bookmark_borderBei den Anonymen Empörungssüchtigen

Sie sprechen nicht gerne über ihre Sucht, ja, es empört sie oft, wenn jemand sich danach erkundigt.
Die Anonymen Empörungssüchtigen scheuen die Bekanntheit.
“Es sind sensible Wesen”, sagt mir der Leiter der Beratungsstelle, “die es bereits erregt, sollte ich mich zur Sprechstunde um ein paar Minuten verspäten.”
Die Treffen laufen dann ähnlich ab wie bei den Anonymen Alkoholikern, denn die Rauschzustände sind vergleichbar und ebenso die vielen verzweifelten Bemühungen, die Sucht in den Griff zu bekommen.
“Ich bin Derundder und bin empörungssüchtig!”, lautet die Einstiegsformel im Stuhlkreis, worauf mindestens eine oder einer ruft: “Damit sind Sie ja wohl nicht alleine! Was bilden Sie sich ein!”
Spätestens dann muss der Diskussionsleiter eingreifen. “So richtig beruhigen kann man Empörungssüchtige nur, wenn man ihnen Recht gibt. Also sage ich so etwas wie: da ist durchaus was dran, was Sie da einwerfen, aber andererseits… naja, manchmal tobt danach der ganze Raum, manchmal kriege ich den Deckel drauf.”
Immerhin, so der Entempörungstrainer, ist die halbe Luft schon raus, weil man sich wirklich gegenübersitzt statt sich nur online auszutauschen. Im Stuhlkreis wirken noch Reste der archaischen bürgerlichen Erziehung zu guten Manieren.
Empörungssüchtige lauern auf Verstöße gegen festgesetzte Normen, und sollte es an Verstößen mangeln, werden die Normen ein Stückchen höher gesetzt, damit mehr straucheln. Damit helfen Empörungssüchtige sich auch gegenseitig, denn die Normverletzer genießen ihrerseits die steigende Fallhöhe – eine Rückkopplung großer Dynamik!
Der Kernkreis der Empörungsthemen berührt die eigene Identität (oder die einer leicht zu handhabenden Opfergruppe) – wer die nicht nach dem letzten Stand der Vorgaben abbildet, erhält eine neue Identität: die des Verletzenden, über die er selbst natürlich empört ist.
Wie nun aber können diese bedauernswerten Leidenden therapiert werden?
Der Trainer verweist unter Seufzen darauf, dass man mittlerweile erfahrene Anästhesisten ins Team geholt habe. Manch kleine Pille zaubert ein erstes Lächeln auf ein lange wutverzerrtes Gesicht. Aber das kann auf Dauer nur eine Krücke sein (und sofort entschuldigt sich der Therapeut prophylaktisch heftigst bei allen Krückenutzenden). Die einzige wirkliche Lösung sieht er in einer neuen, aber ebenso ansteckenden Versöhnungssucht. Dazu müssten freilich ein paar Hirnbotenstoffe massiv umorganisiert werden, aber machbar ist es. Man ist dazu auf der Suche nach Forschungssüchtigen.
Das Treffen der Empörungssüchtigen ist mittlerweile zu einem lauten und allgemeinen Geschrei ausgeufert.
“Wenn sie gegeneinander wüten, ist zumindest die Energie abgeleitet” , flüstert mir der Leiter zu. “Ich darf das nur nicht laut sagen, bevor es die Pillen gab.”