wir gingen uns besser aus dem Weg.
Jetzt scheine ich ihn durch meine Anwesenheit und noch mehr durch meinen Wunsch nach Sauberkeit zu stören.
Natürlich könnte ich lernen, ihn zu tolerieren, was aber die Toleranz Anderer mir gegenüber beeinträchtigen könnte. Der lässt sich gehen, könnte es heißen. (Was überhaupt ein seltsamer Vorwurf ist, weil es trauriger wäre, wenn man sich nirgendwohin gehen ließe.)
Natürlich sagt niemand solche Vorwürfe, weil wegen der Pandemie kein Besuch kommt.
Und doch will man das Haus vorzeigbar halten.
Eine der vielen paradoxen, aber stützenden Normalitätssimulationen.
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Ich weiß, dass aus der Perspektive des Schmutzes womöglich ich der Schmutz bin.
Es ist eine Kultur vorstellbar, in welcher glatte, reine Oberflächen als abstoßend empfunden und mit Puderstreuern eingestaubt werden.
Auch das kostete Zeit.
Insofern gibt es keinen Anlass, jene Kultur zu beneiden. Vielleicht hat sie auf der Erde schon einmal bestanden und ist untergegangen, weil sich im Schmutz zu viele Krankheitskeime ausbreiten konnten.
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Beim Putzenmüssen, genauer der Versuchung, es zu lassen, ist auch eine Angst vor dem eigenen kulturellen Absturz im Spiel, wie wenn Geschiedene plötzlich die Wurst direkt vom Folienblatt der Verpackung essen und über sich erschrecken. Schamhaft holen sie sogleich und fortan einen Teller, auch, um sich tauglich zu halten für eine neue zwischenmenschliche Beziehung.
Dies ist zum Glück nicht mein Propblem. Höchstens, dass nicht wirklich sichtbar ist für den Anderen, was ich leiste. Nur eine weitere der Heimtücken des Schmutzes, denen stoisch zu trotzen ist.
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Dass der Schmutz nicht nur tendenziell mehr, sondern auch selbst immer schmutziger wird, bestätigt jede(r), den/die die ich darauf anspreche. Der Schmutz setzt sich übereinstimmenden Beobachtungen zufolge neuerdings sofort nach beispielsweise feuchtem Aufwischen unmittelbar erneut ab, was eine abendliche Fingerstreichprobe bestätigt, die in früheren Zeiten länger negativ ausfiel.
Die übliche Verklärung (=Verschmutzung) der Vergangenheit?
(Ich erschrecke an dieser Stelle gern mit der Hypothese, dass es sich beim Mehrschmutz um abgestorbene Corona-Viren handeln könnte. Die müssen ja irgendwo bleiben. Zumindest gibt es nach dem Äußern dieser Mutmaßung ein kurzes, amüsantes Aufblitzen des Entsetzens, das aber rasch von der so genannten Vernunft herabgedimmt wird.)
Es sind natürlich die Autos, die Industrie, die Nachbarn, man selber – alles Tun wirbelt Schmutz auf, der sich weit verbreitet fragend niederlegt und auf unsere Antwort wartet.
Mal ist er mehr grau, zementartig, mal mehr schwärzlich. Im Staubsaugroboter, welcher über Burnout klagt, bildet er graue, rechteckige Ballen und wirkt dadurch portioniert. Leider kauft niemand Schmutz. Nur eine Frage des geschickten Marketing? Im Geistigen klappt es doch auch.
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Mir ist, wie jedem Menschen, die Lebenszeit zu kostbar, um sie mit dem Putzen zu verbringen.
Es gibt zudem auch noch Anderes, was getan werden muss und Lebenszeit zusätzlich vermüllt: Reparaturen, bürokratische Briefe beantworten, Werbeblöcke aushalten, Krank sein, Updates abwarten. Insgesamt dürften, wenn man auch noch stoffwechselbedingte Auszeiten und den Schlaf abzieht, höchstens 5 Prozent Lebenszeit übrigbleiben.
Die große Kunst ist nun, diese kostbare Zeit nicht mit dem Nachdenken über den Schmutz zu vergeuden.