bookmark_borderFlucht in den Hörsaal

Bis neulich habe ich mit meinem erstaunlich leidenstoleranten Interesse an Geschichte noch versucht, TV-Dokus auszuhalten.
Diese werden allerdings fast nur noch von versprengten Monumentalfilmregisseuren inszeniert, die selbst noch das Ausbuddeln einer Tonscherbe mit einem Crescendo des Bayreuther Festspielorchesters unterlegen müssen. Ständig unken schwellende Hörner und zitternde Celli oder triumphieren von Beckenschall gestützte Posaunen, sobald auch nur die Amtseinführung eines Markgrafen Erwähnung findet.
Nichts, weder Scherbe noch Markgraf, ist dabei länger als eine halbe Sekunde lang zu sehen, bevor vier historisch äußerst fragwürdig gewandete Comparsen eine Völkerschlacht darstellen. (Der am luschigsten wirkende gibt Papst oder Kaiser.)
Kopfschmerz, mindestens Schwindelgefühl ist die Folge dieses Jahrmarktsbudenkrawalls und insofern sicherlich angemessen dem oft so verhängnisvollen menschlichen Tun, aber um so anstrengender, je entschleunigter das alternde Hirn Wissen aufzunehmen wünscht.
Aber die Erlösung ist gekommen. Mit Corona. Mit dem Trend zum E-Learning daheim schwoll plötzlich die Zahl der online verfügbaren Uni-Vorlesungen erheblich an und erlöste mich.
Statt Sinfonieorchester, Kleindarsteller und bedeutungsschwangerem Geraune aus dem Off tritt nun schnörkellos ein naturtrüber Prof ans Pult und spricht mit meist mäßigem Temperament vor unbewegter Kamera eine dreiviertel Stunde. Die einzigen Illustrationen bilden mehr oder minder pünktlich abgerufene Powerpoint-Folien.
Welch Balsam für die dokugeschundene Seele! Und was die graue Maus am Pult alles weiß!
Vieles von all dem Wissen käme ja niemals ins Fernsehen, weil dieses die Zuschauer als kaum belastbar und allzeit fluchtbereit einschätzt. Das Fernsehen hält sich in Bildungsfragen somit lediglich für ein barrierefreies Inklusionsangebot für risikobereite Show-und Serienjunkies. “Nur nicht überfordern!” steht es sicher in großen Leuchtbuchstaben über den Redaktionstischen.
Nicht (oder wenigstens nicht ganz so leuchtend) in den Hörsälen der Hochschulen. Hier bin ich nun oft zu Gast, unsichtbar, keinerlei Quote nährend. Geduldig nehme ich noch den organisatorischen Teil mit oder frage mich, ob Geschichtsprofessoren auch unbedingt historische Mikrofone verwenden müssen.
Beinahe macht es auch ein wenig jung, wieder Student zu sein, wenn auch ein unsichtbarer und liederlicher, der die Kurse nicht vollständig abklappert.
Und nie einen Abschluss macht. Ewig unfertig. Ein schöner Zustand.

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Bis neulich habe ich mit meinem erstaunlich leidenstoleranten Interesse an Geschichte noch versucht, TV-Dokus auszuhalten.
Diese werden allerdings fast nur noch von versprengten Monumentalfilmregisseuren inszeniert, die selbst noch das Ausbuddeln einer Tonscherbe mit einem Crescendo des Bayreuther Festspielorchesters unterlegen müssen. Ständig unken schwellende Hörner und zitternde Celli oder triumphieren von Beckenschall gestützte Posaunen, sobald auch nur die Amtseinführung eines Markgrafen Erwähnung findet.
Nichts, weder Scherbe noch Markgraf, ist dabei länger als eine halbe Sekunde lang zu sehen, bevor vier historisch äußerst fragwürdig gewandete Comparsen eine Völkerschlacht darstellen. (Der am luschigsten wirkende gibt Papst oder Kaiser.)
Kopfschmerz, mindestens Schwindelgefühl ist die Folge dieses Jahrmarktsbudenkrawalls und insofern sicherlich angemessen dem oft so verhängnisvollen menschlichen Tun, aber um so anstrengender, je entschleunigter das alternde Hirn Wissen aufzunehmen wünscht.
Aber die Erlösung ist gekommen. Mit Corona. Mit dem Trend zum E-Learning daheim schwoll plötzlich die Zahl der online verfügbaren Uni-Vorlesungen erheblich an und erlöste mich.
Statt Sinfonieorchester, Kleindarsteller und bedeutungsschwangerem Geraune aus dem Off tritt nun schnörkellos ein naturtrüber Prof ans Pult und spricht mit meist mäßigem Temperament vor unbewegter Kamera eine dreiviertel Stunde. Die einzigen Illustrationen bilden mehr oder minder pünktlich abgerufene Powerpoint-Folien.
Welch Balsam für die dokugeschundene Seele! Und was die graue Maus am Pult alles weiß!
Vieles von all dem Wissen käme ja niemals ins Fernsehen, weil dieses die Zuschauer als kaum belastbar und allzeit fluchtbereit einschätzt. Das Fernsehen hält sich in Bildungsfragen somit lediglich für ein barrierefreies Inklusionsangebot für risikobereite Show-und Serienjunkies. “Nur nicht überfordern!” steht es sicher in großen Leuchtbuchstaben über den Redaktionstischen.
Nicht (oder wenigstens nicht ganz so leuchtend) in den Hörsälen der Hochschulen. Hier bin ich nun oft zu Gast, unsichtbar, keinerlei Quote nährend. Geduldig nehme ich noch den organisatorischen Teil mit oder frage mich, ob Geschichtsprofessoren auch unbedingt historische Mikrofone verwenden müssen.
Beinahe macht es auch ein wenig jung, wieder Student zu sein, wenn auch ein unsichtbarer und liederlicher, der die Kurse nicht vollständig abklappert.
Und nie einen Abschluss macht. Ewig unfertig. Ein schöner Zustand.