bookmark_borderDer pandemische Murmeltiertagseffekt…

…stört immer empfindlicher die Zeitwahrnehmung.
Mangels Erlebnissen ähneln sich die Tage immer mehr.
Der Supermarktbesuch hat sich durch seine Alleinstellung längst zum Mega-Event der Woche hochgejazzt.
Umso wertvoller dieser Wintereinbruch!
Durch den Wegfall von Konzerten, Restaurantbesuchen, Reisen oder Feiern waren die Tagesabläufe so abwechslungsarm geworden, dass es einen Polarwirbel brauchte, um das Einerlei aufzumischen.
Meinte man nicht schon wieder, gerade eben erst die Kaffeemaschine angeworfen oder die Nachttischlampe ausgeknipst zu haben?
Den wievielten Abend saß die gleiche Runde in der Talkshow zusammen und palaverte über Auf-und zumachen?
Aber das Schneeschieben ist jetzt neu.
Wenigstens mal eine andere Katastrophe, wenn auch nur zusätzlich.
Vielleicht kommt in der Talkshow jetzt öfter auch mal der Bahnchef mit seinem Lok-Down.
Die tägliche Koinzidenzzahl, ohne die man gar nicht einschlafen kann, wird um die Schneehöhe ergänzt.
Bis es einfach taut, denn Schneeflocken sind keine Viren.
Sonst würden sie auch zu lange bleiben und selbst in maßlosen Verwehungen langweilen.

bookmark_borderIrgendwas mit Medien -3-: Schnee

Ein harter Wintereinbruch geht auch immer mit sprachlichen Verwehungen einher.
Als erstes kommt immer das falsche Versprechen, irgendeine Region würde “im Schnee versinken”. Das ist physikalisch natürlich kompliziert, denn sie ist nur von Schnee bedeckt und die Gebäude haben ein Fundament, das sie nur wenig in die Tiefe gleiten lässt Das Versinken markiert aber kraftvoll etwas, das Medien gern in Verbindung mit Katastrophen zelebrieren: die Verkündigung der menschlichen Ohnmacht. Wer versinkt, kann ein bisschen strampeln, mehr aber nicht. Menschen, das hat mir schon an der Uni mein Psychologie-Dozent beigebracht, lassen sich vor allem durch das Wachrufen zweier Emotionen erregen: Hoffnung und Verzweiflung. Das Versinken bedient diesen Mechanismus.
Zum Ohnmachtsbekenntnis gehört auch die inflationäre Verwendung des Wortes “Chaos”. Bei den alten Griechen, bei denen es selten geschneit hat, war das Chaos zunächst ein leerer Raum. Bei Hesiod ist es der Urzustand der Welt. Die hebräische Bibel bevorzugt den Begriff “Tohuwabohu”, der auch gern mal in Verbindung mit der Deutschen Bahn gebracht wird. Allerdings sind Zugausfälle und Verspätungen nur schlappe Vorübungen zum Chaos oder Tohuwabohu – dazu müssten sich die Züge wenigstens kreuz und quer übereinander geworfen haben, Räder nach oben, mindestens.
Die Übertreibung ist die Mutter der Einschaltquote. Deswegen muss es bei der “Welt” “das größte Schneechaos seit Jahren” sein. Was ist eigentlich der hier vorausgesetzte Plural von “Chaos”? Chaotische Sprachverwirrung!
Selbst der gerade extrem oft verwendete Begriff “extrem” scheint für maximal minus 15 Grad doch leicht übertrieben, jedenfalls aus der Sicht der Bewohner Nordsibierens, wo sie bei minus 40 Grad noch zur Schule gehen, längst versunken im Schnee.
Der “Focus” dichtet im Libretto-Stil eines Richard Wagner “Wetter-Wahnsinn”. Konsequent fortgeführt könnte da stehen: “Wogen weißen Winters wallen westwärts, wehe, wehe, Wagen und Weichen!”
Möge es so schlimm nicht kommen, wie es in der Zeitung steht!