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stirnlicht Beiträge

Urlaub mit Hilde

Jedes Jahr im Urlaub treffe ich Hildegard von Bingen.
Ohne dass wir verabredet sind.
Es ergibt sich.
Spätestens auf dem Gang zum Spa im Wellness-Hotel liegt ein Klumpen Quarz im Schaufenster und verspricht Heilung nach HB.
Ich weiß: unter dem Kürzel HB reiste in jüngerer-Vergangenheit ein Apostel des Tabakrauchens, ein Succubus des Hedonismus, die Anti-Hilde, wenn man so will.
Hildegard hingegen ist der aschegewordene Ausdruck aller gesunden Glücks-Verheißungen und Kurversprechen: sie ist DIE Anti-Aging-Nurse und Bio-Nonne, Karrierefrau und Domina der Entschleunigung,
Ihr Lob will nicht enden.
Neulich begegnete mir in der ideenreichen Thermen-Cafeteria eine „Gemüsebrühe Hildegard von Bingen“. Veggie war sie also auch.
Und Christin soll sie gewesen sein, aber das merkt man heute nicht mehr so. Sie war ja auch hart am Rande des Ketzertums und hätte leicht auf dem Scheiterhaufen enden können. Die Anti-HB-Männchen der Inquisition hatten immer Feuer dabei.
Mit Rauch hat sie übrigens auch geheilt. Weihrauch sollte man sich ins Ohr fächeln, wenn man schlecht hört. Machen wir heute nicht, denn wir hören schlecht, auch auf Hildegard, und das ist wohl auch gut so.
Durch das Spa röhrt nur heiser die unvermeidliche Panflöten-CD, während die Edelsteine wissenschaftsfrei ihre heilende Kraft entfalten.
Diamanten, lese ich, helfen gegen Hunger. Wohl, wenn man sie verkauft.
Aber von mir aus auch durch Herumliegen. Urlaub – das ist schließlich auch Urlaub von der Schulmedizin.
Und man gönnt sich mal was. Hilde trifft man nämlich erst ab 4 Sternen. Drunter gibts nur Spaßbad. Ab 4 Sterne gibt es gern einen Hauch Kloster. Jedenfalls bis die Nachtbar öffnet.
Darüber hinaus verströmt Hilde Geborgenheit in der rauhen Fremde. Wir sind, weil wir mal weg sind, endlich zuhause, sagt uns ihr trostreiches Antlitz. In Muttis Schoß. Alles wird gut, wenigstens für ein paar Tage.
2012 ist Hildegard von Bingen heilig gesprochen worden. Aber da war sie längst schon viel mehr, nämlich eine Marke.
Würde mich nicht wundern, wenn unter ihrem mild lächelnden Antlitz auch wieder die Zimmerpreise gestiegen sind. Der bewährte, alte Aderlass.
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Leben zu Trainingszwecken

Endlich weiß ich, wozu ich lebe. Zu Trainingszwecken.
(Was ich schon lange vermutete.)
Die Hotlines holen jetzt immer meine Zustimmung zum Aufzeichnen des Gespräches. Irgendwann werden sie dann meinen Anruf im Seminar “Renitenzkompetenz” auswerten und in allen denkbaren Verläufen bis zum Erfolg der Firma durchspielen.
Gern möchte ich ausrufen, dass mein Anruf keine Übung ist, sondern ein echter Notfall, eine wirkliche Störung oder Reklamation, aber wie ich feststelle trainieren sie gerade wieder, nicht ans Telefon zu gehen.
Mittlerweile kann ich diese Zeiten des Zurückgeworfenseins genießen. In diesen Minuten der halben Ankunft,wartegeschleift und mit PR-Tinnitus sediert, steigen die philosophischen Seinsfragen auf. Was kann ich hoffen? Was ist der Mensch? Was kann ich wissen? Was wird das kosten?
Und was gibt es an mir zu trainieren? Wollen sie hinter meine Schliche als gewitzter Reklamateur kommen, die rhetorischen Finessen auskundschaften, mit welchen ich meine berechtigten Ansprüche herbeischwatze? Warum zeichne ich nicht selbst das Gespräch gleichfalls auf, um im Nachhinein das Florett meiner eigenen Klageführung zu wetzen? Nicht zum ersten Mal gewährte ein Wettrüsten den Frieden und ein Gleichgewicht der Schrecken!
Müsste man machen, müsste man machen. Sonst werden sie eines Tages jedes Gespräch gewinnen. Auch die Resignation des Kunden werden sie dann natürlich als Zufriedenheit werten.
Dass sie mit Zufriedenheit gar nicht Zufriedenheit meinen, merkt man immer schon an den Zufriedenheitsumfragen, die derartig nerven, dass sich im Beantworten derselben nie im Leben auch nur ansatzweise ein Zufriedenheitsfeeling einstellen kann. Da können sie verlosen was sie wollen.
Auch das Aufzeichnen dient ganz ausdrücklich der “Erhöhung der Kundenzufriedenheit”. Nun ist aber, was ignoriert wird, die Kundenzufriedenheit in den meisten Fällen ganz und gar nicht stufenlos zu erhöhen, sondern von bestürzend simpler binärer Logik: Entweder, etwas funktioniert oder es funktioniert nicht. Funktioniert es, bin ich zufrieden, wenn nicht, dann nicht. Alles ist viel einfacher, als es sich Zufriedenheitstrainer träumen lassen.
Einmal hatte ich, meinem Karma zuwider, ein schönes Reklamationserlebnis. Ich rief um eine Lampenschale an, die zersplittert geliefert wurde, gleichwohl die Lampe verpackt war, als wollte man sie aus einem Frachtflugzeug über ein Notstandsgebiet abwerfen. Die Lampe lag in Plastikpolsterfolie, die in Papier gewickelt war, das in Papier gewickelt war, umgeben von einem Karton, der in Styroporflocken schwebte, die sich in einem gefütterten Umkarton befanden.
Theoretisch konnte der Lampenschirm gar nicht zerbrechen, und ich machte mir deshalb Sorgen, ob man mir die Weisheit abnähme, dass selbst in den tiefsten Tiefen der Geborgenheit die Zerstörung hausen kann.
Bereits nach zwei Ruftönen ohne Mitschnittwarnung nahm eine freundliche Dame mein Gespräch an, welche den Eindruck erweckte, auf meinen Anruf geradezu gewartet zu haben. Scherbenversand schien dort die Norm zu sein, und vielleicht hätten sie sogar von selbst bei mir angerufen, wenn ich mich nicht gemeldet hätte. Ohne großes Training im Herumzieren schickte sie mir eine neue Lampenschale, die genau so verschwenderisch verpackt war, als gäbe es für diesen Planeten kein Morgen. Aber sie war unversehrt, und ich erwog sogar, zur Erhöhung der Lieferantenzufriedenheit noch einmal anzurufen.
Doch ich ließ es.
Dabei wäre es vielleicht schön gewesen. Eine Art wirkliches Gespräch zwischen Menschen.
Nächstes Mal werde ich es tun. Zu Trainingszwecken.
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Psst als Job

Ich sammele ja beobachtend Existenzen, das heißt, ich wundere mich gern, auf welche Weise man heutzutage sein Geld verdienen kann.
Einen der merkwürdigsten Jobs, die ich kenne, stöberte ich zu Rom in der Sixtinischen Kapelle auf.
Eine Weile die tollen Gemälde betrachtend, die einen in einer solchen Fülle und Bildgewalt umgeben, dass dort nur Kunstmuffel in Ruhe Andacht halten können, hörte ich in Abständen immer wieder „Psst!“
Das war auch nötig, denn Menschen schaukeln ihre Lautstärke gern auf, was ich auch letztens in einem angesagten Berliner Restaurant bemerkte, in welchem wir uns zuerst zutuschelten und zwei Stunden später anschreien mussten. Es war Berlinale, und lauter wichtige Menschen versuchten mal wieder, immer wichtiger, ergo lauter zu werden. Es ist, nebenbei, einer der Flüche der Menschheit und allen Seins, dass der Lauteste oft eher Gehör findet als der Lautere.
Aber zurück nach Rom.Da stand also inmitten der global ansteigenden Touristenfluten ein Mitarbeiter der Vatikanischen Museen und hatte nichst weiter zu tun, als cirka alle zwei Minuten sehr, sehr deutlich, beinahe laut, „Psst!“ zu zischen. Was er virtuos beherrschte! Ein „Psst!“-Künstler vor dem Herrn! Bestimmt gibt es richtige „Psst!“-Kurse und Coache, vielleicht helfen die römischen Zahnärzte auch etwas nach.
Das „Psst!“ (manchmal auch „Psssssssst!“) sollte immer wieder daran erinnern, dass man nicht in einer bemalten Bahnhofshalle, sondern an einem geschichtlich und geistlich wichtigen Ort weilt, obwohl natürlich auch so manche Bahnhofshalle ihre Geschichten erzählen könnte.
Da ich in der Sixtinischen Kapelle kein Wort sprach, fühlte ich mich natürlich ungerechtfertig ermahnt, vor allem, als der Psstler auch noch in meine Richtung blickte, wenn auch nur kurz. Er verstand es, sehr rasch sehr viele Besucher anzuschauen. Nicht bösartig, mahnend, ernst und auch etwas vom Burnout eines Berufszischers gezeichnet.
Vielleicht, dachte ich mir, tauschen sie die Leute auch regelmäßig aus. Wer zehn Jahre nur „Psst!“ sagt, dürfte psychisch gefährdet sein und womöglich eher als andere an Tourette-Symptomen wie Koprolalie erkranken, was ihn für den Kapellendienst ziemlich unbrauchbar macht. Vielleicht geht der Psst-Dienst daher reihum.
Wenn nun Konklave ist, haben jedenfalls alle frei. Wenn es hoch hergeht, wird ein Kardinal den Job übernehmen müssen.

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